Burn-out und Langzeitdepressionen haben in vier Jahren um 40 Prozent zugenommen

Das letzte Jahr ist für sehr viele Menschen besonders schwierig gewesen. Die Corona-Krise hat teils gravierende Konsequenzen gehabt - für alle möglichen Bereiche unseres Lebens. Dazu gehört zweifelsohne neben der körperlichen auch die geistige Gesundheit. Dass es um die aber ohnehin wohl nicht zum Besten stehen könnte, das legen neue Zahlen des Landesinstituts für Kranken- und Invalidenversicherung LIKIV-INAMI nahe.

Depression (Illustrationsbild: © Bildagentur PantherMedia / ikurucan)

Illustrationsbild: © Bildagentur PantherMedia / ikurucan

Die Zahlen des LIKIV lassen wenig Interpretationsspielraum zu: Immer mehr Belgier werden aufgrund psychischer Probleme arbeitsunfähig. Zu dieser Art von Problemen gehört unter anderem der berüchtigte Burn-out. In diesem Kontext eine berufliche Überlastung, die sich unter anderem in einer intensiven körperlichen und psychischen Erschöpfung äußert. Aber auch Depressionen und andere Leiden gehören zu den Krankheitsbildern, die die Statistik erfasst. Die Zahlen sind besorgniserregend. Fast 112.000 Menschen sind Ende 2020 in Belgien allein wegen Depression oder Burn-out als arbeitsunfähig geführt worden. Vergleicht man das mit der Situation vier Jahre vorher, Ende 2016, dann reden wir hier von einer Zunahme von 42 Prozent bei den Depressionen und 33 Prozent bei den Burn-outs. Berücksichtigt man alle Fälle von Arbeitsunfähigkeit, so hat sich die Zahl in den letzten vier Jahren auf über 470.000 erhöht. Das bedeutet eine Zunahme von rund 21 Prozent. Sprich Depressionen und Burn-outs sind überdurchschnittlich stark gewachsen.

Dass die Zahlen weiter steigen würden, das überrasche sie absolut nicht, so die klinische Psychologin Elke Van Hoof. Da habe man ihrer Ansicht nach auch den Gipfel noch nicht erreicht, unterstrich die Professorin der Freien Universität Brüssel (VUB) am Montagmorgen bei Radio Eén. Es sei also zu erwarten, dass sich dieser Trend in den nächsten Jahren fortsetzen werde. Rechnet man die Zunahme von 2016 bis 2020 um eine jährliche Basis, dann ergibt sich eine durchschnittliche Zunahme von etwa zehn Prozent pro Jahr. Betrachtet man das allerdings genauer, dann stellt man fest, dass sich das Corona-Jahr 2020 doch deutlich bemerkbar gemacht hat.

Einen plötzlichen Sprung von beinahe 15 Prozent habe es in der Gesundheits-Krise gegeben, hob Van Hoof hervor. Man müsse zwar abwarten, ob dieser Spitzenwert auf den Pandemie-Zeitraum beschränkt bleiben werde. Aber sie glaube, dass die Corona-Krise bereits existierende Fehlentwicklungen verstärkt habe. Für die grundlegenden Probleme, also wenn man Corona mal außen vor lässt, sieht die Psychologin einen wichtigen Grund. Das Wegfallen von immer mehr beziehungsweise immer strengere Regeln für Frühpensionierungen. Das dürfe man nicht unter den Teppich kehren und hier sei das Vorgehen seit 2015 immer strikter geworden. Deswegen plädiert Van Hoof für mehr Investitionen in die sogenannte „bewältigbare Arbeit“. Dabei handelt es sich grob gesagt um ein Konzept, um die Arbeitstätigkeit an das fortschreitende Alter der Werktätigen anzupassen. So sollen längere Karrieren erreicht werden. Und eben natürlich auch das Risiko gesundheitlicher beziehungsweise psychischer Probleme verringert werden. Außerdem müssten auch kreativere Systeme eingeführt werden, um den Arbeitsdruck in Abhängigkeit vom Alter zu verringern, fordert die Psychologin.

