Wie Woodstock beinahe nach Ostbelgien gekommen wäre

Am Donnerstag jährt sich zum 50. Mal das legendäre Musikfestival Woodstock. "Three Days of Peace and Music", wie es damals hieß. Und an runden Jahrestagen ist immer wieder versucht worden, das Festival neu zu beleben. Kaum jemand weiß noch, dass es um ein Haar vor 20 Jahren bei uns in Ostbelgien stattgefunden hätte.

Woodstock in Ostbelgien - daraus ist nichts geworden

Woodstock in Ostbelgien - daraus ist nichts geworden (Bild: BRF)

„Three Days of Peace and Music“ – in diesen Tagen jährt sich zum 50. Mal das legendäre Musikfestival Woodstock mit Stars wie Jimi Hendrix, Janis Joplin, Joan Baez oder Joe Cocker. Vom 15. bis dann sogar am Morgen des 18. August 1969 kamen auf einer riesigen Rinderweide in Bethel im US-Bundesstaat New York schätzungsweise 400.000 junge Menschen zusammen.

Genau weiß man es nicht: Die Organisatoren wurden von dem großen Ansturm förmlich überrollt, Einlasskontrollen gab es so gut wie keine, die Zufahrtswege waren hoffnungslos verstopft, schon bald musste die Versorgung mit Militärhubschraubern gewährleistet werden. Dieses improvisierte Chaos ist von Woodstock ebenso hängengeblieben wie die zum ersten Mal in dieser Dimension gezeigte Freizügigkeit einer neuen Generation – in legendärer Friedfertigkeit.

Kein Wunder, dass es immer wieder – zu runden Jahrestagen – den Versuch gegeben hat, Woodstock neu zu beleben. Das zum 50. Jahrestag geplante Revival musste nun kurzfristig abgeblasen werden. Typisch Woodstock, wäre man geneigt zu sagen.

30 Jahre nach 1969

Nur noch wenige hierzulande wissen, dass vor 20 Jahren, also zum „Dreißigjährigen“ die Großveranstaltung um ein Haar in Ostbelgien stattgefunden hätte. Die Idee war seinerzeit, zwei Woodstock-Festivals parallel zu veranstalten: eines in Amerika und eines in Europa, so wie es 1985 das Wohltätigkeitskonzert „Live Aid“ vorgemacht hatte.

Bei der Standortsuche wurden die Veranstalter – wie auch immer – auf den Osten Belgiens aufmerksam. Gut zweieinhalb Jahre vor dem geplanten Veranstaltungstermin Ende Juli 1999 suchten sie den Kontakt zur Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Angekündigt wurden ein Herr Steffen und sein amerikanischer Partner mit der Idee zu einer Kulturveranstaltung. Zum Gespräch kam dann Michael Steffen alleine und er ließ die Katze schnell aus dem Sack: Es gehe darum, Woodstock in Ostbelgien neu aufzulegen!

Festivalgelände auf der Domäne

Nach Ortbesichtigungen und Kartenstudium fiel die Wahl auf einen weitläufigen Talkessel an der Grenze zwischen den Gemeinden Bütgenbach und Büllingen, „auf der Domäne“, der fast an das Original-Festivalgelände erinnerte. Die Nähe zum Militärlager Elsenborn kam den Organisatoren wie gerufen, um ihre Friedensbotschaft von „Peace & Music“ zu befördern.

Neben dem damaligen DG-Ministerpräsidenten Joseph Maraite und Generalsekretär Carl Hellebrandt im Ministerium wurden die beiden Bürgermeister Gerhard Palm für Büllingen und Walter Reuter für Bütgenbach in die Planungen einbezogen. Diese verliefen lange auf vertraulicher Ebene, ehe die Nachricht die Runde machte und den jungen Bandmusiker Jean-Luc Velz erreichte, damals kaum Mitte Zwanzig. „Unsere großen Idole waren Deep Purple, Led Zeppelin, aber auch Jimi Hendrix, Joe Cocker, CCR, die Bands, die 1969 in Woodstock aufgetreten sind. Und dann steht auf einmal in der Zeitung: ‚Woodstock kommt nach Büllingen-Bütgenbach‘, quasi vor der Haustür. Für uns war das wirklich eine besondere Situation“, erinnert sich Velz.

