Vor 60 Jahren: Bewohner müssen Reinartzhof verlassen

Jedes Jahr am 1. Mai findet traditionell eine Einkehrwanderung und Gedenkfeier am Reinartzhof statt, in Erinnerung an die ehemaligen Bewohner. Am Samstag wäre es wieder so weit. Doch coronabedingt kann die Feier nun schon das zweite Jahr in Folge nicht stattfinden. Trotzdem bietet dieses Jahr einen guten Anlass, noch einmal auf die Geschichte der Vennsiedlung zurückzublicken, denn vor 60 Jahren mussten die Bewohner Reinartzhof verlassen.

Reinartzhof früher (Quelle: Christoph Heeren)

Reinartzhof früher (Quelle: Christoph Heeren)

Der Reinartzhof galt früher als die wichtigste Kulturstätte des Hohen Venns. Zurückzuführen ist das auf seine Lage am Schnittpunkt wichtiger Straßen. Denn am Reinartzhof kreuzten sich die Straßen aus Weismes, Mützenich, Roetgen, Aachen und Raeren.

Wer damals aus dem Moselland nach Aachen pilgern wollte, oder umgekehrt von Aachen Richtung Trier, dessen Weg führte in der Regel am Reinartzhof vorbei. Pilger und Pferde fanden hier eine Herberge und damit die Möglichkeit, sich von den Reisestrapazen zu erholen, bevor es weiterging.

„Früher gab es die Bundesstraße, die durch Roetgen führt, noch nicht“, erklärt Christoph Heeren, Mitorganisator der alljährlichen Gedenkfeier. „Der Weg führte über Vennkreuz und Reinartzhof. Später ist dann die Bundesstraße gebaut worden und die Straße ist praktisch verlegt worden. Aber früher ging alles, was Richtung Trier musste, über Reinartzhof.“

Seit 2003 erinnert eine Infotafel an den Reinartzhof (Bild: Christoph Heeren)

Seit 2003 erinnern Infotafeln an den Reinartzhof (Bild: Christoph Heeren)

Mehrere Familien und Höfe hatten sich dort mitten im Wald angesiedelt – bis Ende der 1950er Jahre das Ende des Weilers besiegelt wurde. „1958 wurde beschlossen, diese Vennsiedlung abzureißen, weil das Gebiet um Reinartzhof und auch Reinartzhof selber zum Einzugsgebiet der Talsperre gehörte und man befürchtete, dass das Wasser der Talsperre verschmutzt werden könnte“, erklärt Heeren.

„Daraufhin wurde per Königlichem Erlass beschlossen, dass die Gebäude dort oben abgerissen werden – was dann auch leider so passiert ist. 1961 war das letzte Jahr, wo dort oben noch Leute lebten. Danach war alles weg.“*

Heute sind nur die Grundmauern von einigen Höfen übrig, nicht höher als einen halben Meter. Mehr ist vom Reinartzhof nicht mehr geblieben. Aber die Erinnerung daran wird aufrecht erhalten – darum kümmern sich seit rund 50 Jahren die Raerener Pfadfinder. „1971 haben sich die Pfadfinder Raeren zusammengesetzt und gesagt, dass sie zur Erinnerung dort oben eine Kapelle bauen. 1973 ist diese dann am Pfingstmontag eingeweiht worden als Gedenkstätte an diese Siedlung, die dort oben war.“

Einweihung der Waldkapelle am 11. Juni 1973: Über 500 Gäste nahmen damals an der Feier teil (Quelle: Christoph Heeren)

Einweihung der Waldkapelle am 11. Juni 1973: Über 500 Gäste nahmen damals an der Feier teil (Quelle: Christoph Heeren)

Seitdem findet in der Waldkapelle jedes Jahr eine Gedenkfeier statt – seit 2017 allerdings immer am 1. Mai und nicht mehr am Pfingstmontag.

Bis zu 100 Personen nehmen je nach Wetterlage daran teil. „Im Anschluss an diese Feier schenken wir auch immer noch Getränke aus und Raerener Kranz, um den Leuten eine Stärkung anzubieten für den Rückweg“, so Heeren. „Das Geld, das wir dann dort einnehmen durch den Verkauf, nutzen wir, um die Kapelle zu erhalten. Den restlichen Teil spenden wir für gute Zwecke.“

Um die Pflege der Kapelle kümmert sich Christoph Heeren heute gemeinsam mit fünf anderen ehemaligen Pfadfinder-Leitern. Damit haben sie das Erbe angetreten von unter anderem Marcel Lejoly und Kunibert Kerres, der dort früher mehrmals pro Woche nach dem Rechten schaute und dessen alte Pfadfinder-Uniform dort auch vergraben wurde.

Für Christoph Heeren und seine Mitstreiter ist es wichtig, dass der Ort und die Erinnerung daran erhalten bleibt. Umso bedauerlicher ist es, dass die Gedenkfeier nun schon das zweite Mal in Folge ausfallen muss. Das gilt gerade in diesem Jahr, genau 60 Jahre nachdem die Bewohner Reinartzhof verlassen mussten, umso mehr.

„Wir sind schon enttäuscht darüber, dass wir dieses Jubiläum nicht so feiern können wie es eigentlich angedacht war, aber aufgrund der Corona-Maßnahmen ist es halt nicht möglich“, bedauert Heeren. „Wir wissen nie, wie viele Leute kommen und wir wollen auch keinen zurückschicken, nur weil wir dort oben unser Maximum an Leuten erreicht haben. Aber gut, ich denke, es gibt noch viele andere Veranstaltungen und Dinge, die nicht stattfinden können und Jubiläum feiern können. Da gehören wir leider mit zu.“

Und so blicken die Organisatoren auf nächstes Jahr – in der Hoffnung, dass die Feier dann wieder stattfinden und das Jubiläum nachgeholt werden kann.

Die Raerener Pfadfinder pflegen auch eine Internetseite zum Reinartzhof. Dort findet man unter anderem altes Bildmaterial von der Vennsiedlung sowie Fotos der vielen Gedenkfeiern der vergangenen Jahre.

* Nachträgliche A.d.R.: Die Bewohner mussten dem Königlichen Erlass innerhalb von drei Jahren Folge leisten. Bis 1961 waren auch alle Familien der Aufforderung nachgekommen und hatten ihre Höfe aufgegeben – mit einer Ausnahme: Die Familie Gillet widersetzte sich bis zuletzt und verließ ihren Hof erst 1971.

Melanie Ganser

Ein Kommentar
  1. N. Werner COLONERUS

    Reinartzhof : Die letzten Bewohner auf Reinartzhof waren Herr & Frau GILLET, oben auf Reinartzhof, letztes Haus.
    Soweit ich mich erinnere, bewohnte das Ehepaar Gillet den Hof noch am 30/06/1964, müssen den Hof also später verlassen haben.
    Ich war vom 01/03/1963 bis 30/06/1964 Forstrevierleiter, zuständig für das Forstrevier Reinartzhof.

    Werner Colonerus