Bei allen zu Hause spielten sich jeden Morgen die gleichen Rituale ab, so Bert Engelaar von der sozialistischen Gewerkschaft zu den vor dem Unglücksort versammelten Trauernden, viele von ihnen Kollegen der Verstorbenen und Angehörige oder Freunde. Der frühmorgendliche Kaffee vor dem Verlassen des Hauses, die Arbeitsschuhe neben der Tür, eine verklingende Stimme, die sage: "Vorsichtig sein heute".
Bewegende Worte. Zutreffende Worte. Schließlich waren am Tag des Unglücks rund 250 Arbeiter auf der Baustelle im Einsatz. Sechs von ihnen kehrten abends nicht mehr zurück zu ihren Familien. Diese Menschen seien bei der Ausübung ihrer Arbeit gestorben, unterstrich eine FGTB-Vertreterin in der RTBF. Und es gebe ja auch noch zwei Schwerverletzte, die weiterhin in Lebensgefahr seien. Deswegen sei es wichtig, seine Solidarität zu bekunden. Und die Trauer und Betroffenheit.
Das war auch anderen Menschen offenbar ein Anliegen: Der improvisierte Gedenkort ist zu einer Art Schrein geworden mit Bildern der Getöteten, Blumen, Kränzen und anderen Symbolen der Anteilnahme. Neben Arbeitskollegen, Firmen- und Gewerkschaftsvertretern und einigen Politikern bezeugten auch Anwohner und Menschen, die im Zentrum arbeiten, ihren Respekt. Denn der Schock über das Geschehene sitzt bei allen tief. Die Gedanken würden zuerst den Angehörigen gelten. Aber danach auch den überlebenden Kollegen, die manchmal Freunde gewesen seien. Und die nun wieder an die Arbeit müssten an diesem Ort voller schmerzhafter Erinnerungen.
Große Reden und Gesten gab es nicht, man habe bewusst auf große Aufrufe verzichtet, so die Gewerkschaften sinngemäß, für ein würdiges und stilles Gedenken. Das scheint auch sonst die Losung zu sein, bis die Ursache des Unglücks geklärt ist, denn noch immer sind Experten in dem Gebäude unterwegs und versuchen, das Drama zu verstehen und zu rekonstruieren. Man wisse noch nicht, was passiert sei, betonte Dirk Coninckx von der christlichen Gewerkschaft in der VRT, deshalb wolle man in Ruhe das Ergebnis der Untersuchungen abwarten.
Einige kritische Worte gab es aber dennoch schon vonseiten der Arbeitnehmervertretungen: Es sei einfach nicht hinnehmbar, dass heutzutage noch Menschen in Aufzügen steckenblieben und dadurch das Leben verlören, so Marie-Hélène Ska von der CSC, derartige Unfälle könne man auf gar keinen Fall tolerieren. Das Unglück habe gezeigt, dass die Worte "Sicherheit", "Arbeit", "Verantwortung" keine abstrakten Begriffe seien, so FGTB-Chef Engelaar. Sie hätten nun Gesichter, sie stünden für leere Stühle an einem Tisch, für Geburtstage, die nie mehr die gleichen sein würden, für Telefonnummern, unter denen man nie wieder jemanden erreichen werde.
Engelaar hob auch hervor, dass das Drama vom Oxy-Gebäude schon der zweite tödliche Brand mit Arbeitsbezug in wenigen Wochen in Brüssel ist. Anfang Juni waren bei einem großen Feuer in einem Lager in der Brüsseler Stadtgemeinde Anderlecht vier Menschen ums Leben gekommen. Man müsse also wachsam bleiben, so die Gewerkschaften sinngemäß, Prävention und Sicherheit am Arbeitsplatz dürften nie hohle Phrasen werden.
Verschiedene Arbeitnehmervertreter wiesen auch darauf hin, dass die Umbauarbeiten am Oxy-Gebäude vor dem Abschluss standen und dass diese Phase von Bauprojekten immer besonders von Hektik, Stress und Druck gekennzeichnet sei. Man müsse einfach festhalten, dass dieser Druck dazu führe, dass in solchen Projektabschnitten häufiger Unfälle passierten, führte Coninckx aus. Sicherheit müsse aber immer die höchste Priorität sein. Höher als die rechtzeitige Übergabe, das Einhalten von Zeitplänen oder was auch immer.
Im Allgemeinen seien die Sicherheitsvorkehrungen auf Baustellen aber sehr hoch, so in diesem Zusammenhang die Vorsitzende der christlichen Gewerkschaft, Ann Vermorgen. Soweit ihr bekannt sei, habe es in dieser Hinsicht keine Beschwerden über die Oxy-Baustelle gegeben.
Boris Schmidt