Michael Lang in Ostbelgien

Auf organisatorischer Ebene kam es zu zahllosen Treffen bis hinauf zum Verteidigungsministerium, und auch „der amerikanische Partner“ wurde in Ostbelgien vorstellig: Es war niemand anderes als Michael Lang, einer der Veranstalter des Original-Woodstock-Festivals von 1969. „Wir hörten, dass der berühmte, legendäre Michael Lang mit im Spiel war, und wir bekamen immer mehr mit: Es war seriös, nicht irgendeine Zeitungsente“, erzählt Velz.

Jean-Luc Velz und seine Bekannten wollten denn auch nichts dem Zufall überlassen. „Bei einer Unterschriftenaktion sind etliche hundert Unterschriften zusammengekommen aus ganz Ostbelgien. Jeder sah: Da passiert etwas und ich will Teil dieser Geschichte sein.“

Bedenken

Von einem möglichen „Line up“, also Namen von Künstlern und Bands, die auftreten würden, war noch keine Rede. Erst ging es darum, den Standort fix zu machen, Kontakte zu knüpfen, aber auch andere Optionen zu prüfen (zwischenzeitlich kam auch die Rennstrecke von Francorchamps in Betracht). Denn es gab auch Bedenken, von Naturschützern und vor allen Dingen von Anliegern und von Landwirten, deren Flächen für das Festival gebraucht wurden.

„Ich hatte anonyme Briefe im Briefkasten. Da stand drin, dass man nicht gutheiße, wenn das Festival stattfinden würde. Da kamen erste Bedenken: Es könnte nicht stattfinden“, erinnert sich Velz.

BRF-Studiodiskussion

Die Bedenken der Anrainer führten schließlich dazu, dass die Pläne scheiterten. Stellvertretend vorgebracht wurden sie in einer BRF-Studiodiskussion, die am 2. Dezember 1997 aufgezeichnet wurde: „250.000 Besucher in einem ländlichen Raum sind für uns nicht tragbar. 70.000 bis 80.000 Fahrzeuge ebenfalls nicht. Wir gehen davon aus, dass die nötige Infrastruktur nicht gegeben ist. Wir haben nur vier Einfallstraßen, die werden total verstopft sein. Wir müssen mit einer Umleitung rechnen, die über 14 Tage hinaus gewährleistet sein muss. Wir kommen nicht zur Arbeit. Dann haben wir weitere Probleme mit der ganzen Sache: Die Lebensqualität von uns steht auf dem Spiel. (…) Unsere Sicherheit ist, wie gesagt, gefährdet. Die Umwelt ist ebenfalls stark gefährdet. Wir haben den Bütgenbacher See, der wird total beschmutzt sein“, hieß es damals von den Anwohnern.

Und etwas weiter: „Wir haben eine schöne Landschaft und wollen uns diese schöne Landschaft nicht durch einige geldhungrige Geschäftsleute kaputtmachen lassen.“

Veranstalter Michael Steffen konterte, dass der Umweltschutz gerade ein Leitmotiv des geplanten Festivals sei. „30 Jahre nach 1969 wird Woodstock 1999 das erste Musikfestival sein, das von seinen Besuchern Respekt für die Umwelt fordert und selbst Vorbild sein wird. Damit sagen wir nur, dass wir Dinge machen wollen, die für Großveranstaltungen richtungsweisend sind. Dass eine Großveranstaltung immer eine Belastung für die Umwelt ist, das wissen wir alle am Tisch hier.“

Und Michael Steffen nannte als Beispiele nicht nur die regelrechten Völkerwanderungen zu Fußballspielen, Konzerten oder Autorennen, sondern überraschenderweise auch … Papstbesuche! „Hunderttausende gehen hin zu ihm beten, also es sind Menschen überall unterwegs. Die brauchen alle Platz, die brauchen Parkplätze, die brauchen Platz für ihre menschlichen Bedürfnisse“, so Steffen damals.

