So abgedroschen die Phrase auch ist, sie bleibt wahr: Absolute Sicherheit kann und wird es nie geben. Was aber natürlich nicht bedeutet, dass nicht noch etwas mehr getan werden kann, um Bürger und Land noch etwas sicherer zu machen.
In dem Sinne ist der Jahrestag der Terroranschläge vom 22. März 2016 für die Sicherheitsbehörden auch eine Motivation, unterstreicht Gert Vercauteren im Interview mit der RTBF. Er ist der Chef des Koordinierungsorgans für die Bedrohungsanalyse (KOBA), meist eher bekannt als Anti-Terror-Stab OCAM. Das sporne die Verantwortlichen wirklich noch mehr an, alles Menschenmögliche zu tun, um zu verhindern, dass sich so etwas jemals wiederholen könne.
Eine andere Sache will der OCAM-Direktor aber auch betonen: Die Sicherheitslage sei heute besser als vor zehn Jahren. Davon sei er wirklich überzeugt, so Vercauteren in der VRT. Die Sicherheitsbehörden hätten gute und wichtige Lehren aus den Terroranschlägen gezogen, auch wenn diese Lehren leider teuer erkauft werden mussten.
Mehr Kooperation
Eine große Veränderung sei, dass man eingesehen habe, dass man Informationen immer und jederzeit miteinander teilen müsse. Und dass man gemeinsam nach Lösungen und Maßnahmen suchen müsse. Das betreffe allerdings weniger die Sicherheitsbehörden untereinander, hier sei die Kooperation schon davor eigentlich gut gewesen. Sondern vor allem die Zusammenarbeit mit allen anderen zuständigen Stellen und Ebenen von der föderalen bis hinunter zur lokalen.
Es gehe auch nicht mehr nur um die Sicherheit. Belgien habe zum Glück verstanden, dass die Sicherheitsbehörden zwar die Symptome bekämpfen könnten aber nicht die Ursachen. Die Ursachen seien oft auf Ebene der Gesellschaft zu finden - dort müsse also auch angesetzt werden. Entsprechend müssten also auch alle Schichten der Gesellschaft eingebunden werden. Auch und gerade hinsichtlich von Prävention und Begleitung beziehungsweise Reintegration.
Was die Bedrohungslage insgesamt angeht, spricht der OCAM-Chef von einer Diversifizierung über die letzten Jahre. So gebe es etwa wieder mehr "traditionellen" Extremismus von Links und von Rechts. Anti-Establishment-Gewalt habe seit Corona ebenfalls wieder zugenommen. Es gebe aber auch eher neue Phänomene wie den nihilistisch geprägten Terrorismus, der wenn überhaupt nur noch oberflächlich mit Ideologien zu tun habe.
Neues Täter-Profil
Aber trotzdem: Die dschihadistische Bedrohung habe zwar etwas an Bedeutung eingebüßt, bleibe aber auch zehn Jahre nach den Anschlägen die größte Gefahr in Belgien. Was sich allerdings deutlich gewandelt habe, sei das Profil der Täter. Aus dem Ausland geschickte beziehungsweise koordinierte Terrorkommandos wie damals gebe es heute eigentlich so gut wie nicht mehr. Stattdessen habe man es vor allem mit Einzeltätern zu tun.
Und noch etwas habe sich stark verändert: die Art und Weise, wie sich Menschen radikalisierten. Nämlich online, im Internet. Während die Radikalisierung 2016 häufig noch über Freunde und Bekannte, also physisch stattgefunden habe, geschehe das heute vor allem über Apps, über die Sozialen Medien. Oft würden sich Täter im realen Leben gar nicht mehr kennen, sondern nur noch virtuell.
Besonders erschreckend sei, wie schnell und leicht sich Menschen im Netz radikalisierten. Menschen verbrächten immer mehr Zeit im Internet, sie seien potenziell 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche extremistischen Inhalten ausgesetzt. Besonders junge Menschen seien hier sehr aktiv. Das erkläre vielleicht auch, warum immer häufiger sehr junge und sogar minderjährige Verdächtige in Terror- und Radikalisierungsdossiers auftauchten.
Boris Schmidt