Wer sich mit von den Nazis oder ihren Verbündeten geraubter Kunst beschäftigt, stößt schnell vor allem immer wieder auf eines: menschliches Leid, unendlich viel menschliches Leid. Weil die geraubten, abgepressten oder anderweitig unter im besten Fall höchst fragwürdigen Umständen erworbenen Kunstgegenstände sind ja nur das, was übrig geblieben ist von Menschen, die oft der Vernichtungsmaschinerie der Nazis zum Opfer fielen. Oder, die, wenn sie sehr viel Glück hatten, kaum mehr als ihr Leben retten konnten.
Das ist auch der Fall bei einem Aquarell des belgischen Künstlers Félicien Rops, das sich vor dem Zweiten Weltkrieg im Besitz eines jüdischen Sammlers in Frankreich befand. Seine Nachkommen wurden im Krieg enteignet und großteils während der Shoah ermordet. Das Aquarell fand auf Umwegen schließlich gegen Ende der 1960er-Jahre seinen Weg in den Fundus der Königlichen Bibliothek (KBR), wo es schließlich nach akribischen Nachforschungen des belgischen Journalisten Geert Sels wiederentdeckt und Anfang Juni den Nachkommen der Familie in einem feierlichen Akt symbolisch zurückgegeben werden konnte.
Sonderfall
Eine Premiere sei das zwar nicht gewesen in Belgien, so Sara Lammens, die allgemeine Direktorin der Nationalbibliothek, aber häufig komme so etwas ganz bestimmt nicht vor. Was die Königliche Bibliothek betreffe, sei es das zweite Mal, dass Raubkunst zurückgegeben werden könne an die Nachkommen der rechtmäßigen Besitzer. Die Sammlungen der KBR seien sehr vielfältig und vor allem sehr, sehr umfangreich. Bei acht Millionen Dokumenten im Besitz der Bibliothek könne es gut sein, dass noch weitere Forderungen auf die Einrichtung zukommen könnten.
Belgien habe in puncto Raubkunst ohnehin eine Sonderposition in Europa eingenommen, merkt in in diesem Zusammenhang Geert Sels an, der das Aquarell aufgespürt hat und ein Experte für Raubkunst aus Belgien ist: In anderen europäischen Ländern gebe es quasi in jedem großen Museum Personen mit der Aufgabe, die jeweiligen Sammlungen zu erforschen. Und zwar auch und gerade mit Hinblick auf fragwürdige oder problematische Herkunft von Objekten.
Gesetzlicher Rahmen
In Belgien machten das erst einige wenige Museen. Das Problem sei, dass das Thema Raubkunst in Belgien lange eine Art Tabu gewesen sei und sich kaum etwas getan habe in dieser Richtung. Familien mit eventuellen Ansprüchen hätten in der Vergangenheit also eigentlich nur die Wahl gehabt, selbst aktiv zu werden. Wobei es in Belgien noch nicht mal einen gesetzlichen Rahmen beziehungsweise einheitliche Prozeduren gibt für diese Art von Forderungen.
Ein mehr als peinlicher Umstand, an dem sich aber bald etwas ändern soll. Die zuständige Föderalministerin Vanessa Matz hat nämlich bei der Rückgabe des Aquarells angekündigt, einen entsprechenden Rahmen schaffen lassen zu wollen und dafür eine Kommission einzusetzen.
Das könne auch die Nationalbibliothek nur begrüßen, unterstreicht die Direktorin. Denn das bringe klare Regeln, Kriterien und Fristen, was auch den Museen das Leben erleichtern werde.
Umweg über Nachbarländer
Belgien und Raubkunst ist aber auch noch aus einem anderen Grund ein Sonderfall. Raubkunst aus anderen Ländern sei meist direkt ins Deutsche Reich geschafft worden, führt Sels aus. Raubkunst aus Belgien habe hingegen häufig einen Umweg gemacht über Nachbarländer wie die Niederlande und Frankreich. Mit Konsequenzen bis heute: Es gebe nämlich noch immer Raubkunst aus Belgien, die nach Frankreich oder in die Niederlande zurückgegeben worden sei. Aber die letzte Etappe, die Rückgabe nach Belgien, sei oft vergessen worden, klagt der Experte an.
Deswegen plädiere er auch für mehr internationale Zusammenarbeit, was Raubkunst angehe. Statt dass in jedem Land separat an dem Problem gearbeitet werde, mache es doch viel mehr Sinn, die Expertise zu bündeln, um etwas zu erreichen.
Wer mehr über das Thema erfahren will: Geert Sels hat auch ein Buch geschrieben über die Suche nach Raubkunst aus Belgien. Es ist auf Französisch und Niederländisch erhältlich, eine englische Ausgabe ist in Vorbereitung.
Boris Schmidt