Belgische Soldaten an der Ostgrenze der Nato, um sie vor einem möglichen Angriff Russlands zu schützen: Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine versteht sich diese Sorge der Nato fast schon von selbst.
Belgische Soldaten hoch im Norden von Europa, in Island und Grönland: Das bedarf dagegen einer Erklärung. Dort herrscht zurzeit kein Krieg. Trotzdem begründet der belgische Generalmajor Frédéric Linotte die Entsendung belgischer Soldaten und Kriegsflugzeuge nach Island und Grönland mit den Worten: "Das ist auch eine Gelegenheit für Belgien, seine Präsenz gegenüber Russland und China zu zeigen, die immer öfter in der Region auftauchen."
Die Präsenz der Belgier - und damit der Nato allgemein - im hohen Norden ist also strategischer Natur. Michel Liégeois, Professor für Internationale Beziehungen an der Katholischen Universität Neulöwen, bestätigt das am Dienstagvormittag im Radio der RTBF.
Die Erklärung dafür, warum die Präsenz der großen Mächte Russland, China und eben der Nato in der Arktis-Region strategisch ist und auf die Zukunft vorbereitet, schiebt der Professor direkt hinterher. "Die Erderwärmung öffnete neue Seewege, die bislang nicht zu befahren waren", sagt Liégeois. "Die großen Mächte antizipieren das. Sobald die Wege schiffbar sind, will jeder diese Wege kontrollieren und sicher sein, dass keine feindlichen Kräfte dort sind."
Die Schifffahrtswege kontrollieren wollen die große Mächte vor allem aus zwei Gründen: Zum einen, um die eigene Einflusssphäre unter militärischen Aspekten auszuweiten, und zum anderen, um Zugriff auf die Bodenschätze zu bekommen, die unter den Eismassen der Arktis vermutet werden.
Beide Gründe sind auch der Antrieb von US-Präsident Donald Trump, Grönland den USA einverleiben zu wollen. Offen sagt Trump das zwar nicht - aber es ist ein offenes Geheimnis, dass die Sorgen um die Sicherheit Grönlands von Trump nur als Vorwand zur gewollten Annektierung verwendet werden.
Bei der Nato hat man aber offensichtlich keine Lust auf solche Versteckspiele. Die Nato nimmt Trump beim Wort. Die aktuellen Manöver der Nato in Island und Grönland hätten deshalb auch das Ziel, Trump zu zeigen: Die USA müssen Grönland nicht annektieren, damit die Sicherheit Grönlands gewährleistet ist. Die Nato sorgt jetzt schon dafür.
Dass Belgien sich bei dieser Mission mit diesen zwei strategischen Zielen beteiligt, wäre zwar nicht zwingend nötig gewesen. Aber es liege quasi in der DNA der belgischen Streitkräfte, sich immer an Nato-Missionen zu beteiligen, bei denen auch belgische Soldaten mithelfen könnten, sagt Generalmajor Frédéric Linotte.
Und so kommt es, dass schon jetzt vier F-16-Kampfjets der belgischen Luftstreitkräfte auf dem isländischen Flughafen Keflavik stationiert sind, um von dort aus Erkundungsflüge im hohen Norden in Namen der Nato zu fliegen und den isländischen Luftraum zu schützen. 30 Soldaten einer belgischen Spezialeinheit werden dann im September bei einer Nato-Übung in Grönland mit dabei sein.
Kay Wagner