An den Wänden sieht man auf großen Bildschirmen Szenen, wie man sie aus Ego-Shootern kennt: Spieler, die sich in Ich-Perspektive mit gezogener Waffe durch Gelände und Gebäude bewegen. Dabei öffnen sie zum Beispiel Türen, machen Gegner unschädlich oder erfüllen andere Missionen. Und natürlich koordinieren sich die Spieler über Mikrofone und Kopfhörer.
Allerdings handelt es sich in diesem Fall nicht wirklich um Spieler, sondern um Beamte von Spezialeinheiten von Polizei, Zoll und Armee. Und diese sitzen nicht vor Computern, sondern bewegen sich in ihrer vollen Ausrüstung durch eine umgebaute Sporthalle.
Dabei stehen ihnen bis zu tausend Quadratmeter Simulationsraum zur Verfügung, erläutert Jeroen Nelis, der Projektleiter des sogenannten XR-Labs. "XR" steht dabei für "eXtended reality", übersetzt also erweiterte Realität. Weil aus der Realität der umgebauten Turnhalle wird dank Virtual-Reality-Helmen ein möglichst wirklichkeitsgetreuer Einsatzraum.
"Man muss sich zum Beispiel vorstellen, wenn unsere Sondereinheiten irgendwo einen Zugriff machen müssen", erklärt Eric Snoeck, Generalkommissar der Föderalen Polizei. "Sie kommen dann in einer ihnen total unbekannten Umgebung an, was natürlich mit einer gewissen Gefahr verbunden ist. Hier kann man vorab die Realität virtuell darstellen, damit sie sich effektiv besser darauf vorbereiten können."
Für den Ernstfall trainiert wurde früher natürlich auch schon - auch in nachgebautem Gelände. Aber was früher Tage an Vorbereitung kostete, geht jetzt in Minuten. Aus einem zweidimensionalen Grundriss könne man sehr schnell ein 3D-Modell für die virtuelle Realität erschaffen. Also keine aufwändigen Nachbauten mehr aus Karton, Holz und Co.
Das Ganze sei auch sicherer, weil keine echte Munition mehr benutzt werde. Stattdessen kommen elektronische Nachbildungen zum Einsatz. Außerdem müssten die Einsatzkräfte nicht erst weite Strecken zurücklegen, alle Trainings könnten im gleichen Raum stattfinden.
Es wird auch einfacher, andere wichtige Einsatzparameter zu simulieren. "Train as you operate", sage man immer, unterstreicht Nelis. Also genau so trainieren, wie man sich dann im Einsatz auch verhält. Und dazu gehöre eben auch, dass alles möglichst realistisch sei.
Deswegen sehen die Beamten über ihre VR-Helme auch, "wie die Räumlichkeiten ausgestattet sind, wo sich die Personen befinden, die festgenommen werden müssen. All das kann virtuell dargestellt werden. Das ist sehr hilfreich für unsere Kollegen", bekräftigt Snoeck.
Die "erweiterte Realität" kann zum Beispiel auch zur Rekonstruktion von Tatorten und Tatabläufen eingesetzt werden. "Damit sich die Kollegen von Magistratur und Kriminalpolizei im Nachhinein ein besseres Bild von dem machen können, was da passiert ist", so Snoeck.
Und auch diverse andere Übungsszenarien sind bereits getestet worden. Aber damit nicht genug, die Verantwortlichen hoffen, dass das System noch deutlich breitere Anwendung findet. "Zum Beispiel, um auch Einsätze mit Fahrzeugen simulieren zu können. Das sei in den heutigen Räumlichkeiten nicht möglich", merkt Snoeck an.
Eigentlich wolle man, dass "eXtended reality" auch zur Grundausbildung von Polizei und Infanterie bei der Landesverteidigung genutzt werde, ergänzt Nelis.
Boris Schmidt





