Im Güterverkehr fahren längst private Anbieter auf belgischen Schienen. Aber gegen die Liberalisierung des Personenverkehrs hat sich Belgien bisher mit Händen und Füßen gewehrt und versucht, das Monopol der SNCB zu schützen. In der Vergangenheit befürchteten die Regierungen den Ärger mit den Gewerkschaften. Jetzt führt aber kein Weg mehr dran vorbei, dass die Bahn das gleiche Schicksal ereilen wird wie zuvor schon die Post und der Telekommunikationssektor - nach dann über 100 Jahren Monopolstellung.
Vor zwei Wochen hat die Föderalregierung beschlossen, dass die SNCB ab dem 1. Juni keine neuen Beamten ernennen darf, sondern nur noch vertragliches Personal einstellen darf. Ein weiterer Vorbote zur Liberalisierung.
Reisende sollen schon jetzt in der Vorbereitung von einem besseren Zugangebot profitieren. Es soll besser an den tatsächlichen Bedürfnissen der Reisenden ausgerichtet werden. Das heißt, dass Strecken mit hohen Fahrgastzahlen vorrangig ausgebaut werden. Auf der anderen Seite werden Zughaltestellen mit nur wenigen Fahrgästen reduziert. Das geschieht mit dem Ziel, wirtschaftlicher zu arbeiten.
Zugfahren wird durch die Liberalisierung nicht zwingend günstiger, wie der Blick in die Nachbarländer verrät. In den Niederlanden ist die Liberalisierung schon weiter fortgeschritten. Die Erfahrung dort zeigt, dass zwar die Ticketpreise etwa gleich bleiben, die Reisenden aber mehr fürs Geld bekommen. Das sagt der Eisenbahnjournalist Herman Welter am Freitag in De Morgen. Unter dem Wettbewerbsdruck werden bestimmte Strecken jetzt besser bedient - auch vom ehemaligen Monopolisten.
Ebenso darf man erwarten, dass sich der Service verbessert. Wir erinnern uns: Die SNCB hatte Ende 2024 angekündigt, dass sie in ihren Zügen kein WLAN installieren will. Das war ihr zu teuer. Hier würde der Wettbewerb auf dem Markt den Druck erhöhen, den Service für die Kunden zu verbessern.
Die Liberalisierung in den Niederlanden hat auch Nachteile gebracht. Dort stehen auf den Bahnsteigen nun die Ticketautomaten von mehreren Gesellschaften. Man muss sich also entscheiden, mit welchem Unternehmen man seine Reise antritt. Wer umsteigt, muss mitunter auch mehrere Tickets von unterschiedlichen Anbietern kaufen.
Welche Unternehmen künftig in Belgien Passagierverkehr auf der Schiene anbieten werden, ist noch nicht klar. Wir wissen aber, dass der Markt hart umkämpft ist. In anderen EU-Ländern haben einige Bahnunternehmen wirtschaftlich nicht überlebt, sind aufgekauft worden oder ganz verschwunden. Ein heißer Kandidat für den belgischen Markt ist Arriva. In den Niederlanden ist das Unternehmen ein erfolgreicher Akteur. Und auch in Belgien ist Arriva schon aktiv und betreibt den Dreiländerzug zwischen Aachen, Maastricht und Lüttich. Das funktioniert schon jetzt, weil in den Zügen auch Mitarbeiter der SNCB mit an Bord sind.
Ein weiterer Anwärter aus den Niederlanden ist Keolis, die Tochtergesellschaft der französischen Eisenbahn. Keolis ist hierzulande ja schon ein wichtiger Subunternehmer im Busverkehr. Vielleicht kommt die Konkurrenz auch von FlixBus. In Deutschland ist der FlixTrain schon jetzt ein ernstzunehmender Konkurrent für die Deutsche Bahn.
An Kandidaten mangelt es nicht. Die stürzen sich in der Regel auf die attraktiven Verbindungen. Die Frage wird sein: Was passiert mit den weniger genutzten Strecken?
Olivier Krickel