Schon der Streik, der am Freitagabend beginnen soll, wird als Rekord-Streik bezeichnet. Statt nur ein oder zwei Tage den Bahnverkehr zu behindern, sollen neun Tage hintereinander gestreikt werden. Zunächst zwei Tage von einer kleinen Gewerkschaft, dann nochmal sieben Tage von einer weiteren kleinen Gewerkschaft.
Und dann hatte am Donnerstagabend noch eine dritte, andere kleine Gewerkschaft angekündigt, ebenfalls streiken zu wollen, nämlich die Bahngewerkschaft METISP-Project, die rund 1.600 Mitglieder aus allen Arbeitsgruppen bei der SNCB zählt. Sie will ab dem Ende des jetzigen Streiks streiken und dann bis Ende März. Diese Ankündigung wurde am Freitagvormittag von der Dachgesellschaft der Bahn, der HR Rail, zwar zurückgewiesen, doch wie die Gewerkschaft darauf reagieren wird, bleibt abzuwarten.
Verkehrsminister Jean-Luc Crucke ging am Freitagvormittag bei der RTBF auch gar nicht auf diesen möglichen Streik bis Ende März ein, sondern bezog sich lediglich auf die kommenden neun Tage, die Störungen beim Bahnverkehr versprechen. Crucke hat dafür kein Verständnis: "Es handelt sich um zwei kleine Gewerkschaften, die noch nicht einmal fünf Prozent der Mitarbeiter der SNCB vertreten", sagt er. "Sie entscheiden, alles lahmzulegen, obwohl noch kein einziges Gespräch zu den geplanten Änderungen stattgefunden hat."
Der Zorn der streikenden Bahnmitarbeiter richtet sich vor allem auf drei geplante Änderungen. Zum einen auf das Vorhaben der Regierung, das Renteneintrittsalter von zurzeit 55 Jahren für Bahnmitarbeiter nach und nach anzuheben.
Dazu sagte Crucke: "Historisch ist es verständlich, dass das Renteneintrittsalter bei einigen Berufsgruppen bei 55 Jahren liegt. Damit wird der Schwere ihrer Arbeit Rechnung getragen. Aber ist es unverständlich zu sagen: Nach und nach wollen wir das anpassen? Auf Grundlage von Gesprächen, von Konzertierungen? Das scheint mir genauso realistisch."
Ein weiterer Streitpunkt ist das Vorhaben der Regierung, Mitarbeiter der Bahn nicht mehr automatisch zu verbeamten. Crucke stellte dazu klar, dass die Regierung es nicht verbiete, auch neue Mitarbeiter in einem Beamtenstatus zu beschäftigen. Allerdings solle die Verbeamtung kein Automatismus mehr sein. Die Bahn könne bei Neueinstellungen auch ein vertragliches Arbeitsverhältnis wählen. "Muss man sich dafür schämen?", fragte der Minister. Und gab sich selbst die Antwort: "Es gibt sehr viele arbeitende Menschen in Belgien, die mit einem Vertrag leben und die ganz und gar nicht unzufrieden sind".
Dritter Kritikpunkt der Gewerkschaften: Die Dachgesellschaft von SNCB und Infrabel, die HR Rail, soll aufgelöst werden. Die Regierung möchte das mit Blick auf die Liberalisierung des Schienenverkehrs in einigen Jahren machen. Die Gewerkschaften werten diese Trennung als nachteilig.
Mit den großen Gewerkschaften hat Crucke bereits Gesprächstermine vereinbart, um über all diese Punkte zu sprechen. Auch deshalb ist der Minister von Les Engagés ungehalten darüber, dass mehrere kleinere Gewerkschaften jetzt einfach schon mit Streiks beginnen.
Einen Minimaldienst werde es während der Streiktage aber auf jeden Fall geben, kündigte der Minister an. Züge werden also fahren. Welche genau, das sei jetzt noch nicht klar. Am besten sei es, im Internet oder auf den Apps der Bahn nachzuschauen. 24 Stunden vor einer geplanten Fahrt seien dort alle nötigen Informationen zu der Fahrt zu finden, beteuert Minister Crucke.
Lage am Sonntag etwas entspannter
Die streikbedingten Störungen im Zugverkehr sollen am Sonntag weniger stark ausfallen als am Samstag. Das teilt die SNCB mit. Die hatte angekündigt, dass am Samstag sechs von zehn Zügen fahren. Sonntag sollen dann zwei von drei IC-Zügen fahren und drei von vier S- und L-Zügen.
belga/kwa/vk