Für die Öffentlichkeit war es ein Coup - für die Eingeweihten natürlich nicht: Als um kurz nach halb zwei Uhr in der Nacht zum Sonntag die erste Eilmeldung über den Ticker der Nachrichtenagentur Belga lief, da war es eine Premiere: Belgische Soldaten hatten einen Öltanker gekapert, der zur so genannten russischen Schattenflotte gehört.
Diese Schattenflotte hatte Russland sich zugelegt, nachdem schon kurz nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine Ölexporte von Russland durch die G7-Staaten und die EU mit Sanktionen belegt worden waren. Unter fremder Flagge liefern die oft alten Öltanker dennoch russisches Öl zu Kunden in der ganzen Welt. Dass Russland dadurch die Sanktionen umgeht, weiter viele Rubel an seinem Öl verdient und damit die Kriegskassen füllen kann, ist bekannt. Dagegen getan wird allerdings wenig.
Verteidigungsminister Theo Francken will an diesem Missstand etwas ändern. Das behauptet er zumindest in der VRT, wenn er von den Vorbereitungen auf die Aktion am frühen Sonntagmorgen erzählt. "Anfang Januar", sagt er da, "habe ich den Auftrag für diese Aktion an den Chef der Streitkräfte, General Vansina, gegeben. Ich habe ihm gesagt, dass ich möchte, dass wir auch unsere Verantwortung wahrnehmen bezüglich der Schattenflotte. Es gibt Sanktionen gegen Russland, aber niemand unternimmt etwas."
Dass das Kapern des quasi russischen Schiffes Konsequenzen nach sich ziehen würde, war Francken dabei durchaus bewusst. Mit dem Lob des ukrainischen Präsident Selenskyj, das schon am Sonntag in Belgien eintraf, war dabei genauso zu rechnen wie mit Vergeltungsmaßnahmen aus Russland. Doch davon will Francken sich nicht beeindrucken lassen. Offen gibt er zu: "Sie", also die Russen, "haben viele Möglichkeiten, um zurückzuschlagen. Aber man muss irgendwann auch mal wissen, was man will. Wenn man sagt, der Krieg in der Ukraine muss beendet werden, wir müssen die Russen dazu bringen, an den Verhandlungstisch zu kommen, um über Frieden zu reden, dann muss man auch den Druck erhöhen."
Den Druck erhöhen, das hat Belgien immerhin ein bisschen getan. Natürlich wäre es verwegen zu denken, dass das Festsetzen eines einzigen Tankers der Schattenflotte nachhaltige Wirkung haben wird. Aber die Aktion hat für Francken auch noch einen anderen Wert. Sie habe nämlich gezeigt, zu was die belgischen Streitkräfte alles fähig seien. "Unsere Streitkräfte können viel", betont er. "Unsere Verteidigung ist kräftig und stark. Ich bin Minister geworden, damit man wieder mit Respekt auf unsere Streitkräfte schaut. Und so eine Aktion ist dafür eine gute Sache."
Bei den Streitkräften sieht man das genauso. General Frederik Vansina, der von Francken im Januar mit der Vorbereitung der Aktion beauftragt worden war, sagt, nicht ohne Stolz in der Stimme, bei der VRT: "Es ist das erste Mal, dass die Streitkräfte eine so komplexe Operation ausführen, bei der sowohl die Marine, die Luftstreitkräfte als auch Spezialeinheiten zusammenwirken".
Kay Wagner