Psychologe: Angst vor Krieg ist normal, Empathie hilft

Nach zwei Jahren Corona-Krise mit Lockdowns und allen möglichen Einschränkungen ist die Psyche bei vielen Menschen in keinem guten Zustand. Jetzt sorgt der Krieg für zusätzliche Angst und Bedrohungsgefühle. Nicht zu vergessen, die Folgen des Klimawandels, die für die Menschheit vielleicht sogar eine noch größere Gefahr darstellen können. Wie nun mit einer Psyche unter Dauerstress umgehen?

Psychische Gesundheit durch Corona-Krise angegriffen (Illustrationsbild: Bildagentur PantherMedia / Antonio Guillen Fernández)

Illustrationsbild: Bildagentur PantherMedia/Antonio Guillen Fernández

Angst ist ein lebensnotwendiges Gefühl, sagt Ilios Kotsou, Professor für Psychologie an der Freien Universität Brüssel (ULB) und spezialisiert auf den Fachbereich Emotionale Intelligenz. Es wäre in diesen Zeiten sogar erstaunlich, keine Angst zu haben, sagte er am Donnerstag in der RTBF. Allerdings müsse man unterscheiden zwischen Angst vor realen Bedrohungen, wie zum Beispiel Corona oder Krieg und einer Angst vor Dingen, die vielleicht niemals eintreffen.

Kotsou vergleicht Letztere mit einer Entzündung im Körper. Dauert sie zu lange an, dann spielt das Immunsystem verrückt. Genauso kann ein ständiges Gefühl der Bedrohung und Ohnmacht schlimmstenfalls eine Depression verursachen.

Die eine von der anderen Angst zu unterscheiden, ist allerdings schwierig. Denn ob beispielsweise der Krieg in der Ukraine oder der Klimawandel eine reale Bedrohung sind, kann man so oder so sehen. Entscheidend ist, was uns unser Kopf sagt. Passiert uns etwas tatsächlich oder nicht? So sind wir mit Bedrohungen konfrontiert und wissen gar nicht genau, wie wir damit umgehen sollen, fasst Psychologe Kotsou das Dilemma für jeden einzelnen zusammen.

Angst haben ist normal und gesund

Helfen kann da zuallererst einmal die Einsicht: Angst zu haben ist normal und gesund, man sei ein normales menschliches Wesen, weil man Angst habe. Man habe Angst, weil man Empathie verspüre, weil man mitfühle mit den Menschen die vor den Bomben flüchten, erklärt Kotsou. Empathie ist für das langfristige Überleben einer Gesellschaft absolut notwendig.

Aber, und das ist die Kehrseite, es kann sich auch eine gewisse Empathiemüdigkeit einstellen. Sieht man diese Bilder aus den Kriegsgebieten oft und über einen langen Zeitraum hinweg, dann kann der Mensch abstumpfen. Deshalb sei es wichtig, über Mitgefühl hinaus darauf zu achten, diese Empathiemüdigkeit zu verhindern. Das sei natürlich sehr schwierig, so Psychologe Kotsou. Denn was soll man machen, wenn man als Bürger das Gefühl habe, nichts tun zu können?

Gezielter Medienkonsum

Sich dieser Ohnmacht zu entziehen, indem man Radio, Fernsehen, Presse und Internet aus seinem Leben verbannt, davon hält Kotsou nicht viel. Denn sich zu informieren, sei für jeden Bürger lebensnotwendig. Wie kann man empathisch gegenüber den Menschen im Kriegsgebiet sein, wenn man nichts über ihr Schicksal weiß. Der Psychologe rät deshalb zu gezieltem und begrenztem Medienkonsum.

Um Ohnmachtsgefühle zu bekämpfen, helfe am besten etwas zu tun – sei es nur für das Umfeld. Ilios Kotsou verweist dabei auf ein psychologisches Gesetz: „Was ich füttere, das wächst. Füttere ich die Angst, dann wächst sie.“

Volker Krings