So geheim, wie sie wohl anfangs mal sein sollte, ist sie längst nicht mehr. Man spricht wohl nur noch von der "russischen Schattenflotte", weil sie eben nicht "offiziell" ist. Diese Schattenflotte ist jedenfalls die Antwort des Kremls auf die Sanktionen, die nach dem Angriff auf die Ukraine gegen Russland verhängt wurden.
Allen voran die EU und viele andere Länder verbieten insbesondere die Einfuhr von russischem Gas oder Erdöl. Mit Abstufungen freilich, denn Europa tut sich ja bekanntermaßen schwer, gänzlich auf russische Energieträger zu verzichten.
Dennoch treffen diese Strafmaßnahmen die russische Wirtschaft schwer. Nach Angaben der EU-Kommission haben westliche Sanktionen Russland bereits einen Schaden von bis zu 1,5 Billionen Dollar zugefügt. Ein erheblicher Teil davon geht auf Einbußen im Gas- und Ölgeschäft zurück. Deswegen ist die Schattenflotte für den Kreml inzwischen doch von tragender Bedeutung. Vor allem Öl kann auf diese Weise weiter verkauft werden, und das fast buchstäblich "unter dem Radar".
Eine der wichtigsten Routen dieser Schattenflotte lag bislang regelrecht vor unserer Nase: Beladen werden die Tanker oft in den russischen Ostseehäfen, allen voran im wichtigen Ölterminal Ust-Luga, und dann geht es durch den Ärmelkanal Richtung Mittelmeer und dann durch den Suezkanal nach Asien. Anders gesagt: Russland unterläuft die EU-Sanktionen quasi vor unseren Augen.
Frankreich und auch Belgien haben in den letzten Wochen aber klargemacht, dass man diese Aktivitäten nicht tatenlos hinnimmt: Mehrmals wurden Schiffe der Schattenflotte aufgebracht und festgesetzt. Belgische Soldaten stoppten in der Nacht zum 1. März den Öltanker Ethera, der in der Folge in den Hafen von Zeebrugge geschleppt wurde. Das Schiff soll eben dieser Schattenflotte angehören.
Dass Soldaten diese Aktion durchführten, das sagt, was es sagt. Westliche Geheimdienste gingen bislang davon aus, dass die ominöse Schattenflotte in der Regel geschützt wurde, etwa durch bewaffnete Söldner. Und das war anscheinend auch der Grund, warum man die Öltanker bislang mehr oder weniger gewähren ließ: Man wollte keine Konfrontation riskieren.
Genau hier kommen die Journalisten eines internationalen Recherche-Konsortiums ins Spiel, an dem auch die flämische Medienanstalt VRT und die Zeitung De Tijd beteiligt sind. Die Journalisten haben undercover Männer kontaktiert, von denen man wusste, dass sie an solchen Bewachungsmissionen beteiligt waren. Man unterbreitete den Söldnern ein Jobangebot, und einige von ihnen sind den Reportern auf den Leim gegangen. Die meisten von ihnen waren Russen.
Die Journalisten haben dabei zuallererst wichtige Einblicke in die Routen der Schattenflotte gewonnen, aber auch über die "Standardprozedur" eben in Bezug auf die Bewachung. Und da dürfte der eine oder die andere doch große Augen gemacht haben. Denn im Regelfall werden diese Schiffe von zwei Mann begleitet, die also im Auftrag des Kremls agieren. Diese zwei Männer wechseln sich ab, meist in 24-Stunden-Schichten.
Noch erstaunlicher: Sie tragen keine Waffe. Das bestätigte einer von ihnen bei seinem angeblichen Bewerbungsgespräch, das von den Journalisten mitgeschnitten wurde. "Es ist unwahrscheinlich, dass sich an Bord dieser Tanker Schusswaffen befinden", sagt der Mann, dem die Journalisten den Decknamen "Sergej" gegeben haben.
Keine Schusswaffen, und erst recht nichts Größeres. "Was sollen zwei Mann schon gegen Drohnen oder gar Schiffe ausrichten?", sagt Sergej.
Stellt sich natürlich die Frage: Was machen diese Leute denn sonst auf den Tankern? "Ganz einfach", sagt Dmitri: "Kontrolle der Schiffsbesatzung, um sicherzustellen, dass diese alle Anweisungen befolgt, etwa um eine Beschlagnahme zu verhindern."
Konkret: Die Söldner überwachen die Crew, vor allem den Kapitän und den Ersten Steuermann. Sie müssen etwa dafür sorgen, dass das Schiff auf dem vereinbarten Kurs bleibt. Denn viele dieser Öltanker fahren unter falscher Flagge: Sierra Leone, Panama, Liberia. Und die Besatzungsmitglieder sind oft keine Russen. Deswegen eben die "Aufpasser". "Wenn man das so hört, dann mag es in jedem Fall so aussehen, als habe man die russische Präsenz auf den Schiffen doch etwas überschätzt", schreibt De Tijd. "Womöglich waren die europäischen Sicherheitsdienste da doch allzu zurückhaltend".
In den letzten Wochen scheinen die Schiffe der Schattenflotte allerdings laut den Recherchen ihre Standardroute geändert zu haben. Offenbar machen sie jetzt einen "Schlenker" um Irland. Womöglich will der Kreml nach den jüngsten Zwischenfällen einfach auf Nummer sicher gehen.
Roger Pint