Der Anfang vom Ende der Atomenergie in Belgien

Es ist der Tag X in Sachen geplantes Ende der Atomkraft in Belgien. Der erste der sieben kommerziellen Atomreaktoren des Landes, Doel 3, wird Freitagabend vom Stromnetz getrennt werden. Ein Reaktor, der in den 40 Jahren seines Betriebs eine gehörige Portion des belgischen Stromverbrauchs bestritten hat, der aber auch immer wieder für Negativschlagzeilen gesorgt hat.

Das Atomkraftwerk in Doel

Das Atomkraftwerk in Doel (Archivbild: Dirk Waem/Belga)

Zunächst werde man zwischen 21 und 22 Uhr nach und nach die Leistung des Reaktors Doel 3 verringern, so der Direktor des Atomkraftwerks Doel, Peter Moens, im Interview mit der VRT. Bis dann der Schalter umgelegt werde, der die Verbindung zwischen dem Reaktor und der Außenwelt, also dem belgischen Stromnetz, unterbrechen wird.

Aber der Druck und auch die hohe Temperatur im Reaktor lösen sich mit dieser Schalterumlegung natürlich nicht einfach in Luft auf. Mindestens vier bis fünf Tage werde es dauern, bis Doel 3 komplett zum Stillstand komme, also abgekühlt und der Druck abgebaut sei. Erst danach können die nächsten Schritte in Angriff genommen werden: die Entnahme und das Herunterkühlen des nuklearen Brennstoffs und die radioaktive Dekontaminierung der Anlage.

Insgesamt soll die erste Phase, die sogenannte „Stopp“-Phase, fünf Jahre dauern. 17 bis 18 Jahre werde der geplante vollständige Rückbau insgesamt wohl in Anspruch nehmen, so Direktor Moens. Also etwa bis ins Jahr 2040.

Champagnerkorken wird der Direktor vermutlich nicht knallen lassen, zu eng fühlt er sich mit dem Reaktor verbunden. Er habe damals schon als Testingenieur in Doel gearbeitet, so Moens, bevor er später Direktor der Anlage geworden sei. Das werde also ein sehr spezieller und auch schwieriger Moment werden für ihn. Und wohl nicht nur für ihn.

Die Menschen, die in Doel 3 arbeiteten, hätten das immer gerne getan, man sei wie eine große Familie, so Direktor Moens im Interview mit der RTBF. Von daher werde die Stilllegung sicherlich ein emotionaler Augenblick werden. Ein Augenblick, auf den sich alle Beteiligten seit vier Jahren intensiv vorbereitet haben, bestätigte Direktor Moens. Man improvisiere nicht, wenn es um die nukleare Sicherheit gehe. In diesem Bereich müsse alles immer und immer wieder durchdacht, durchexerziert und durchleuchtet werden.

„Bröckel-Reaktor“ vs. Erfolgsgeschichte

Wobei Durchleuchten im Zusammenhang mit unter anderem Doel 3 auch das richtige Stichwort ist für eine andere Geschichte, die untrennbar mit dem Reaktor verbunden bleiben wird: Im Sommer 2012 wurden zuerst im Reaktorkessel von Doel 3 feine Risse entdeckt. Eine Untersuchung am baugleichen Reaktor Tihange 2 wenig später ergab den gleichen Befund. Tausende dieser Mikrorisse entdeckte die Atomaufsichtsbehörde Fank schließlich insgesamt per Ultraschalluntersuchung.

Wenig überraschend der Startschuss für eine emotional und heftig geführte Debatte um die Sicherheit dieser Reaktoren im Speziellen und von Atomkraft im Allgemeinen. Und auch der Startschuss für mehrfache Abschaltungen, mehrere Jahre lag Doel 3 aus Sicherheitsgründen mehr oder weniger still. Gegen Ende 2015 gab die Atomaufsichtsbehörde Fank dann wieder endgültig grünes Licht zum Wieder-Hochfahren. Aber auch in den Jahren danach kam es immer wieder zu Pannen verschiedenster Art. Nicht umsonst hatte sich da schon längst bei vielen der Begriff „Bröckel-Reaktor“ fest eingebürgert.

Für den Direktor ist Doel 3 dennoch insgesamt eine Erfolgsgeschichte. Es sei ein sehr leistungsfähiger Reaktor gewesen, auch dank seiner engagierten Belegschaft. Bis zu zehn Prozent der gesamten Elektrizität des Landes hat Doel 3 produzieren können. Seit der Geschichte mit den Mikrorissen habe es eigentlich auch keine größeren Probleme mehr gegeben, so Moens. Nachdem die Brennelemente gewechselt worden seien und die letzte große Wartung erledigt worden sei im vergangenen Jahr, habe der Reaktor 365 Tage am Stück ohne Probleme auf vollen Touren gedreht, das würden nicht viele Atomkraftwerke auf der Welt hinbekommen.

Aber damit wird Freitagabend Schluss sein. Ob nun endgültig, wie der Direktor und auch die Fank glauben, oder vielleicht doch nur vorläufig, wie es manche Politiker und Gruppierungen fordern, das kann nur die Zeit zeigen.

Boris Schmidt

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2 Kommentare
  1. Gerald Pesch

    365 Tage am Stück, d.h. 100% Verfügbarkeit. Die Windräder von H. Langer, auf die alle so stolz sind, bringen es auf höchstens 20% Gesamtverfügbarkeit und das auch nicht planbar am Stück, sondern völlig unplanbar, nach Wetterlage. Das ist kein Freudentag für Leute die rechnen können, die wissen was auf uns zu kommt. Die Menschen, und das ist die Mehrheit, die nicht wirklich verstehen wie der Strom in die Steckdose kommt, ahnen vielleicht das Desaster beim Blick auf ihre Stromrechnung. Und die verantwortlichen Politiker? Verstehen gar nicht was sie da abschalten. Es muss wohl erst das Licht ausgehen bevor vielen ein Licht aufgeht.

  2. Jean-Pierre DRESCHER

    Das Problem ist bei weitem nicht die beschlossene Abschaltung der beiden Atommeiler in Doël und Tihange sondern der Nationale Alleingang der BRD Regierung der zum Zusammenbruch des Europäischen Verbundnetzes führen wird wegen dem sofortigen Abriss aller noch nicht von Amtswegen demolierter Kohlekraftwerke durch die Braune „Ampel-Regierung“ in Berlin.

    Unsere Foederalregierung hat es nun in der Hand, dem Regierungsvandalismus der BRD-Regierung ein Ende zu setzen. Ähnlich kann De Croo die Franz. Regierung zur sofortigen Reparatur der defekten AKWs in Frankreich ermahnen wegen Untätigkeit im Amt. Jedes Land des Schengen-Raums hat sich an die Richtlinien und Vereinbarungen des Schengen-Raums ohne Wenn und Aber zu halten.

    Bei noch mehr renitentem Verhalten gegen den Europäischen Geist kann ein Machtwort des EUGH Wunder bewirken gegen Nationale Alleingänge zu Lasten der Versorgungssicherheit in Europa. Man muss einfach nur Klage einreichen gegen die BRD-Regierung weil u.a. eine Gefahr für die Menschen in Deutschland und der EU besteht.

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