Der Schock sitzt tief. Beamte aller sechs Polizeizonen der Hauptstadt haben sich in der Nacht auf der Place Poelaert vor dem Brüsseler Justizpalast versammelt, um ihres Kollegen zu gedenken. "In dieser schweren Zeit sind wir vereint in Trauer, Besinnung und Kameradschaft. Hinter der Uniform trauern wir vor allem um den Verlust eines geliebten Menschen, eines Freundes, eines vorbildlichen Kollegen und eines Mannes, der sich mit Leib und Seele für seine Arbeit eingesetzt hat", hieß es in einer Mitteilung.
Nordine El Talbi war in der Nacht von Montag auf Dienstag während eines Einsatzes in der Brüsseler Stadtgemeinde Jette getötet worden. Die Staatsanwaltschaft gab inzwischen Einzelheiten zum genauen Tathergang bekannt. Den Anfang machte demnach tatsächlich ein Notruf aus Tubize in Wallonisch-Brabant.
Am Montagabend um 23:10 Uhr meldet ein Anrufer ein Carjacking. Drei oder vier bewaffnete Männer hätten ihn überfallen und sein Auto gestohlen, gibt er an. Sofort wird eine Fahndung eingeleitet. Wenig später wird das Kennzeichen des Fahrzeugs von einer intelligenten Verkehrskamera erfasst. Das setzt die Brüsseler Polizei auf die Fährte der Autodiebe.
"Zwei Teams können das Auto in Jette lokalisieren", sagte der Brüsseler Prokurator des Königs, Julien Moinil. "Die Polizisten bleiben auf beiden Seiten auf Distanz und schicken einen Kollegen los, der in Zivilkleidung die Lage auskundschaften soll. Als sie längere Zeit nichts von diesem Kundschafter hören, nähern sie sich dem verdächtigen Fahrzeug. Und dabei stoßen sie auf ihren Kollegen, der leblos auf dem Bürgersteig liegt."
Nach Worten des Prokurators sind die Beamten dabei nach der Standardprozedur vorgegangen: Man schickt einen Kundschafter los, der die Lage sondieren soll. Nach einem vereinbarten Zeichen erfolgt der Zugriff. Dazu ist es diesmal also nicht gekommen. Sofort werden die Rettungsdienste alarmiert. Nordine El Talbi wird noch ins Krankenhaus gebracht, erliegt dort aber seinen schweren Verletzungen. "Der Beamte wurde tödlich am Kopf getroffen", sagt Prokurator Moinil. Das habe die Autopsie inzwischen bestätigt.
Nordine El Talbi galt als sehr erfahrener Polizist. Er war 2009 in den Dienst eingetreten. Zehn Jahre später konnte er dann seinen Traum verwirklichen, sagte Korpschef Michel Goovaerts: Er trat dem Spezialeinsatzkommando gegen Gewaltkriminalität bei. Nordine El Talbi sei äußerst professionell und gewissenhaft gewesen, so beschreiben ihn übereinstimmend Kollegen und Vorgesetzte.
Was ist in der fraglichen Nacht genau passiert? Warum haben die wartenden Beamten keine Schüsse gehört? Viele Fragen sind noch offen. Die Staatsanwaltschaft gab keine weiteren Details bekannt. Nur noch so viel: Mehrere Personen seien festgenommen worden, sagte Prokurator Moinil. Mehr werde er aber nicht sagen, um die Ermittlungen nicht zu gefährden.
Laut Medienberichten soll es sich um drei Verdächtige handeln. Die sollen am Mittwoch weiter verhört werden. Der Brüsseler Generalprokurator Frédéric Van Leeuw bestätigte derweil am Mittwochorgen in der VRT, dass tatsächlich Drogen im Fahrzeug der Männer sichergestellt wurden. "Ob es einen Zusammenhang mit dem Brüsseler Drogenmilieu gibt oder vielleicht doch noch eine andere Erklärung, das müssen die Ermittlungen zeigen", sagte Frédéric Van Leeuw.
Roger Pint