Professorin: Sexuelle Gewalt ist eine Kriegswaffe

Nach den Bildern aus der ukrainischen Stadt Butscha, mit Leichen auf den Straßen und Massengräbern, tauchen jetzt auch immer mehr Berichte von Vergewaltigungen durch russische Soldaten auf. Wahrheit und Umfang sexueller Gewalt ist in Kriegssituationen natürlich schwer nachzuweisen. Aber Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch erhalten mehr und mehr Zeugenaussagen.

Ukrainischer Flüchtling (Bild: Gil Cohen Magen/AFP)

Ukrainischer Flüchtling (Bild: Gil Cohen Magen/AFP)

Heleen Touquet forscht an den Unis Löwen und Antwerpen zum Thema „Sexuelle Gewalt als Kriegswaffe“. Verwundert über Berichte von Vergewaltigungen im Ukraine-Krieg ist die ehemalige Journalistin und Politikwissenschaftlerin überhaupt nicht. „Sexuelle Gewalt ist in Kriegszeiten nichts Außergewöhnliches. Vor allem, weil es solche Berichte schon 2014 während der Konflikte im Donbass gegeben hat.“

Berichte, die auch schon der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen zur Kenntnis genommen hat. Es gehe in erster Linie um Machtmissbrauch. Ein Machtgefälle zwischen einerseits bewaffneten Soldaten und unbewaffneten Zivilisten im Schutzkeller.

Hinzu komme eine entmenschlichende Rhetorik aus Moskau, die den Prozess beschleunige, so Touquet. Und das sei auch die Strategie dahinter. „Menschen, bewusst zu entmenschlichen und zu erniedrigen. Vergewaltigungen sind da ein sehr gutes Mittel.“

Menschen würden nicht getötet aber schwer traumatisiert. Und damit treffe man die gesamte Gesellschaft. Plus: Vergewaltigungsopfer zögen oft weg, um nicht daran erinnert zu werden. „Eine Art Völkermord also, ohne Menschen zu töten“, erklärt Touquet.

Doch anders als bei Getöteten, ist es schwierig die Zahl der Vergewaltigungsopfer zu erfassen. „Deshalb braucht es Zeugenaussagen. Entweder von Menschen, die es gesehen, oder selbst erlebt haben.“ Aber Opfer reden nicht gerne darüber. Deshalb ist es die Aufgabe von Untersuchungsrichtern oder Nichtregierungsorganisationen, ein vertrauensvolles Umfeld zu schaffen, in dem Opfer reden können. „Doch das ist oft schwierig“, stellt die Wissenschaftlerin fest. „Deshalb gibt es auch eine so hohe Dunkelziffer.“

Touquet beschäftigt sich in ihrer Forschungsarbeit vor allem mit dem Bosnien-Krieg im ehemaligen Jugoslawien Anfang der 1990er Jahre. Dort gehen die Schätzungen zur Zahl der Vergewaltigungsopfer weit auseinander, von 20.000 bis 50.000. „In der Wissenschaft multipliziert man die Zahl der bestätigten Berichte mit einem gewissen Faktor. Die Mehrzahl der Fälle kommt nicht ans Tageslicht“, sagt Touquet.

„Die Täter zu finden und bestrafen, ist deshalb auch schwierig“, sagt Touquet. Es gebe eine Kultur der Straflosigkeit rund um sexuelle Gewalt. „Die Täter wissen, dass es schwierig ist sie nachzuweisen, und deshalb tun sie es auch.“

Volker Krings