Technische Fortschritt

Ein anderer Aspekt, der auch eine Rolle spielen könnte bei der Zunahme der psychischen Leiden ist der technische Fortschritt. Ein Phänomen, dem sich, sicher auch gerade während der Pandemie, immer weniger Menschen entziehen können. Durch die Vernetzung und Vielzahl an neuen Technologien kann man schnell das Gefühl bekommen, von allen möglichen Seiten ständig mit neuen Informationen überschwemmt zu werden. Was wiederum dazu führen kann, dass die Menschen das Gefühl haben, sich ständig in einem Wettlauf zu befinden, den sie nicht gewinnen können. Das führe zu Dauerstress, so Van Hoof, und dafür sei das Gehirn schlecht gerüstet. Der Mangel an tatsächlichen Ruhepausen, in denen man abschalten und ausruhen könne führe auch dazu, dass die Widerstandskraft abnehme. Seit Beginn der Pandemie sei der Anteil der wirklich topfitten Werktätigen von 33 Prozent auf 20 Prozent gesunken. Hätten vor der Krise rund 15 Prozent der Menschen an so hohem Stress gelitten, dass sie davon krank geworden seien, so seien das mittlerweile 25 Prozent.

Die relative Zunahme der psychischen Probleme ist im Übrigen auch abhängig von der Arbeitsform. Bei den Selbstständigen hat die Arbeitsunfähigkeit durch solche Leiden im Erfassungszeitraum um 50 Prozent zugenommen. Bei Arbeitnehmern und Arbeitslosen sind es deutlich weniger, nämlich 38 Prozent. Für Professorin Van Hoof ein logischer Befund, denn das passe zum psychologischen Profil der Menschen, die sich selbstständig machten. Sie seien es gewohnt, sich mit großem Einsatz immer durchbeißen zu müssen. Außerdem gebe es viel weniger geeignete Auffangnetze für sie als für Angestellte. Das führe dazu, dass Selbstständige oft erst viel später als Angestellte nach Hilfe von außen suchten. Wenn sie dann aber ausfielen, dann eben auch länger, so die Psychologin.

Boris Schmidt

9 Kommentare
  1. Jean-Pierre DRESCHER

    Es ist Tatsache, dass neben den wirklich sehr vielen Profiteuren der Krise im Foederalen Koenigreich gar nicht so wenige Verlierer des Systems im Verborgenen vor sich hinfristen.

    Arbeitsämter, Sozialhilfezentren und Krankenkassen werden sich wohl oder übel mit der Tatsache abfinden müssen, dass nicht alle Menschen im Land nur die Sonnenseiten des Lebens kennengelernt haben, sondern nach so langer Zeit dauerhaft dem normalen Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen werden.

    Meistens war es ja schon eine lange Vorgeschichte wie Verlust der eigenen Familie im Land der Großfamilien, prekäre Arbeitsverhältnisse, Schlaflosigkeit, Mietwucher für Alleinstehende Personen, soziale Ausgrenzung spätestens durch den Dauerlockdown und vieles mehr in einem hochtoxischen Cocktail aus dem niemand der Betroffenen mehr rauskommt.

    Zu tiefgreifend sind neben den psycho-sozialen Deformationen die meistens bereits irreversiblen physischen Schäden, die ein Arbeiten im normalen Berufsbetrieb schon physisch komplett unmoeglich machen. Ganz zu schweigen von der nicht wieder herstellbaren Teamkompetenz die in jeder Firma notwendig ist.

