Jozef Sznajer zu Gast in St. Paulus - mit zehn Jahren war Sznajer mit seiner Familie nach Belgien gekommen. Der 1937 in Warschau geborene Jude hatte seit seiner frühesten Kindheit unter der Verfolgung der Nazis zu leiden. Darüber sollte er berichten in der katholischen Gemeinde deutscher Sprache in Brüssel.
Organisiert hatte den Abend Maria Gerhardt, Gemeindemitglied in St. Paulus. "Der Gedanke kam einfach durchs Zeitungslesen. Wir sehen überall, dass der Antisemitismus zunimmt. Und dann habe ich mich zurückerinnert, wie das früher bei uns in der Schule war. Ich bin Jahrgang 1980. Da kamen noch Auschwitz-Überlebende zu uns in die Schule und haben von ihren Erfahrungen erzählt. Und dann dachte ich mir, es wäre doch toll, wenn das jetzt auch möglich wäre."
Doch bei der Organisation des Abends stieß Maria Gerhardt unerwartet auf ein Problem. "Der zunehmende Antisemitismus führt dazu, dass inzwischen sämtliche Veranstaltungen mit jüdischen Teilnehmern geschützt werden müssen. Hier geht es nicht nur um Synagogen, um jüdische Kindergärten und Schulen, sondern tatsächlich auch, wenn man nur einen jüdischen Sprecher einlädt." Also wurde die Organisatorin aktiv. "Ich habe die Polizei kontaktiert. Die hat direkt zugesagt. Natürlich! Die kamen mit zwei Streifen vorbei, mit zwei Polizisten auf Fahrrädern. Das ist inzwischen anscheinend normal. So bitter es ist."
Auch die Gemeinde selbst traf ihre Vorsichtsmaßnahmen. "Wir haben deshalb die Veranstaltung nicht auf der Webseite angekündigt. Die wurde nur per E-Mail und per Aushang im Pfarrhaus und in den Messen angekündigt. Und wir haben ein paar freiwillige Gemeindemitglieder gefunden, die sich vor die Tür gestellt und ein bisschen Gesichtskontrolle gemacht haben, dass keine Störenfriede zu der Veranstaltung kommen. Sonst hätten sie sofort die Polizei benachrichtigt."
Trotz all dieser Hindernisse war der Kirchenraum in St. Paulus gut gefüllt, als die Veranstaltung letztlich ohne Zwischenfall verlief. Dass für den Abend so viele Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden mussten, nur, weil Sznajer ein Jude war, hinterließ auch Spuren bei den Besuchern.
"Ich finde das traurig, dass es so ist, wie es ist. Aber es scheint ja die Realität zu sein", sagt eine erste Frau. "Im Grunde ist es traurig, dass wir in einer Situation sind in der Welt, wo die, die vortragen, Angst haben. Das ist wirklich traurig", so ein weiterer Besucher des Abends. "Das ist schon ungewöhnlich. Aber es gibt sicher Gründe, warum das so ist. Im Moment verstehe ich das besonders gut. Natürlich ist es sehr schade, dass das so sein muss", bedauert eine zweite Frau.

Gemeindepfarrer Wolfgang Severin äußerte sich ähnlich. Das alles sei "schockierend. Man hört das natürlich immer wieder. Aber wenn es dann mal so konkret wird, dann ist das schockierend. Denn das ist ein alter Mann, der von seiner Kindheitserfahrung erzählt. Von schrecklichen Dingen, wo jeder Mensch eigentlich denken müsste: Da hast du Mitleid. Aber dass sich so ein Hass dann so auswirkt, dass jede Veranstaltung geschützt werden muss, ist erschütternd."
Das würde er als Mensch so empfinden. Als Deutscher vielleicht sogar noch in besonderer Weise. Auch als Christ. "Das Judentum ist als Religion die Grundlage des Christentums. Das heißt, da gibt es eine Einheit, die man nicht wegdiskutieren kann und auch nicht will. Das Judentum ist die Grundlage des Christentums. Das heißt, ich fühle mich mit diesen Menschen, mit Israel, mit Juden anders verbunden, als wenn ich kein gläubiger Mensch wäre. Deswegen ist das so ein bisschen auch: Da tritt jemand auch auf meine eigene persönliche Glaubensgeschichte, weil das zusammengehört. Und wie ich darauf reagieren kann, weiß ich noch nicht. Ich bin da ratlos."
Diese Ratlosigkeit angesichts des wiedererstarkten Antisemitismus nicht nur, aber auch in Brüssel, untermauert der Pfarrer mit einem Beispiel aus seinem Alltag: "Ich habe auch meine persönlichen Erfahrungen. Ich habe ein T-Shirt, auf dem ein Davidstern drauf ist und wo 'Shalom' drunter steht. Ich gehe ab und zu ins Sportstudio, aber das T-Shirt trage ich dort nicht mehr. Aus Angst vor den Reaktionen. Und dann habe ich gesagt: Na ja, sollst du diese Angst denn überwinden? Bis jetzt habe ich es noch nicht getan. Aber da fängt es ja schon an. Und das macht mich selber sehr nachdenklich, auch an so einem Abend wie heute."
Kay Wagner