Kinderporno auf Rezept? – Experten sehen eher einen Redebedarf

Pädophil zu sein, ist keine Wahl - sexueller Missbrauch schon. In Flandern ist eine Debatte darüber entstanden, wie man Pädophilen helfen kann, mit ihrer Neigung umzugehen. Experten fordern, dieses Thema zu ent­ta­bu­i­sie­ren.

Illustrationsbild: © Bildagentur PantherMedia / ruttapum2

Illustrationsbild: © Bildagentur PantherMedia / ruttapum2

Die Philosophin Griet Vermassen hat das Thema Pädophilie in der Zeitung De Standaard aufgegriffen und anhand von Zahlen bewusst gemacht, wie viele Pädophile es in unserer Gesellschaft gibt. Alleine in Belgien geht man von 43.000 Menschen aus, und die deutsche Polizei hatte ja kürzlich ein großes Online-Netzwerk für Kinderpornografie ausgehoben. Mehr als 400.000 Mitglieder wurden gezählt. Das ist schon eine gigantische Menge. So ziemlich alle Pädophilen der Welt waren dort aktiv, so scheint es.

Für jeden gemeldeten Fall von Kindesmissbrauch gibt es schätzungsweise fünf unentdeckte Fälle. Aber viele Experten sind sich sicher, dass die meisten Pädophilen nie ein Sexualverbrechen begehen. Sie leiden im Stillen, schämen sich für ihre abweichenden Wünsche. Sie wissen, dass ihre Neigung keine Wahl ist, sexueller Missbrauch aber schon.

Pädophilie ist keine Wahl, sexueller Missbrauch schon

Es ist jedenfalls ein riesiges Tabu-Thema. Und Griet Vermassen ist der Meinung, dass man dieses Thema enttabuisieren sollte. Sie sagt, dass Pädophile keine Kontrolle über die Umstände haben, die sie so gemacht haben. Oft entdecken sie ihre sexuelle Orientierung, wenn sie 16 oder 17 Jahre alt sind. Sie merken dann, dass sie sich zu der immer gleich jungen Altersgruppe hingezogen fühlen, während sie selbst älter werden. Aber sie können sich mit ihrer Verwirrung an niemanden wenden.

Früherkennung, Unterstützung und Beratung könnten da einen großen Unterschied machen, um Kurzschlussreaktionen zu vermeiden. Das Stigma der Pädophilie müsse dafür verschwinden, sagt Vermassen. In der Schule sollte nicht nur besprochen werden, was im Falle eines sexuellen Übergriffs zu tun ist, sondern auch, wenn man entdeckt, dass man pädophil ist.

Die Philosophin spricht auch radikalere Denkansätze an und Methoden, die in anderen Ländern angeblich positive Effekte haben: zum Beispiel das Verschreiben von virtuellen Kinder-Pornos durch einen Arzt oder den Verkauf von Sexpuppen mit dem Aussehen einer Achtjährigen. Japan ist einer der Vorreiter auf diesem Gebiet. Die Puppen sehen naturgetreu aus und gerade deshalb werfen sie ethische Fragen auf, mit Befürwortern und Gegnern, die sich diametral gegenüberstehen.

Die Gegner sagen, das normalisiere den sexuellen Kontakt mit einem Kind und führe zu weiterem Missbrauch. Die Befürworter sagen, die Zahlen deuteten genau auf das Gegenteil hin. Als nach dem Fall der Mauer in Tschechien Pornografie legal wurde, sank die Zahl der Sexualdelikte gegen Kinder und Frauen drastisch. Das Gleiche geschah in Japan und Dänemark. Offenbar hält die Verfügbarkeit eines sexuellen Ventils bestimmte Männer von sexueller Aggression ab, argumentiert Vermassen.

