Superfrau und Regentin: In Ostbelgien lebt der Mythos von Kaiserin Maria Theresia fort

Maria Theresia war eine außergewöhnliche Frau und Regentin. Zahlreiche Ausstellungen erinnern in diesem Jahr anlässlich ihres 300. Geburtstages an die populäre Habsburger-Kaiserin, die schon zu Lebzeiten zum Mythos wurde. Die Regentin lebt auch im kollektiven Gedächtnis Ostbelgiens fort. Maria Theresias lange Regierungszeit erstreckte sich nämlich auch auf die österreichischen Niederlande, dem heutigen Belgien. Eine Spurensuche.

Martin van Meytens hat sie als „First Lady Europas“ gemalt. Zur Rechten liegen die ungarische Stephanskrone, die böhmische Wenzelskrone und der österreichische Erzherzogshut – Symbole ihrer Macht und Würde. Das kostbare Kleid aus Brüsseler Klöppelspitze verweist auf das heutige Belgien, wo Maria Theresia Spuren hinterlassen hat, die sogar das Private erfassten.

Ob beim Galmeibergbau am Altenberg, bei der Töpferei in Raeren oder in der Forst- und Landwirtschaft: Maria Theresia hat auch hier Reformen auf den Weg gebracht. Im Staatsarchiv kann man sich ein Bild davon machen. Da wäre beispielsweise der 250-jährige Streit um die Liegenschaften der Emmelser Waldungen, zahllose Verordnungen oder etwa die Genehmigung zum Bau der für die Textilindustrie Eupens so wichtigen Straße nach Henri-Chapelle. Auch die Pläne sind hier eingelagert. Eine wichtige Quelle ist das nach ihr benannte Kataster.

Zwei Porträts im Eupener Pfarrhaus

Gleich zwei Porträts der Regentin bewahrt das Eupener Pfarrhaus auf. Das Bild in der guten Stube des Dechants stellt Maria Theresia im Erzherzoginnen-Ornat vor. Sie soll als junge Regentin nicht nur fest im Sattel gewesen sein, sondern auch dem Kartenspiel gefrönt und ganze Nächte durchgetanzt haben. Dass die verführerische junge Frau, die Kriege führte und nebenbei ihrem geliebten Gatten 16 Kinder gebar, ihr Dekolleté züchtig bedeckt hält, ist einer späteren Übermalung geschuldet. Ein prüder Eupener Pfarrer gab den Auftrag dazu.

Umringt von ihren Kindern an der Seite ihres Mannes Franz Stephan – als Kaiser zwar formal ihr „Chef“, hatte sie in ihren Ländern das alleinige Sagen. Viele ihrer exzellenten Berater kamen aus den Niederlanden, wozu die aufstrebende Textilstadt Eupen gehörte. Den Fabrikanten Johann Reiner Thys lockte sie mit einem zinslosen Darlehen nach Kärnten, wo dieser nicht nur eine Feintuchindustrie begründete.

Wie sehr in Eupen während der Regentschaft Maria Theresias das Geschäft mit den Tuchen florierte ist immer noch im Stadtbild abzulesen. Der für Treppenaufgänge, Fenstereinfassungen und Zierelemente oft eingesetzte „Blaustein“ wird hier auch gerne „Maria Theresia-Marmor“ genannt.

Bürgermeister Vercken an der Tafel der Kaiserin in Wien

In einem prächtigen Haus des Aachener Baumeisters Couven erblickte Johann Simon Vercken das Licht der Welt. Als Bürgermeister erbat er sich bei der Regentin nicht nur die Erlaubnis zum Ankauf des ersten Eupener Rathauses. Der weltgewandte Kaufmann, der in St. Petersburg mit Zarin Katharina parlierte, durfte am Neujahrstag 1767 auch seiner Kaiserin in Wien die Aufwartung machen und an ihrer Tafel Platz nehmen. Diesen Karriere-Höhepunkt hielt der Eupener in schwärmerischen Notizen fest. Seinen auf Französch verfassten Erinnerungen fügte er eine Skizze der Tischordnung bei.

Ländereien im Ortsteil Voulfeld und am Rande des Hertogenwaldes hatte Kaiser Karl VI. zur Besoldung eines Pfarrers seinen Eupener Untertanen 1714 geschenkt. Damit war die seit über 300 Jahren stets eingehaltene Verpflichtung verbunden, am 4. November, dem Fest des Heiligen Karl Borromäus, eine „hochfeierliche“ Messe für das Haus Österreich  zu zelebrieren. Der Überlieferung nach hat Karls Nachfolgerin Maria Theresia zur Verschönerung eben jener Heiligen Messe der Pfarre kostbare Messgewänder geschenkt.

Kein Zweifel: Die Stifterin der Eupener Preziosen, die 23-jährig ein von Krieg zermürbtes Vielvölkerreich am Rande des Aufruhrs übernahm, herrschte über Jahrzehnte. Maria Theresia gilt vielen in den von ihr beherrschten Territorien in Ost und West als eine Art Mutterfigur. Schon zu Lebzeiten ein Denkmal lebt der Mythos immer noch fort.

Zahlreiche Ausstellungen

Maria Theresia wird anlässlich ihres 300. Geburtstages in diesem Jahr mit vielen Ausstellungen gewürdigt. An zwei Standorten in Wien sowie in den nahen Schlössern Hof und Niederweiden werden noch bis zum 29. November die Licht- und Schattenseiten ihrer Ära thematisiert. Darüber hinaus finden mancherorts in den ehemaligen Herrschaftsgebieten ihrer Regentschaft Ausstellungen statt.

Mehr im Netz unter Mariatheresia2017.at.

rkr/est

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