Welt-Braille-Tag am 4. Januar

Der 4. Januar ist Welt-Braille-Tag, der Tag der Blindenschrift. Die Schrift, erfunden von Louis Braille, arbeitet mit Punktmustern, die von hinten in Papier gepresst werden, sodass sie als Erhöhung mit den Fingerspitzen erfühlt werden können. Interview mit dem freien Journalisten Alain Forotti.

Brailleschrift

Illustrationsbild: Sqback/PantherMedia

Es ist viel von Menschen mit eingeschränkter Mobilität die Rede. Von Maßnahmen für Blinde im Speziellen hört man  seltener. Wie erleben die Betroffenen das? Fühlen die sich ausreichend berücksichtigt?

Ich denke schon. Wenn ein Blinder mit dem weißen Stock unterwegs ist, hat er ja normalerweise die Wege gelernt, hat vorher ein Mobilitätstraining absolviert, wo man praktisch mehrere Stunden immer die gleichen Wege übt, die man immer mal braucht. Ich muss auch sagen, die Menschen, die einen mit einem weißen Stock treffen, gehen auch sehr hilfsbereit mit uns um. Es gibt nur so eine Sache, die so ein bisschen der Klassiker ist: Man wird am Arm gegriffen und wird über eine Kreuzung hinweg irgendwohin geführt, ohne dass man vielleicht dahin wollte. Das ist natürlich sehr gefährlich.

Man muss schon die Kommunikation in den Vordergrund stellen, fragen „Brauchen Sie Hilfe und wo möchten Sie wirklich hin?“ Weil wenn wir einen Weg lernen, dann wissen wir, wenn wir über die Ampel gegangen sind, dann gehen wir direkt nach links, dann kommt ein Pfahl und dann ein Gitter – all das, was wir vorher gelernt haben. Sind wir aber über die falsche Kreuzung geführt worden, dann gehen wir in die entgegengesetzte Richtung und kommen gar nicht mehr klar. Man muss halt schon dann den Respekt so wahren, wie man das bei einer sehenden Person auch machen würde, die man ja auch nicht einfach anfasst.

Wo braucht es denn vielleicht doch noch eine besondere Sensibilisierung der Sehenden, weil sie verschiedene Dinge gar nicht bedenken?

Es ist eine schwierige Frage, weil eigentlich schon sehr viel getan wird. Das Wort Barrierefreiheit wird ja ganz groß geschrieben. Man stößt natürlich trotzdem immer wieder an die Grenzen und das ist auch irgendwie logisch. Man kann nicht alles, was im Leben existiert, so hinkriegen, dass jeder Blinde damit klarkommt.

Alain Forotti (Bild: privat)

Alain Forotti (Bild: privat)

Die Technik hat sich auch ziemlich weit entwickelt. Computer können vieles erleichtern. Es gibt so was wie visuelle Text-Erkennung, wo die Schrift vorgelesen wird. Heute ist der internationale Tag der Brailleschrift. Ist diese technische Entwicklung vielleicht auch eine Gefahr für die Brailleschrift?

Nein, überhaupt nicht, weil die Braille-Zeile – eine Leiste, die praktisch unter der Computertastatur angebracht wird und klassische Buchstaben automatisch in Brailleschrift übersetzt -, die funktioniert ja auch mit der Blindenschrift. Das ist im Prinzip eine Sache, die schon seit vielen Jahrzehnten existiert, obwohl manche Arbeitgeber davon noch nicht so viel Wind gekriegt haben. Viele Blinde, die Bewerbungen schreiben, erhalten Absagen. Da wird dann einfach gesagt „Ach komm, schickt da mal eine Absage, der kann doch nicht am PC arbeiten.“ Aber das stimmt überhaupt nicht. Früher sind Blinde meistens als Telefonisten beschäftigt worden oder waren in einer Behindertenwerkstatt. Heute gibt es sogar welche, die bei der Polizei arbeiten.

Wenn man das noch ein bisschen genauer betrachtet, was kann ein Blinder am Computer? Und wo sind noch die Grenzen?

