Es sind erschreckende Zahlen: Allein im Juni sind zum Beispiel in Deutschland mindestens 99 Menschen ertrunken, wie die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft DLRG mitgeteilt hat - so viele wie seit 2003 nicht mehr. Auch damals erlebte Europa eine Hitzewelle. Bei den Franzosen sieht es nicht viel besser aus, Dutzende Menschen kamen auch hier in den vergangenen Wochen ums Leben beim nach Abkühlung suchen.
Und Belgien macht da natürlich keine Ausnahme: Über 50 Menschen mussten zum Beispiel allein an der Küste in den ersten beiden Juli-Wochen aus dem Meer gerettet werden. Und gerade erst am Mittwoch ist ein Mann aus Frankreich vor Knokke-Heist ertrunken - ein Mädchen, das mit ihm im Wasser war, konnte noch gerettet werden.
Menschen könnten aus allen möglichen Gründen im Wasser in Probleme kommen, warnt Karel Logghe im Interview mit Radio Eén. Er ist der Vorsitzende des flämischen Rettungsschwimmerverbands. So müsse man beispielsweise unterscheiden zwischen sogenanntem aktivem und passivem Ertrinken. Beim passiven Ertrinken sei eine Person schon bewusstlos, bevor sie untergehe, zum Beispiel wegen eines medizinischen Notfalls. Beim aktiven Ertrinken hingegen gehe es um unzureichende Schwimmfähigkeiten, die zum Ertrinken führten.
Selbstüberschätzung oft ein Problem
Das Problem sei auch oft das Gleiche, warnt der Rettungsexperte: Selbstüberschätzung. Bahnen im Schwimmbad ziehen sei absolut nicht vergleichbar mit Schwimmen in offenen Gewässern. Das Wasser sei oft trüb, es könne Strömungen geben, Entfernungen würden häufig absolut falsch eingeschätzt, man könne nicht einfach mal zwischendrin eine Pause machen und so weiter.
Viele Menschen unterschätzen auch die Auswirkungen großer Hitze: Wer bei so einem Wetter ins Wasser gehe, sei eigentlich schon vorher erschöpft und damit nicht mehr fit genug für große Schwimmaktionen. Schon gar nicht, wenn es sich um Gelegenheitsschwimmer handele.
Und das setze ja schon voraus, dass die Menschen überhaupt schwimmen könnten, was bei der heutigen Bevölkerungsstruktur aber alles andere als eine Selbstverständlichkeit sei. Viele Kinder hätten nie auch nur Grundkenntnisse des Schwimmens erlernt. Mit allen entsprechenden Folgen, auch was das richtige Verhalten in Notsituationen betrifft.
Aufsichtspflicht häufig vernachlässigt
Logghe sieht hier vor allem die Erziehungsberechtigten in der Pflicht. Nicht nur, was das Erlernen der Schwimmfähigkeiten betrifft, sondern insbesondere in puncto Aufsichtspflicht: Die Retter an der Küste hätten alle Hände voll zu tun mit verloren gegangenen oder unbeaufsichtigten Kindern. Die Eltern oder Begleiter unterschätzen die damit verbundenen Gefahren dramatisch, manche beschäftigten sich auch lieber mit anderen Dingen: Im Café oder an der Bar sitzen, einkaufen gehen, schlafen, die ganze Zeit aufs Handy starren – da müsse man sich bei manchen Menschen schon ernsthafte Fragen stellen, wettert der Retter.
Auch ganz wichtig in diesem Kontext, um nicht zu sagen überlebenswichtig: Ertrinken ist oft ein stiller Tod. Das macht es auch so heimtückisch. Im Gegensatz zu den Darstellungen in Film und Fernsehen gibt es sehr oft kein hektisches Strampeln, Schreien oder wilde Bewegungen im Wasser. Die Opfer, oft kleinere Kinder, gehen schlicht und ergreifend einfach unter und kommen nicht wieder hoch. Wenn in dem Moment niemand hingeschaut und aufgepasst hat, war es das oft einfach, um es mal brutal auf den Punkt zu bringen.
Alkohol und Drogen verschärfen das Risiko
Und dann gibt es natürlich auch noch die bereits zu Genüge bekannten Fehlverhalten, die andere Probleme noch schlimmer machen: Europaweit betrachtet hat jeder vierte Ertrinkungstod mit Alkohol oder anderen Drogen zu tun, erinnert Logghe.
In dem Sinne: Entspannen und abkühlen ja, aber bitte verantwortungsvoll bleiben, damit möglichst nichts passiert. Denn jeder einzelne Fall, egal ob Erwachsener oder Kind, ist ein Drama, wie Logghe erinnert. Ein Drama, das vielleicht hätte vermieden werden können.
Boris Schmidt