Bouchez‘ Unitarismus: Von Interviews und Vogelflugdeutern

Ein Interview des MR-Vorsitzenden Georges-Louis Bouchez hat am Donnerstag vor allem in Flandern für Aufregung gesorgt. In einem Gespräch mit der frankophonen Zeitschrift Wilfried erklärt Bouchez, dass sein Idealbild des Landes eigentlich der Einheitsstaat wäre - also das Belgien aus der Zeit vor den Staatsreformen, mit einer einzigen Zentralregierung. Vor allem in Flandern sorgt die Aussage für irritierte Reaktionen.

Der MR-Vorsitzende Georges-Louis Bouchez (Bild: Dirk Waem/Belga)

Der MR-Vorsitzende Georges-Louis Bouchez (Bild: Dirk Waem/Belga)

„Ist doch echt erbärmlich, wie heutzutage Politik gemacht wird!“ Georges-Louis Bouchez ist sauer. Ein Sätzchen aus seinem Mund hatte am Donnerstagmorgen die Sozialen Netzwerke überkochen lassen. Naja, es war auch nicht irgendein Sätzchen.

„Georges-Louis Bouchez ist Unitarist; er plädiert für die Rückkehr zum Einheitsstaat“, stand am Morgen schon auf einigen Titelseiten. Gesagt hatte der MR-Chef das in der Tat, und zwar im Interview mit der frankophonen Zeitschrift Wilfried.

Ein Plädoyer für den Einheitsstaat: Isoliert betrachtet ist das schon eine, sagen wir, verwegene Position. Denn, was würde das heißen? Wir machen alle Staatsreformen rückgängig? Die Gemeinschaften und Regionen landen im Mülleimer der Geschichte? Alle Zuständigkeiten gehen wieder zurück auf die föderale Ebene, wo dann wieder eine einzige, dann „nationale“ Regierung die Geschäfte führt? „Und das aus dem Mund eines Informators?“, wird sich so mancher am Morgen gefragt haben. Vor allem in den Ohren von flämischen Politikern muss das wie eine Provokation geklungen haben – und das gilt nicht nur für die Hardliner.

„Ein Einheitsstaat? Ist es wirklich das, wofür Sie plädieren?“, wurde Bouchez also von der RTBF gefragt. „Ich plädiere für gar nichts“, blafft es bärbeißig durchs Handy-Netz. „Hier werden mal wieder Worte aus ihrem Kontext gerissen; und dann kann man den Leuten gleich was in den Mund legen. Das scheint inzwischen zur Gewohnheit geworden zu sein.“

Der Kontext mag tatsächlich einiges erklären. Es ist so: Wilfried ist eine Zeitschrift, die alle vier Monate erscheint. Besagtes Interview wurde bereits Mitte Dezember geführt. Allerdings: Damals war Bouchez schon Informator. „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich auch noch bei der Veröffentlichung des Interviews in dieser Mission unterwegs sein würde“, rechtfertigte sich Bouchez.

Der Kontext, das ist aber auch das Interview an sich. Die Zeitschrift Wilfried ist dafür bekannt, dass sie sich quasi über die Mêlée stellt, versucht, das große Ganze zu sehen. Das acht Seiten lange Interview ist psychologisch-philosophisch angelegt, soll dazu dienen, den jungen, neuen MR-Vorsitzenden zu porträtieren, den Menschen zu zeigen. Und dabei wird er dann gefragt, wie er zu Belgien steht und welches sein Idealbild wäre. Naja, und das sei eben seine Antwort gewesen: Sein Idealbild sei der Einheitsstaat. „Aber es ist eben ein Ideal!“, sagt Georges-Louis Bouchez. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Jeder Mensch sollte Ideale haben. Wobei jedem auch klar ist, dass das mit der Realität nicht wirklich was zu tun hat. Das sei denn auch weder seine persönliche politische Position, noch die seiner Partei.

Ein Ideal, also. Formuliert in einem atmosphärisch-philosophisch angelegten Gespräch… Wobei: Auch ein Ideal kann etwas über einen Menschen aussagen. Ums mal so auszudrücken: Jemand, der davon träumt, einen Löwen zu erlegen, ist höchstwahrscheinlich kein Veganer.

Hinzu kommt: Georges-Louis Bouchez schien zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht verinnerlicht zu haben, dass – zumindest in der allgemeinen Wahrnehmung – kein Unterschied gemacht wird zwischen dem Menschen Georges-Louis und dem Parteipräsidenten Bouchez.

Die Reaktionen ließen jedenfalls nicht lange auf sich warten. „Hier will einer die Zeit zurückdrehen“, tönte es in Flandern. „Mit seinem Unitarismus will uns Bouchez zurück ins 19. Jahrhundert werfen“, twitterte auch N-VA-Chef Bart De Wever. Jeder habe das Recht auf seine eigene Meinung, nur seien solche Ideen aus dem Mund eines Informators im Moment nicht gerade dienlich, fügt De Wever sinngemäß hinzu. Wobei: Es gab auch gemäßigte Stimmen, die sich, zumindest im Ansatz, bestätigt sahen. Bei den Grünen, Sozialisten und Liberalen in Flandern gibt es nämlich durchaus auch Leute, die für eine Rückübertragung gewisser Zuständigkeiten an den Föderalstaat plädieren.

Das Ganze nahm aber dann fast schon absurde Ausmaße an. Es wirkte, als hätten gewisse Medien ihre Politikexperten eiligst aus dem Urlaub zurückgerufen, um das Bouchez-Sätzchen bis ins kleinste Eckchen ausleuchten zu können. Hysterische Vogelflugdeuter, so wirkte es zumindest.

Eins ist sicher: Das Ganze trägt nicht dazu bei, dass vielleicht doch endlich mal Besonnenheit einkehrt. Und, Kontext hin oder her: Der Mensch Georges-Louis hat dem Informator Bouchez da keinen Gefallen getan. Es sind solche Fieberschübe, die dafür sorgen, dass der Patient nicht zur Ruhe kommt.

Bouchez nahm es am Ende sportlich. Wenn das ganze Theater zur Folge habe, dass Wilfried mehr Zeitschriften verkauft, dann würde ihn das freuen, sagt Bouchez. Das Magazin sei nämlich durchaus lesenswert.

Roger Pint

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