Man kann selbstständig Mails schreiben. Wir können an der ganz normalen Kommunikation mit den sozialen Netzwerken teilnehmen. Die Grenzen, die setzen manche, die ihre Internetseite nicht barrierefrei gestalten, wo sehr viel Grafik drauf ist, wo die entsprechenden Schalter nicht beschriftet sind. Viel geht auch mit dem Smartphone. Die sprechen ja auch durch Siri und Sprachausgabe. Da ist sehr viel möglich geworden. Da können wir uns durch das Navi irgendwo hin navigieren lassen. Wir können durch die Kamera etwas fotografieren und mal der Freundin oder der Mutter schicken „Hier guck mal, ist die Milch noch haltbar, lies das mal schnell vor.“

Da ist sehr viel möglich geworden. Aber wenn jetzt zum Beispiel eine Internetseite so gestaltet ist, dass es nur heißt „Schalter, Schalter, Schalter“, egal wo ich hin drücke, dann ist eben die Seite nicht barrierefrei programmiert und dann hängen wir.

Weil dann eben die Hintergrundinformationen fehlen und die Sprachausgabe nicht weiß, wofür der Schalter da ist …

Also wenn man jetzt zum Beispiel einen Stream einfach mal öffnen will, dann sagt der Sehende zu mir, du brauchst doch nur auf „Play“ zu drücken. Ja, aber wenn das Wort „Play“ nicht da steht, dann bringt mir dieses Zeichen „Play“ auch nichts.

Es gibt mittlerweile schon mehrere Restaurants, die das Blindsein für Sehende nachstellen. Das heißt, da werden Gäste von Blinden in einen stockdunklen Raum geführt, an einen Tisch gesetzt und bedient. Man sieht weder den Teller, den man bekommt, noch was da drauf ist und soll das essen. Du hast auch einmal in einem solchen Restaurant gearbeitet. Welche Erfahrungen hast du aus dieser Arbeit mitgenommen?

Ja, es gibt diese Dunkel-Restaurants. Das erste hieß „Blinde Kuh“ in der Schweiz. Ich war in Berlin tätig. Es gibt aber eins, das näher im Sendegebiet vom Belgischen Rundfunk liegt, nämlich in Köln, die „Unsicht-Bar“. Es ist so, dass das eben nicht aus Gaudi gemacht wird, so nach dem Motto „Ach, da wollen wir mal reingehen und gucken, wie es ist, blind zu sein“. Sondern viele wollen diese Erfahrung machen, wie es eben ist, wenn man nicht sieht und dass die Sinne dann mehr trainiert werden und dass man viel mehr auf die Akustik achtet.

Ich habe zum Beispiel einen Kumpel. Wir waren zusammen in Hong Kong unterwegs. Der ist mit mir so schnell gerannt und so oft musste man den Bürgersteig runter und wieder hoch, es war so anstrengend. Als ich ihn das erste Mal mit ins Dunkel-Restaurant genommen habe, ist er nie wieder mit mir so gerannt, weil er gemerkt hat, wie vorsichtig man gehen muss, wenn man überhaupt nicht sieht.

Blindenhilfswerk Ostbelgien

Auch in Ostbelgien sind blinde oder sehbeeinträchtigte Menschen auf die Braille-Schrift und vor allem auf Hilfe angewiesen. Die bietet das Blindenhilfswerk, eine Gruppe von Ehrenamtlichen, die sich zur Unterstützung der Blinden berufen fühlen. Es gibt eine Gruppe in St. Vith und eine in Eupen. In St. Vith wurde die Gruppe 1986 gegründet, erklärt Elisabeth Jodocy, die selber seit etwas mehr als 20 Jahren ehrenamtlich tätig ist.

Auch die Dienststelle für selbstbestimmtes Leben berät Personen mit Unterstützungsbedarf in Bezug auf die Anpassungen zu Hause (Markierungen, Licht, …) und die Möglichkeiten zur Mobilität. Bei komplexen Anfragen oder bei Mobilitätstraining arbeitet die Dienststelle mit externen Gutachterzentren zusammen, beispielsweise der Braille-Liga und La Lumière.

Auch verfügt die Dienststelle über einen Ausleihdienst, wo Hilfsmittel für Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung verliehen werden, wie unter anderem Lupen und elektronische Lesegeräte (sogenannte Daisyplayer).

lo/okr/sr

Ein Kommentar
  1. Gerd Xhonneux

    Übrigens muss man nicht der Blindenschrift mächtig sein, um einer sehbeeinträchtigten Person einen richtigen Brief in Braille zu schreiben. Einfach und natürlich für beide Seiten kostenlos geht das seit 2004 mit der Braillepost unter braillepost.be.