„Quarantine Queen“: Wie Annemie Heinen sich die Zeit vertreibt

Annemie Pelletier-Heinen ist wieder zu Hause, zumindest fast. Nach dem Tod ihrer Mutter war sie im Frühjahr für drei Monate in ihre alte Heimat Deidenberg zurückkehrt. Vor gut einer Woche ging es wieder nach Australien, wo sie seit über 30 Jahren mit ihrer Familie lebt - erst musste sie aber in eine 14-tägige Quarantäne in ein Hotel in Sydney.

Der Blick aus dem Fenster ist immerhin nicht übel (Bild: Annemie Heinen)

Der Blick aus dem Fenster ist immerhin nicht übel (Bild: Annemie Heinen)

„Wir sind vom Flughafen per Bus hierher gefahren worden, mit Polizeieskorte. Das Militär hat mich zum Zimmer gebracht und die Tür hinter mit zugemacht. Es fehlten eigentlich nur noch die Handschellen“, schildert Annemie Heinen. Nicht einmal raus auf den Flur darf sie – sie hätte auch keine Schlüsselkarte, um wieder reinzukommen. Kontakt mit dem Hotelpersonal ist untersagt, das Essen wird zu bestimmten Uhrzeiten vor der Zimmertür abgestellt, nach dem Klopfen heißt es einen Moment abwarten.

Für Unterbringung und Verpflegung müssen die Australier selbst aufkommen, zu einem festgelegten Tarif von 3.000 australischen Dollar, was in etwa 1.800 Euro entspricht. „Billig ist es nicht. Aber das weiß man, bevor man das Land verlässt. Da kommt man halt nicht daran vorbei. Wer ausreisen und zurückkommen will, der weiß, dass er diese Unkosten hat.“

Australien fährt eine sogenannte Zero- oder No-Covid-Strategie. Bei jedem kleinen Ausbruch verhängt die Regierung harte Lockdowns … bis die Zahlen wieder bei Null sind. Und danach sieht es in Sydney bzw. im australischen Bundesstaat New South Wales derzeit nicht aus. „Sydney ist schon seit Mitte Juni im Lockdown und es wird immer schlimmer. Im Moment ist der ganze Bundesstaat im Lockdown. Und die Fallzahlen steigen immer noch: Sydney hatte heute 681 Neuinfektionen, was bei weitem die höchste Zahl war – Mitte Juni waren es nur 22. Mittlerweile lassen sich die Leute aber auch impfen.“

Bisher hatte das Land einen gewaltigen Impfrückstand, was gerade an der strikten Handhabung in Sachen Pandemie lag.  „Letztes Jahr hat das prima geklappt, da hatten wir wirklich sehr wenige Fälle im Vergleich zum Rest der Welt. Aber dadurch haben die Australier sich in Sicherheit gewähnt. Kein Mensch wollte sich impfen lassen, nach dem Motto: ‚Wir brauchen uns gar nicht impfen zu lassen.‘ Dann kam die Deltavariante und jetzt kommt man mit dem Impfen nicht mehr nach.“

Nach dem Corona-Ausbruch in Sydney hat die Regierung für bestimmte Berufsgruppen eine Impfpflicht beschlossen. „Die Fluggesellschaft Quantas hat vor ein paar Tagen angeordnet, dass alle ihre Angestellten bis Ende September geimpft sein müssen oder ihre Arbeit verlieren. Alle Beschäftigten in Krankenhäusern und Altenheimen müssen geimpft sein. Die Lehrer sollen geimpft werden … also schon ein großer Teil, für den die Impfung verpflichtend wird.“

Annemie Heinens Bewerbungsfoto als "Quarantine Queen" (Bild: privat)

Annemie Heinens Bewerbungsfoto als „Quarantine Queen“

Das gilt auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Quarantäne-Hotels wie dem, wo Annemie Heinen auf ihrem Zimmer, so gut es geht, die Zeit totschlägt: mit Fitness-Übungen, Strickzeug, Kreuzworträtseln, einem Puzzle und … mit einer Nähmaschine, die ihr eine Freundin hat bringen lassen. „Die Nähmaschine war meine Rettung, denn mit dem Nähen geht die Zeit sehr schnell vorbei, da muss man sich wirklich konzentrieren und dann vergesse ich, dass ich eingeschlossen bin. Das hilft mir am meisten.“

Auch die Leitung des Quarantäne-Hotels versucht, den unfreiwilligen Gästen, zu denen auch australische Olympiateilnehmer gehören, die Zeit zu vertreiben, mit Wissensquiz oder Zoom-Bingo. „Und dann gibt es einen Wettbewerb, sich als König oder Königin zu verkleiden und das Foto auf Instagram zu veröffentlichen. Anscheinend sollen wir dafür mit einer Flasche Sekt belohnt werden. Da habe ich natürlich mitgemacht, zumal mir meine Freundin einen Haufen Stoff geschickt hat, damit konnte ich mich amüsieren.“

Ob es am Ende reicht für den Titel der „Quarantine-Queen“? Annemie Heinen nimmt ihre Situation jedenfalls mit Humor. Auch wenn die Geduld bei ihr und ihren Landsleuten langsam zu Ende geht.

Stephan Pesch