Lehrermangel macht’s möglich: Nach dem Abi gleich als Primarschullehrer arbeiten

Ostbelgische Primarschulen dürfen Abiturienten zeitweilig als Primarschullehrer einstellen. In der Praxis geschieht dies im äußersten Notfall. Aber die ersten Fälle gibt es bereits.

Lehrer (Illustrationsbild: © Bildagentur PantherMedia / ArturVerkhovetskiy)

Illustrationsbild: © Bildagentur PantherMedia / ArturVerkhovetskiy

Im Grunde gilt folgende Regel: Ein Personalmitglied, das nur über ein Abitur verfügt, darf einzig und allein im Falle von Lehrermangel zeitweilig im Amt des Primarschullehrers eingestellt werden. Die Gesetzgebung ist nicht neu und hat sich diesbezüglich auch nicht geändert.

Aber Lehrermangel ist halt auch ein immer größeres Problem in Ostbelgien. Unterrichtsminister Harald Mollers hat uns schriftlich bestätigt, dass im Regelschulwesen sechs Personalmitglieder, die lediglich im Besitz eines Abiturs sind, eine Stelle im Amt des Primarschullehrers bekleiden. Zumindest im Dezember war die Situation so. Nicht mitgeteilt wurde, ob das junge Menschen frisch von der Schulbank sind, oder ältere Menschen mit Berufserfahrung, die vielleicht kürzlich noch arbeitslos waren.

In den Primarschulen arbeiten auch noch andere Menschen mit sogenannten Diplomabweichungen. Das sind zum Beispiel Kindergärtner oder Kindergärtnerinnen, die jetzt als Primarschullehrer tätig sind. Das heißt nicht, dass sie den ganzen Tag in der Primarschule arbeiten. In St. Vith beispielsweise gibt es eine Primarschule, an der eine Kindergärtnerin eine Stunde Religion unterrichtet. Aber das war es dann.

Fast ausnahmslos alle Primarschulen im Norden und Süden der DG bestätigen aber, dass der Lehrermangel ein Problem ist, das nach kreativen Lösungen fragt. Es gibt zum Beispiel Fälle, da geben schon pensionierte Lehrer einige Unterrichtsstunden. Es gibt auch Fälle, da hat man französischsprachige Lehrer eingestellt. Die sollen aber in erster Linie Französisch unterrichten.

Fast alle Schulen versuchen, das Problem kreativ zu lösen, wenn mal ein Lehrer oder eine Lehrerin länger ausfällt. Da übernehmen Kollegen beispielsweise einen Teil der Stunden. Dafür kann aber auch mal eine Klasse zusammengelegt werden. Und wenn gar nichts mehr geht, dann stellt sich der Direktor auch mal selber vor die Klasse. Nur gibt es auch Direktoren, die sagen: „Wenn das überhand nimmt, vernachlässige ich meine eigentlichen Aufgaben.“ Das trifft bestimmt dann zu, wenn es sich um große Schulen handelt oder wenn der Schulleiter mehrere kleine Dorfschulen betreuen muss.

Jean-Luc Rousseau, Schulleiter in Wirtzfeld, Rocherath und Manderfeld, befürchtet, dass der Lehrermangel noch gravierender wird. „Überall fehlen Lehrer. Wir Schulleiter sehen uns regelmäßig und da kommt immer wieder die Frage auf: Kennst du niemanden, wir brauchen dringend jemand? Ich hoffe, dass es nicht noch schlimmer wird. Die Situation ist nicht lustig.“

Deshalb wird nach wie vor eine Aufwertung des Lehrerberufs gefordert. Das betrifft auch den Lohnzettel, aber noch sehr viel mehr das Ansehen der Lehrer. Aufgrund der vielen Quereinsteiger im Sekundarschulwesen ist nämlich Frust entstanden. Denn in den Augen der ausgebildeten Lehrer entstehe so der Eindruck: „Ach, Lehrer – Das kann ja jeder!“ Auf der anderen Seite möchte die Politik den Ausbildungsweg für den Lehrer- und Kindergärtnerinnenberuf verlängern.

Ein Fall von „einerseits-andererseits“. Einerseits begrüßen Schulleiter das, weil sie finden, dass gerade in den ersten Lebensjahren gute Bildung essentiell sei. Andererseits schreckt das vielleicht wieder viele junge Menschen ab, überhaupt mit dem Studium zu beginnen.

Die Schule in Wirtzfeld (Bild: Manuel Zimmermann/BRF)

Kleine Schulen, wie beispielsweise in Wirtzfeld, trifft der Lehrermangel besonders hart (Bild: Manuel Zimmermann/BRF)

Ein Schuldirektor stellte im Gespräch das Beamtenstatut in Frage. Es gelte zwar, den Lehrerberuf zu schützen, aber das Beamtenstatut sei seiner Meinung nach nicht mehr zeitgemäß. Ein müßiger Lehrer mit Beamtenmentalität schade einfach dem Ansehen der Lehrer, die mit Leib und Seele dabei sind.

Eines ist klar: Der Lehrerberuf hat sich im Laufe der Zeit stark gewandelt. Nur Unterrichten alleine reicht längst nicht mehr. Der Beruf ist anspruchsvoller geworden. Man schert lange nicht mehr alle Kinder über einen Kamm. Man geht viel mehr auf die einzelnen Lernbedürfnisse der Kinder ein. Hinzu kommt mehr Verwaltungsarbeit.

Der Stress mit den Kindern und Kollegen wird gerne in Kauf genommen, heißt es. Leider – so hört man auch – sind auch die Eltern anstrengender geworden. Ein Schulleiter benutzte den Begriff „Elternarbeit“. Das hört sich nach Überstunden an, auf die man viel lieber verzichten würde.

Manuel Zimmermann

Ein Kommentar
  1. Jean-Pierre DRESCHER

    Also im Extremfall 17-Jährige Kids loslassen auf die allerjüngsten? Meiner Meinung nach kann das einfach nicht gut gehen.