  2. Frank Mandel

    Na nun gehts aber los! Allein der Begriff „burn out“ ist schon deplatziert und die Prognose, dass der Großteil von „uns“ depressiv ist oder wird, kann doch wohl nicht ernst gemeint sein oder?
    An was haben denn unsere Eltern oder Großeltern gelitten? Am Steinschlag? Weil sie Städte wieder aufbauen mussten nach m Krieg? Wir leben in einer noch nie da gewesenen Luxus Gesellschaft, darf es noch ein bisschen mehr sein, um zu erkennen, dass man sich und seine Fähigkeiten oder Vorhaben, Wünsche usw. überschätzt, ein wenig überdreht…, ist das burn- out?
    Ist ja alles gut beschrieben da im Text vor mir aber ziemlich einfach dargestellt. Schuld haben immer die anderen und die Umstände. Die Entscheidung liegt bei jedem von uns selbst. Passt was nicht? Situation ändern, Hilfe holen und Attacke. Nörgeln ist nicht.. Gruß an meinen Opa Peter Göttsche… Danke Dir Opa!

  3. Peter Schallenberg

    Es gehört zu den gängigsten Vorurteilen, das Menschen mit Burnout oder Depressionen sich mal nicht so anstellen sollen und ihre Situation aus eigener Kraft verbessern könnten, wenn sie sich nur ein bisschen anstrengen würden. Einen schlechten Tag oder eine Krise hätten wir doch alle mal und wenn man festen Willens sei, dann ginge das wieder.

    Wir mögen in einer Luxusgesellschaft leben und eigentlich geht’s und doch gut… materiell mag das stimmen. Und trotzdem ist das oft alles nur Schein und Äußeres; es braucht schon etwas Lebenserfahrung und Empathie um den Unterschied zwischen materiellem Wohlstand und emotionaler Verfassung zu erkennen. Herr Drescher hat das sehr gut beschrieben.

    Korona, respektive die deswegen für nötig erachteten Maßnahmen, waren bzw. sind hier nur der Katalysator. Und ich fürchte, das wir erst am Anfang einer Welle von psychischen Erkrankungen sind, ausgelöst durch Isolation, Ausgrenzung, Ängste, Verluste etc.

  4. Frank Mandel

    Es braucht nicht nur „etwas“ Lebenserfahrung und Empathie, sondern auch Mut die Sachen beim Namen zu nennen. Geschwafel nützt da keinem und der Ton macht die Musik, nicht die Ausdrucksweise. Befürchten kann man viel und „wir stehen am Anfang“ einer Welle von psychischen Erkrankungen, arbeiten Sie bei der Krankenkasse und wollen, dass die Beiträge ansteigen oder sind Sie so ein Katalysator für Meinungsvertretungen der Superlative? Herr Drescher hat das sehr gut beschrieben ja das stimmt und Sie folgen diesem Wahn, das stimmt auch. Das heißt aber noch lange nicht, dass Sie Erfahrungen haben sondern Meinungen und die streuen Sie beide hervorragend in die Runden. Erzähle den Menschen so lange den Wahnsinn, bis sie es selbst glauben oder um was geht es?

  5. Armin Wilding

    Es ist kontraproduktiv und gefährlich, die Ursachen von Burn-out allein oder hauptsächlich auf äußere Umstände zu reduzieren.
    Ich habe vor bald zwanzig Jahren zwei Burn-outs überwunden, bin heute in der psychologischen Beratung tätig und kann nach allem, was ich erfahren und gelernt habe, den Betroffenen Mut machen: Burn-out beginnt im Zentrum der Persönlichkeit kann auch dort „geheilt“ werden. „Geheilt“ in Anführungszeichen, weil es keine Krankheit, sondern die normale Reaktion von Psyche und Körper auf untragbare Verausgabung ist. Dass man sich diese Überlastung zu lange erlaubt, sie ausblendet, keine Auswege sieht, liegt in der Psyche begründet und ich kenne keinen Menschen, der sich ernsthaft auf den Weg der Heilung gemacht und dann keinen Erfolg gehabt hätte.
    Es gibt äußere Trigger, ja, aber ohne die offenen Türen ins Inneren können sie den Menschen nicht ausbrennen. Das erste, was ein Klient mit Burn-out lernt, ist Grenzen setzen und kreative Lösungen für die Notwendigkeiten finden.

