Welche Rolle Hoffnung und Glaube in Kongos Unabhängigkeit spielten

Vor 60 Jahren, am 30. Juni 1960, erlangte die demokratische Republik Kongo ihre Unabhängigkeit. Der Weg dahin und somit weg von der belgischen Kolonialisierung war ein langer und schmerzhafter Weg. Dabei traten in der kongolesischen Geschichte immer wieder Persönlichkeiten auf, die sich für die Unabhängigkeit stark machten. So auch Simon Kimbangu, aus dessen Wirken heraus eine Kirche entstanden ist, die auch in Belgien Niederlassungen hat.

Sacha Neuville mit seiner Familie (Bild: Andreas Lejeune/BRF)

Sacha Neuville mit seiner Familie (Bild: Andreas Lejeune/BRF)

Sacha Neuville lebt in Eupen. Er ist mit einer Kongolesin verheiratet und zusammen haben sie einen gemeinsamen Sohn. Alle drei sind Mitglied der kimbanguistischen Kirche, die auf Simon Kimbangu zurückgeht.

Das eigentliche Wirken von Simon Kimbangu war recht überschaubar. Vor allem im Jahre 1921 machte er mit Predigten und Wunderheilungen auf sich aufmerksam. Sacha Neuville verbindet mit Kimbangu vor allem Hoffnung. „Wenn man das auf einige Kernbotschaften reduzieren kann: Simon Kimbangu hat den Menschen damals schon Hoffnungen gemacht.“

Also wir reden hier von fast vierzig Jahren vor der Unabhängigkeit. Er hat ihnen Hoffnung gemacht in seinen Prophezien, in seinen Predigten: ‚Eines Tages werdet ihr frei sein, eines Tages werdet ihr eure Würde wiedererlangen‘. Das hat wirklich, würde ich behaupten, diesen Ursprung eines Unabhängigkeitsdenkens bewirkt.“

Simon Kimbangu wird Ende der 1880er Jahre in einem kleinen Dorf im Kongo geboren. Katholiken und Protestanten teilen sich zu diesem Zeitpunkt die religiöse Führung des Landes. Kimbangu befindet sich im Einflusskreis einer englischen Baptistenmission und wird dort zum Katechet ausgebildet.

Doch sein Schicksal nimmt recht schnell eine Wendung. „Er hat ein Berufungserlebnis gehabt, oder mehrere. Er hat nach eigenen Angaben den Herrn Jesus öfters gesehen, der ist ihm erschienen und hat ihm einen Auftrag erteilt“, erzählt Sacha Neuville. „Der Auftrag war ‚l’homme noir‘ zu befreien, weil er auf der ganzen Welt zu der Zeit – wir sprechen hier vom Anfang des 20. Jahrhunderts – eigentlich überall unterdrückt war.“

Kimbangus Botschaft sowie die Wunder, die ihm von seinen Anhängern zugesprochen werden, stellen für die Kongolesen einen neuen Anhaltspunkt dar. Für die belgischen Kolonialisten jedoch geht von Kimbangu eine Gefahr aus.

„Die Botschaft des Christentums ist: Ich bin als Mensch etwas wert, durch den Glauben an Jesus Christus, durch das Befolgen seiner Lehre. Das ist im Grund die urchristlichste Botschaft. Das ist die Botschaft von Simon Kimbangu und dafür ist er zuletzt zum Tode verurteilt worden. Er ist von König Albert I. begnadigt worden – keine Todesstrafe, sondern lebenslängliche Haft. Ich weiß da nicht genau, wo die Begnadigung ist.“

Noch 1921 wird Kimbangu verhaftet. 30 Jahre später stirbt er im Gefängnis. Im Zuge der Festnahme des Predigers werden 37.000 Familien vertrieben, manche werden getötet. Die Glaubensgemeinschaft zersplittert. „Das einerseits Schlimme, das andererseits Gute war die Deportation. Also die ursprünglich im Bas-Congo angesiedelte Bewegung ist übers ganze Land verstreut worden, hat aber in der Verbannung für ihr Werk, für ihren Simon Kimbangu die Fahne hoch gehalten.“

Einerseits entstand so die kimbanguistische Kirche. Heute hat sie drei Niederlassungen in Belgien: in Lüttich, Brüssel und Antwerpen. Auf der anderen Seite hatte Kimbangus Wirken aber auch erheblichen Einfluss auf die Unabhängigkeitsbewegung innerhalb des Kongos. „Sie entstand nach dem Zweiten Weltkrieg, peu à peu, Anfang der 50er Jahre. Seine Söhne waren Mitinitiatoren der Bewegung, die sich Abako nannte. Die war zuerst eine kulturelle Bewegung, ist dann eine politische Bewegung geworden und eine der treibenden Kräfte in der tatsächlichen Unabhängigkeitsbewegung Ende der 50er Jahre.“

Für Neuville ist der Umgang mit Simon Kimbangu bezeichnend. Damals wie heute. Damals war es die Angst vor einer eigenständigen, mündigen kongolesischen Bevölkerung, die in die Zerstörung des Selbstwertgefühls und Selbstbewusstseins der Kongolesen führte. „Wenn wir diese Bewegung ‚Black Lives Matter‘ heute haben, diese Kerbe schlägt zum Beispiel die Problematik, die man heute im Kongo noch beobachten kann. Es ist ein sehr geringes Selbstwertgefühl. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass ein Teil der Geschichte komplett zerstört worden ist, durch die Machenschaften der Kolonialherren.“

Und heute wird laut Neuville zu wenig an Persönlichkeiten wie Kimbangu erinnert, dabei könnten gerade diese immer noch eine konstruktive Rolle spielen. „Was das wieder aufbauen kann, das sind wirklich diese positiven Geschichten, um historische Persönlichkeiten insbesondere, natürlich auch zeitgenössische Persönlichkeiten. Aber einen Teil der Geschichte rehabilitieren, das ist wichtiger, als mit Geld um sich schmeißen, um etwas zu reparieren.“

Für die Zukunft wünscht Sacha Neuville sich vor allem einen breiten und offenen Dialog. „Gut, da kann man sich Unterstützung holen aus der Zivilgesellschaft, seien es eben Minderheiten, die da sind. Ich kann es jetzt nicht genau sagen, aber die kongolesische Bevölkerung, das sind mehrere zigtausend Menschen, die noch heute in Belgien oder in Europa allgemein leben. Und diesen Menschen eine Stimme geben, das fände ich wichtig.“

Andreas Lejeune

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