König Baudouin wird bis heute mitunter wie ein Heiliger verehrt. Nicht nur, weil er erwiesenermaßen streng gläubig war. Im Dezember wurde tatsächlich auch offiziell ein Verfahren zu seiner Seligsprechung eingeleitet. Aber auch darüber hinaus war König Baudouin äußerst populär. Als sich am 31. Juli 1993 die Nachricht von seinem plötzlichen Tod verbreitete, ging ein Schock durch das Land. Hunderttausende nahmen in Brüssel Abschied von dem verstorbenen Monarchen.
Nach den knapp 35 Jahren, die seitdem vergangen sind, konnte man den Eindruck haben, dass inzwischen alles bekannt ist aus dem Leben und der Amtszeit von König Baudouin. Eine kürzlich erschienene Biographie gibt jetzt aber doch noch einmal neue, erhellende Einblicke, vor allem in die Gedankenwelt des Königs.
Vincent Dujardin, Historiker und Professor an der Katholischen Universität Löwen, hat nämlich die privaten Tagebücher von Baudouin einsehen und studieren dürfen. Darin hatte der Monarch ganz persönliche Notizen niedergeschrieben: kurze Gesprächsprotokolle, Eindrücke, Gedankengänge. Dadurch kann man jetzt besser erahnen, wer der Mensch hinter dem König war, sagte Professor Dujardin in der RTBF. Darüber hinaus bekommt man aber auch neue Erkenntnisse über seine eigentliche Amtsführung.
In den über 40 Jahren als König der Belgier hat Baudouin bewegte Zeiten erlebt. Angefangen schon bei seiner Amtsübernahme. Viel zu früh musste er den Thron besteigen, nachdem sein Vater, Leopold der Dritte, nicht ganz freiwillig abgedankt hatte. Leopold wollte sich zeitlebens nicht damit abfinden und versuchte zumal in den Anfangsjahren ständig, Einfluss auf seinen Sohn auszuüben. Der habe all das durchaus als eine Belastung empfunden - und deswegen auch Fehler gemacht.
Die privaten Tagebücher erlauben es auch, einige der bekanntesten Episoden aus dem Leben von König Baudouin noch einmal genauer auszuleuchten. Zum Beispiel den Beginn seiner Beziehung mit seiner späteren Frau Fabiola. "Für Baudouin war das Liebe auf den ersten Blick, ohne Zweifel. Das allerdings beruhte zunächst nicht auf Gegenseitigkeit", sagt Vincent Dujardin.
Fabiola habe in einem Brief an Kardinal Suenens ihre Zweifel zum Ausdruck gebracht. Sie kenne Baudouin noch nicht genug und wolle es eigentlich dabei belassen. Der König habe dann aber um ein zweites Treffen gebeten. Und dann habe es auch bei Fabiola gefunkt. "Sie war es dann sogar, die Baudouin den Heiratsantrag gemacht hat", sagt Dujardin.

Eine andere prägende Episode aus der Amtszeit von König Baudouin ist die Ermordung von Patrice Lumumba, dem entmachteten ersten Premierminister des gerade unabhängig gewordenen Kongo. Eine Untersuchungskommission des Föderalparlaments war zu dem Schluss gekommen, dass Baudouin mindestens von den Plänen gewusst habe. Es hieß sogar, der König habe inoffiziell sein Einverständnis gegeben.
"Der Untersuchungsausschuss kannte die privaten Tagebücher nicht", sagt Professor Dujardin. "Daraus geht nämlich hervor, dass Baudouin über die Ermordung von Lumumba nicht informiert war - er hat in dem Ganzen keine Rolle gespielt."
Und dann gibt es natürlich noch die Episode, die das Ende seiner Amtszeit geprägt hat. 1990 weigert sich der König aus religiösen Gründen, das Gesetz zur Entkriminalisierung der Abtreibung gegenzuzeichnen. Baudouin ist bekennender Christ, der auch sein Handeln an seinen religiösen Grundsätzen ausrichtete. Weil er also nicht seine Unterschrift unter das Gesetz setzen wollte, hat man nach Lösungen gesucht. Und die auch gefunden: Der König wurde für regierungsunfähig erklärt für den Zeitraum, in dem das Gesetz erlassen werden konnte, und danach war er wieder regulär im Amt. Er selbst hatte sogar erwogen, abzudanken oder gar ins Exil zu gehen.
Was bleibt, das ist aber am Ende das Bild eines Mannes, der buchstäblich für das Amt gelebt hat, der immer versucht hat, über der politischen Melee zu stehen, und der den Dialog gesucht hat. Auch mit Andersdenkenden.
Roger Pint