Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan: Erwartungen und Forderungen in Ostbelgien

Beim Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan diskutieren hohe Würdenträger aus aller Welt über konkrete Maßnahmen gegen das Übel, wie Papst Franziskus gesagt hat. Auch in Ostbelgien schaut man mit großem Interesse nach Rom. Denn auch in der Region hat es Missbrauch, nicht nur kirchlichen, über Jahrzehnte hinweg gegeben. Ein Gespräch mit dem Eupener Dechant Helmut Schmitz, der Lontzener Psychologin Karen Casteleyn und Bischofsvikar Emil Piront.

Verzweiflung

Illustrationsbild: Pixabay

Papst Franziskus hat Kardinäle und Bischöfe aus aller Welt zu einem dreitägigen Missbrauchsgipfel in den Vatikan nach Rom eingeladen. Zum Auftakt am Donnerstag legte Franziskus einen 21 Punkte umfassenden Fahrplan gegen den sexuellen Missbrauch vor allem von Kindern vor – ein Papier, das bis Sonntag diskutiert werden soll.

Die Erwartungen an die Konferenz in Rom sind sehr unterschiedlich – zahlreiche Opfer und ihre Vertreter sehen das Ganze überaus skeptisch, andere sind voller Hoffnung, dass, wie der Papst gesagt hat, Konkretes gegen das Übel verabschiedet werden kann.

Wie schaut man in Ostbelgien auf Rom in diesen Tagen? Der Eupener Dechant Helmut Schmitz sagte dem BRF im „Thema am Abend“, er sehe, dass der Papst die Sache wirklich in Angriff nehmen wolle, dass er den Schutz der Minderjährigen vor allem vor sexuellen Übergriffen ernst nehme.

Und der Papst selbst habe ja auch gesagt, er wolle nicht nur ein Geschwür entfernen, sondern wirklich den ganzen Krebs angehen. In dem 21-Punkte-Plan seien Hinweise darauf erkennbar, dass konkrete Maßnahmen folgen würden. Allerdings könne in drei Tagen nicht alles gelöst werden, die Konferenz in Rom sei ein erster Schritt.

Der Missbrauchsskandal erschüttert Belgien seit spätestens Ende der 1990er Jahre. Als „annus horribilis“ wurde das Jahr 2010 bezeichnet, als der damalige Bischof von Brügge, Roger Vangelhuwe, seinen Rücktritt einreichte und sexuellen Missbrauch gestand. Wenig später wurde im belgischen Parlament ein Missbrauchs-Sonderausschuss eingerichtet.

Die belgische Bischofskonferenz hat inzwischen Daten gesammelt, die ein wenig Aufschluss geben über das Ausmaß des Missbrauchs. Seit 2010 haben sich demnach über 1.000 Missbrauchsopfer bei der Schlichtungsstelle und den zehn Kontaktzentren der Kirche in Belgien gemeldet. Über 90 Prozent der Fälle liegen mehr als 28 Jahre zurück.

Fälle in Ostbelgien

Über welche Informationen verfügt Dechant Schmitz zum Thema Missbrauch in Ostbelgien? „In Ostbelgien hat es natürlich auch Fälle gegeben. Der Fall des damaligen Bischofs von Brügge war wirklich ein Erdrutsch. Das hat auch sehr viele Opfer dazu ermutigt, mal zu reden, was vorher total tabu war.“

„In meiner Amtszeit bin ich von einer Dame kontaktiert worden, die mir einen auch schon Jahrzehnte zurückliegenden Fall eröffnete. Man weiß nicht, wie viele Fälle es in Ostbelgien gegeben hat. Nach wie vor ist es ein schwieriges Thema, es wird nicht einfach so beim Kaffee darüber gesprochen. Eine gewisse Scheu ist immer noch da.“

Franziskus kenne kein Tabuthema, er spreche alle Themen an. Der Eupener Dechant wünscht sich, dass dies bis zur Basis heruntergebrochen wird. Den Zölibat dürfe man nicht mit dem Missbrauch in Verbindung bringen, weil es zwei völlig unterschiedliche Themen seien. Aber auch der Zölibat stehe auf der Tagesordnung. Er könne sich vorstellen, dass sich auch da in der Kirche etwas ändern werde.

Konkretes vor Ort

Auch Emil Piront, Bischofsvikar beim Lütticher Bischof Jean-Pierre Delville und im Bistum verantwortlich für die Aus- und Weiterbildung, äußerte sich zum Thema. Er gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass die von vielen herbeigesehnte Transparenz in Sachen Missbrauch in Belgien inzwischen gewährleistet sei.

Die Art und Weise, wie die Problematik thematisiert wurde, mit der Schiedskommission im Parlament, habe letzten Endes allen gut getan, in dem Sinne, dass endlich dieses schwierige Thema angepackt worden sei. Er könne nur hoffen, dass die Opfer einen Weg fänden, das, was ihnen widerfahren ist, aufzuarbeiten.

Wie wird in Belgien konkret mit Verdachtsfällen umgegangen? Die Arbeit, so Piront, sei sehr strukturiert aufgeteilt. Sowohl Verdachtsfälle als auch die Opfer würden begleitet. Zugleich arbeite man präventiv in der Fort- und Weiterbildung. Man dürfe jetzt nicht allein den Fokus auf den Papst legen. Es gelte für die Kirche vor Ort, konkrete Schritte zu tun. Respektvolles Zuhören sei zuerst einmal wichtig.

Hilflosigkeit

Im „Thema am Abend“ kam auch die Lontzener Psychotherapeutin Karen Casteleyn zu Wort. Sie wird in ihrer Praxis immer wieder auch mit Fällen von Missbrauch konfrontiert und sitzt Patienten gegenüber, die missbraucht worden sind und seit vielen Jahren, möglicherweise ihr Leben lang, unter diesen Taten zu leiden haben. Auch von Kollegen wisse sie, dass sie Opfer von Missbrauch therapieren. Es werde höchste Zeit, dass der Papst sich des Themas annehme.

Was Menschen, oft sind es Kinder und Jugendliche, erleben und erleiden, wenn sie missbraucht werden, schildert die Psychologin so: „Wenn man missbraucht wird, dann ist man meistens sehr hilflos, sehr verletzt. Man gerät in Angst und Scham, man ist ausgeliefert und fühlt eine große Ohnmacht. Man wird immer mit Selbstzweifeln und Schuldgefühlen konfrontiert. Hätte man es verhindern können? Was ist der eigene Beitrag dazu?“

„Man fühlt sich wehrlos und wertlos. Viele Opfer haben schwere Depressionen, Ängste, Schlafstörungen. Viele wagen es nicht zu schlafen, weil sie fürchten, dass die Bilder des Geschehens wieder auftauchen.“

Rudi Schroeder

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Ein Kommentar
  1. Marcel scholzen Eimerscheid

    Durch die Abschaffung des Zwangszoelibates waere die katholische Kirche ein Stueck glaubwuerdiger.

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