Das Telefon klingelt bei Schienennetzbetreiber Infrabel. Die Meldung: Eine Lokomotive ist entgleist. Viel mehr als die Nummer und den Ort des Vorfalls erfährt der Verantwortliche nicht. Es werden aber unbedingt mehr Informationen benötigt, weil nur so die Lage richtig eingeschätzt werden kann und entsprechende Schritte eingeleitet werden können.
Im Normalfall bedeutet dies, dass ein Infrabel-Mitarbeiter sich auf den Weg zum Unfallort macht, erklärt Martin Keller vom Drohnenkompetenzzentrum von Infrabel. "Der Mitarbeiter sucht also die Schlüssel zu seinem Wagen, steigt ein und macht sich auf den Weg. Mehrere Kilometer, über die Autobahn".
Da der Unfallort aber nicht direkt mit dem Auto erreichbar ist, muss der Infrabel-Mitarbeiter das letzte Stück des Weges zu Fuß zurücklegen. All das nimmt natürlich Zeit in Anspruch - mitunter sehr viel Zeit, wenn sich der Verkehr in und um Antwerpen mal wieder wie so oft staut.
Im vorliegenden Fall ist der Unfall zum Glück nur simuliert. Aber klar ist, dass Zeit ein entscheidender Faktor sein kann. Schließlich geht es potenziell nicht nur um eine Störung des Schienenverkehrs, sondern um Gefahr für Leib und Leben.
Hier kommen die unter anderem mit Kameras ausgestatteten Drohnen von Infrabel ins Spiel. "Mit den Drohnen sind wir in einigen Minuten zur Stelle. Mit dem Wagen kann das manchmal eine halbe Stunde dauern", erläutert Keller.
Der Einsatz von Drohnen bietet aber noch mehr Vorteile. "Geschwindigkeit ist die eine Sache. Aber dank der Drohnen bekommt man auch eine dreidimensionale Sicht auf das Geschehen", hebt der Experte hervor. "Und man kann die Kameraaufnahmen der Drohne bei Bedarf auch schnell teilen, zum Beispiel mit anderen Infrabel-Mitarbeitern, oder auch mit Polizei, Feuerwehr und so weiter."

Ein weiterer wichtiger Aspekt: Menschen werden nicht unnötig potenziellen Gefahren ausgesetzt, wie dies zum Beispiel bei einem Unfall mit einem Gefahrguttransport der Fall sein könnte. "Wenn es da Lecks gibt mit gefährlichen Substanzen, dann kann man sich sehr schnell einen Überblick verschaffen mit Drohnen", so Keller. Aktuell macht Infrabel das nur visuell. Aber zumindest theoretisch sei es laut Keller auch denkbar, die Drohnen irgendwann mit anderen Sensoren aufzurüsten, zum Beispiel mit chemischen.
"Menschen auf den Schienen, Eindringlinge, Brände, Diebstähle, zum Beispiel Kupfer- beziehungsweise Kabeldiebstahl und so weiter", sieht Keller unzählige weitere denkbare Anwendungen im und um den Schienenverkehr für diese Drohnen.
Dafür wird es allerdings deutlich mehr als die vier Drohnensysteme brauchen, die Infrabel aktuell im Einsatz hat. "Gegen Ende 2026, Mitte 2027 werden wir auf 30 Systeme aufstocken. Plus Drohnen für lineare Flüge ab Mitte 2027. Aber über konkrete diesbezügliche Zahlen können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts sagen."
Bisher operieren die Infrabel-Drohnen nämlich von festen Basen aus - eine Art Drohnen-Garage, von der aus sie starten und wohin sie nach ihrer Mission wieder zurückkehren. "Ab Mitte 2027 werden wir lineare Strecken abfliegen mit einer Länge von hundert Kilometern. Dann werden wir quasi permanent Patrouille fliegen über die Schienen", blickt Keller in die Zukunft.
Boris Schmidt