Michèle Martin, Michel Lelièvre und vor allem natürlich Marc Dutroux - Namen, die sich für immer ins Gedächtnis eingebrannt haben. Namen, die noch heute für Abscheu, Ekel und Hass sorgen. Denn auch drei Jahrzehnte später bleiben die Opfer von Dutroux und seinen Komplizen unvergessen: Julie und Mélissa, An und Eefje, Sabine und Laëtitia. Sabine und Laëtitia überleben als einzige das Martyrium. Die anderen Opfer des Kinderschänders Marc Dutroux können nur noch tot geborgen werden.
Jenseits der unglaublichen Abgründe der eigentlichen Taten wird während der Ermittlungen aber noch etwas deutlich: Es liegt vieles, sehr vieles im Argen im belgischen Polizei- und Justizapparat, gerade auch, was den Umgang mit verschwundenen Kindern und ihren Eltern und Angehörigen angeht. Und mit jeder weiteren Enthüllung wachsen das Entsetzen, die Trauer und vor allem auch die Wut in der Bevölkerung. Nicht nur gegenüber den Tätern, sondern eben auch gegenüber den Behörden und dem Staat als Ganzes.
Das ist der mehr als explosive Kontext, in dem die Eltern der Dutroux-Opfer und anderer vermisster und verschwundener Kinder zu einem Marsch durch die Hauptstadt aufrufen. Zu einem apolitischen, stillen, würdigen Marsch, wie sie ausdrücklich bitten.
Wie sehr die Affäre Dutroux das ganze Land aufwühlt, wird so zum ersten Mal auch wirklich sichtbar: Über 300.000 Menschen verwandeln das Zentrum von Brüssel in ein wahres weißes Meer. Denn viele Menschen haben sich als Zeichen des Respekts und des Gedenkens an die Opfer in weiß gekleidet, haben weiße Blumen und weiße Ballons mitgebracht.
Wobei es noch nicht mal alle Menschen überhaupt schaffen, sich dem Marsch anzuschließen, der Andrang ist einfach zu groß. Die Sicherheitsbehörden blockieren letztlich sogar ganze Züge, bevor sie überhaupt die Bahnhöfe erreichen, um die Situation nicht vollends außer Kontrolle geraten zu lassen. Die größte Demonstration in der Nachkriegsgeschichte, unterstreicht damals ein RTBF-Nachrichtensprecher.
Für viele Teilnehmer ist es das erste Mal überhaupt in ihrem Leben, dass sie an einer Demonstration teilnehmen. Aber es ist ihnen wichtig, ihre Unterstützung zu bekunden.
Vor allem bleiben die Eltern der verschwundenen Kinder in Erinnerung und ihre Worte über den Weißen Marsch und die Forderungen nach Veränderungen, die sich damals nicht nur an die versammelten Menschen, sondern an ganz Belgien zu richten schienen: Für ihre geliebte Melissa, für Julie, An und Eefje sei es zu spät, erinnert die Mutter von Melissa. Aber nun müsse alles getan werden, um andere Kinder vor solchen Schicksalen zu bewahren.
Boris Schmidt