Reaktionen

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Interessant ist, was Kris Vanhoeck  – Koordinator bei Iter, einem Zentrum für Prävention und Behandlung von sexuell grenzüberschreitendem Verhalten – dazu schreibt. Bei der Idee, virtuelle Kinderpornos auf Rezept zu verschreiben, ist er skeptisch, weil Kinderpornos von Tätern genutzt werden, um das Vertrauen von minderjährigen Opfern zu erschleichen. Nach dem Motto: Schau mal Kleiner, ist doch alles ganz normal. Er befürchtet auch, dass das dazu führen könnte, dass das Verlangen nach solchen Filmen noch größer wird.

In einem Punkt ist Vanhoeck aber ganz der Meinung von Griet Vermassen. Das Stigma sorge dafür, dass sich niemand traue, Hilfe zu suchen. Viele würden sich nicht mal trauen, mit dem Hausarzt darüber zu sprechen, aus Angst, dass er sie abweisen könnte. Kris Vanhoeck sagt: „Gebt den Pädophilen die Chance, über ihre Gefühle zu sprechen.“

Er verweist auf ein 2012 gegründetes amerikanisches Online-Selbsthilfeforum ‚Virtuous Pedophiles‘ (zu deutsch: tugendhafte Pädophile). Menschen mit pädophilen Neigungen bestärken sich dort gegenseitig darin, keine sexuellen Übergriffe auf Kinder zu begehen. Für Vanhoeck wäre so ein Angebot in Belgien auch keine schlechte Idee.

standaard/mz

4 Kommentare
  1. Frank Mandel

    Die Arbeit mit diesen Menschen, die diese Neigung empfinden, muss viel früher anfangen. Es gibt aber keine Lobby und nicht viele (ausgebildete Leute/ Netzwerke) Sozialarbeiter, die sich diesem Thema „nähern“ wollen/können. Und gerade deshalb ist es so wichtig. Kleiner Einblick zum Thema: in Hamburg haben wir schon mit Kindern/ Jugendlichen im Alter zwischen 10 und 16 Jahren uns dem Thema „sexuell grenzverletzendes Verhalten“ stationär angenommen. Netzwerk: Klaus Schippers/ social project, Wendepunkt und family support/ Herr Orzol. Wenn man sich hier auch darüber Gedanken machen möchte, der Zeitpunkt wäre der Richtige oder es wird langsam Zeit dafür? Pädophil zu sein fängt viel früher an, als sich das hier einer vorstellen kann. Aber davon wissen wollen die wenigsten. Eine herausfordernde soziale Arbeit, wirklich. Aber sie lohnt sich…. Denn Opfer zu sein, hat sich auch keiner ausgesucht…

  2. Bernd Keller

    Ich denke diese Krankheit ist nicht diskutierbar, nicht akzeptierbar und nicht zu ertragen – vor allem für das Umfeld.
    Auch wenn ich einen Fall kenne, wo es tolriert wurde – er war 80, im Rollstuhl und Blind – Kinder hatten die Strassenseite dennoch zu wechseln.
    Ich bin es leid das jeder Spleen, jede irre Religion und jeder Wahn gesondert unterstützt werden soll – gebt Geld doch an normale Leute.
    Ja – normal im altmodischen Sinn!

  3. Dieter Gieseking

    Ein sehr interessanter Ansatz, der sich lohnt, diesen weiter aufzubauen…

  4. Caspar Ibichei

    „In einem Punkt ist Vanhoeck aber ganz der Meinung von Griet Vermassen. Das Stigma sorge dafür, dass sich niemand traue, Hilfe zu suchen. “
    Darin sehe ich das große Problem.
    Viele der pädophil empfindenden Menschen brauchen gar keine Hilfe, kommen mehr oder weniger gut mit ihren Gefühlen klar.
    Anders als Herr Keller sehe ich die Pädophilie nicht als Krankheit per se, doch die Begleitumstände (wie die Stigmatisierung) können durchaus krank machen.

    Pädophile Menschen sind Bestandteil dieser Gesellschaft und ein Gesellschaftsteil mit Problemen nur totzuschweigen oder pauschal zu verurteilen hilft dieser Gesellschaft nicht.