Streik und kein Ende. Begonnen hat alles am 30. März mit ersten spontanen Protestaktionen der Beschäftigten, die die Gewerkschaften damit quasi rechts überholten. In der Folge dehnte sich der Streik aus und erfasste nach und nach alle Abteilungen. "Es waren nicht die Gewerkschaften, die ursprünglich zu dem Streik aufgerufen haben", betonte in der RTBF Stéphane Daussaint von der christlichen CSC. "Wir hatten allerdings die Direktion auf den wachsenden Unmut innerhalb des Personals aufmerksam gemacht; die Geschäftsleitung hat aber auf Zeit gespielt."
Die Beschäftigten protestieren gegen den sogenannten "Transformationsplan", mit dem die Direktion das Unternehmen fit für die Zukunft machen will. Wichtigster Kritikpunkt ist ein neues Dienstraster, das bereits im September eingeführt werden soll. Demnach sollen die Postboten ihren Arbeitstag zwei Stunden später beginnen, als das aktuell der Fall ist. Außerdem will die Direktion dem Personal mehr Flexibilität und Mobilität abverlangen.
Den Gewerkschaften geht das alles viel zu weit. "Wir fordern, dass das Ganze in einen verbindlichen Rahmen gegossen wird", sagt Stéphane Daussaint. Stand jetzt sei es demnach so, dass ein junger Postzusteller schon bald nicht mehr wisse, wann sein Arbeitstag beginnt und wann er endet. Er wisse nicht einmal, wo genau er eingesetzt werde, denn das sei jeweils abhängig vom konkreten Bedarf:
Diese Kritikpunkte sind längst bekannt. Die Direktion schalte hier aber konsequent auf Durchzug, beklagt der CSC-Gewerkschafter. Die Geschäftsleitung beschränke sich darauf, ihren Plan immer und immer wieder aufs Neue zu präsentieren - um bei der Gelegenheit auch zu betonen, wie nötig er sei. "Das Problem ist nur, dass es dabei bleibt und dass hier keine wirkliche Verhandlungsbereitschaft signalisiert wird. So fährt sich der Konflikt immer weiter fest."
Die Direktion wollte sich nicht konkret zu den Vorwürfen äußern. Laura Cerrada Crespo, Sprecherin von Bpost, beschränkte sich in der RTBF auf eine Art "Plädoyer" für den sozialen Dialog. "Wir müssen gemeinsam nach Lösungen suchen. Für uns ist es wichtig, dass der Gesprächsfaden nicht abreißt."
In den Ohren der Gewerkschaften sind das leere Worte. Vielmehr sei es so, dass die Direktion die Arbeitnehmerorganisationen noch unnötig provoziere - etwa, indem man Entlassungen in den Raum stelle, oder, indem man versuche, den Süden des Landes gegen den Norden auszuspielen. Tatsächlich hatte Bpost Montag mitgeteilt, dass neun von zehn Postbediensteten in der Wallonie streikten, während die Zustellung in Flandern und Brüssel quasi normal funktioniere. Diese Zahlen stimmten nicht, reagierten die Gewerkschaften. Allerdings gehe das inzwischen soweit, dass die Direktion angedroht habe, einige Aktivitäten vom Süden in den Norden zu "delokalisieren".
"Man versucht jetzt, dem Streik eine gemeinschaftspolitische Note zu geben", beklagte Stéphane Daussaint. Dabei habe es in der vergangenen Woche durchaus auch Protestaktionen in Flandern gegeben. Die Kollegen aus dem Norden des Landes hätten nur auf das Ergebnis der aktuellen Verhandlungsrunde gewartet. "Wenn das so bleibt, wie es ist, dann werden sie sich dem Streik wieder anschließen", so der CSC-Gewerkschafter.
Man hört es: Direktion und Gewerkschaften scheinen sich in ihren jeweiligen Positionen eingegraben zu haben. Währenddessen stapeln sich die liegengebliebenen Postsendungen. Bis zu zehn Millionen Briefe und 400.000 Päckchen warten offenbar derzeit auf Zustellung. Klar, dass das nicht ewig so weitergehen kann. Die Arbeitnehmerorganisationen werfen der Geschäftsleitung vor, gezielt auf Zeit zu spielen, um ihren Plan am Ende durchdrücken zu können.
Erneute Verhandlungen am Dienstag sind wieder ergebnislos beendet worden. Die Gewerkschaften und die Geschäftsführung beschuldigen sich gegenseitig, keine Kompromissbereitschaft zu zeigen. Dennoch wird angestrebt, bis spätestens Ende April eine Lösung zu finden. Die föderale Ministerin für öffentliche Modernisierung, Vanessa Matz, hat sich inzwischen dafür ausgesprochen, einen Vermittler einzusetzen.
Roger Pint