  6. Jean-Pierre DRESCHER

    Herr Schallenberg, alles was Sie beschreiben plus der materiellen Umverteilung von unten nach oben.

    In der BRD gibt es sehr viele Arme und ganz wenige aber extrem Reiche, im Foederalen Koenigreich und der EU allgemein viele (nicht ganz so) Reiche wie in der BRD, und wenige aber richtig schwer Arme in Mitten der vor Reichtum und Kraft nur so strotzenden Wohlstandsgesellschaft des Westens, die durch den Lockdown entgültig rausgekickt sind aus dem Leben mit sämtlichen Schäden auf allen nur denkbaren Ebenen, die spätestens jetzt definitiv unumkehrbar irreversibel sind.

  7. Marcel Scholzen Eimerscheid

    Ist das denn überall so in der EU oder in anderen Teilen der Welt ? Gibt es Staaten, wo es weniger schlimm ist ? Wenn ja, was machen die anders ? Ein Blick über den Tellerrand wäre sehr hilfreich.

    Und in Deutschland wird überlegt, bis 69 zu arbeiten. Dieser Vorschlag ist an Zynismus und Menschenverachtung nicht zu übertreffen. Kann man nur als Bankrotterklärung bezeichnen.

  8. Jean-Pierre DRESCHER

    Herr Scholzen Eimerscheid, auf der Webseite der „Deutschen Welle“ wird zur Zeit der offizielle (!) Armutsbericht der BRD-Regierung publiziert. Laut BRD-Regierung steigt die Kluft zwischen Arm und ganz Reich noch mal schneller wegen Corona.

    Schon in der EZB-Studie von 2009 war Deutschland das ärmste Land der EU mit der aller niedrigsten Eigentumsquote aller Europäischen Länder und der stärksten sozialen Ungleichheit von ganz Europa. Wohlgemerkt als Hauptnettozahler der EU und reell einziges Land der EU was netto Asylbewerber dauerhaft aufnimmt.

    Über die abgerutschte Lebenserwartung der Menschen in der BRD brauchen wir uns da nicht zu unterhalten. Auch nicht über die unbekannte Zahl der Massenobdachlosigkeit bei dem Mietwucher.

    Um zurückzukommen zur Situation im Foederalen Koenigreich/EU:

    Wo sehr viele Reiche Menschen leben, die seit 1990 von der EU und dem Zerfall des Ostblocks profitieren, haben es die Menschen, an denen dieser Aufschwung vorbeigezogen ist, besonders schwer. Das ist u.a. der ehemalige Mittelstand, arbeitsunfähig / insolvent gewordener Kleinunternehmer.

  9. Frank Mandel

    Ich finde es den Menschen, die sich im Leben oder vom Leben überfordert oder emotional überfahren wurden, nicht richtig im Jahr 2021 das Wort „born-out“ zu benutzen und sich abhandelnden Situationen oder Vorkommnisse eben darauf zu beschränken. Bei Klienten die unter „borderline“ Störungen leiden, ist es ähnlich. Vielleicht kann man sich ja mal die Mühe machen und anstelle das Wort in den Mittelpunkt zu stellen, um seine Kenntnisse kund zu tun, den Mensch, seinen Traum vom Leben oder was er erreichen möchte, wie es zu der Über oder Unterschätzung seiner Fähigkeiten usw. kommen konnte, mehr Beachtung schenken. Darum geht es mir eigentlich. Ich finde diese „Ver- Englischung“ der Sprache, so platt und daneben, weil am Ende keiner mehr weiß worum es eigentlich geht. Born- out ist ein Sammelbegriff, mit Null Aussage dahinter, nur der die wir selber erlernt haben durch „so heißt das jetzt“.