„Kommen wir zum Lärm: Klar haben wir Lärm! Drei Tage haben wir Musik. Was wir hier hören ist die Musik. Ich glaube, Sie haben ein Autoradio, Sie hören diese Musik auch. Jeder liebt diese Musik, die uns alle bewegt (Zwischenruf: „Ich sage auch nichts gegen die Musik.“) Dann haben wir die Hecken und die Bäume, die lassen wir alle stehen. Wir legen temporäre Wege. Ich habe den Landwirten dieses Wegesystem vorgeführt, das für sehr, sehr viel Geld entwickelt wurde aus dem Veranstaltungsbereich und heute genutzt wird, um Wege zu legen und sie wieder wegzunehmen.“

Dialog unter Tauben

Wie bei heutigen Debatten etwa über das Klima hörte sich der Austausch der Argumente in der BRF-Diskussionsrunde eher an wie ein Dialog unter Tauben. Das war auch die Einschätzung des damaligen Büllinger Bürgermeisters Gerhard Palm. „Ich habe nicht den Eindruck, dass es zu einem Gespräch kommen kann, um Gedanken auszutauschen. Diejenigen, die Woodstock nicht befürworten, verwenden einen Wortschatz, der mir nun absolut nicht gefällt. Es ist die Rede davon, dass man irgendwelche Einwohner ‚verteidigen‘ muss gegen ich weiß nicht wen. ‚Wir haben dieses Gebiet in unseren Händen.‘ Als ob es hier um Kriegsgewinne ginge.“

Palm selbst zeigte sich als deutlicher Befürworter des Festivals. „Ich glaube, der Grundgedanke von Woodstock ist nicht begriffen worden. Woodstock war und ist ein Musikfest der Toleranz und Weltoffenheit, der Gastfreundschaft. Dass es bei einer Anzahl von Besuchern – ob es in Werchter 80.000 bis 100.000 oder hier 200.000 bis 250.000 – zu Problemen kommen kann und dass da vorgeplant werden muss, ist ganz selbstverständlich.“

Daraus wurde dann aber nichts. Die Fronten waren verhärtet und die Veranstalter mussten einsehen, dass es keinen Sinn macht – ganz einfach, weil das Gelände nicht zur Verfügung stand, wie Manfred Lauter dem BRF-Kollegen Guido Arimont im Interview verriet: „Meines Erachtens nach haben wir drei Viertel der Flächen, die nicht mehr zur Verfügung stehen. Ich kann das so genau nicht in Prozente ausdrücken. Es sind 53 Pächter bzw. Landwirte, die nicht mehr bereit sind, ihre Ländereien zur Verfügung zu stellen.“

„Dasjenige, das zur Verfügung steht, ist das zusammenhängend oder zerstückelt?“, hakte Guido Arimont damals nach. Und Manfred Lauter antwortete: „Es ist teilweise zerstückelt. Also es sind keine großen Flächen mehr, die zusammenhängend sind.“

Hoffnung bis zuletzt

Jean-Luc Velz erinnert sich, wie die Befürworter auch da noch nicht alle Hoffnung fahren ließen: „Junge Landwirte haben sich bei mir gemeldet: ‚Hör mal, Jean-Luc, ich habe da noch ein Stück Land, da könnte man was machen.‘ Es war schon interessant, die Leute in diesem Moment zu erleben, wie sie dazu standen. Es gab die Gegner, aber auch die Befürworter, die alles dafür getan hätten, um das Festival zu unterstützen.“

Aber Woodstock Ostbelgien war Geschichte – eine unvollendete. Als das in den USA zu Stande gekommene Festival 1999 völlig aus dem Ruder lief, fühlten sich Gegner und Skeptiker bestätigt. Und trotzdem stellt sich auch Jean-Luc Velz manchmal die Frage: Was wäre gewesen, wenn? „Wer weiß, vielleicht wäre auch gar nicht so ein Andrang gewesen. Wir haben gesehen, was in Amerika passiert ist. Dieses Jahr findet es überhaupt nicht statt. Für was es gut war oder nicht, kann ich nicht sagen.“

Stephan Pesch

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