Psychologen überlaufen

Unser seelisches Wohlbefinden ächzt unter den Corona-Maßnahmen. Ein Lied davon singen, können vor allem die Psychologen. Die Zeitung Het Laatste Nieuws schreibt am Montag in ihrer Aufmachergeschichte sogar, dass Psychologen regelrecht überlaufen werden.

Psychologe (Illustrationsbild: © Bildagentur PantherMedia / pressmaster)

Illustrationsbild: © Bildagentur PantherMedia / pressmaster

Wegen der Corona-Krise gibt es offenbar eine nie da gewesene Nachfrage nach Therapieangeboten. In zahlreichen Psychologen-Praxen steht das Telefon nicht still. Das geht so weit, dass nicht wenige unabhängige Therapeuten einen Patientenstopp ausrufen und ihre Wartelisten schließen, damit keine falsche Hoffnungen bei Antragsstellern entstehen. „Das bedeutet, dass sie den Klienten in diesem und im nächsten Jahr keine Aussicht auf Hilfe bieten können“, erklärt Koen Lowet von der Flämischen Vereinigung der klinischen Psychologen in der Zeitung Het Laatste Nieuws. Für Psychologen ist das ethisch problematisch, weil sie Patienten mit ihren Beschwerden alleine lassen müssen.

Schuld ist aber nicht nur Corona, heißt es aus Psychologen-Kreisen. Für viele Menschen sind die Corona-Maßnahmen der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt oder ein tiefer liegendes Problem erst hervorhebt und sichtbar macht. Dazu gehören Depressions- oder Angstsymptome, Perspektivlosigkeit und das Gefühl, von der Außenwelt isoliert zu sein, zum Beispiel durch das verpflichtende Homeoffice.

Auch die frankophone Vereinigung der Allgemeinmediziner schlägt Alarm. Vielen Menschen gehe es schlecht – und das in allen Gesellschaftsschichten, so die Mediziner in einem offenen Brief.

Die Lage belastet auch die Psychologen selber. Sie müssen abwägen: Nehme ich doch noch einen Patienten hinzu oder schütze ich mich auch selber? Eine Psychologin berichtet in Het Laatste Nieuws davon, dass sie jetzt viel öfter einen Kollegen konsultiert. Das ist an sich eine gängige Praxis. Kein gutes Zeichen ist, dass auch das zunimmt. Nicht nur, weil das Zeit ist, die auch andere Patienten brauchen, vielmehr weil es zeigt, dass der Druck auch bei Psychologen zunimmt und hoffentlich nicht krank macht, jetzt in der Zeit, wo sie so sehr gebraucht werden.

hln/mz

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Ein Kommentar
  1. Armin Wilding

    Wenn ich mit Klienten arbeite, sehe ich, dass es nicht nur mehr belastende Faktoren gibt, sondern auch mehr Kreativität und Widerstandskraft. Der Mensch ist mehr als anpassungsfähig: Er kann unter großem Druck auch ungeahnte Lösungen kreieren. Was die zeitliche Seite betrifft, so gibt es schon immer wieder Möglichkeiten.

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