Die „super-intelligente“ Kilometermaut: Lösung für das Stauproblem?

Belgien gehört bekanntermaßen zu den Stau-Weltmeistern. Fast nirgendwo auf der Welt verbringen die Verkehrsteilnehmer mehr Zeit in Autoschlangen. Und Zeit ist bekanntlich auch Geld. Forscher der Universitäten von Löwen und Antwerpen glauben jetzt, eine Lösung für das Problem gefunden zu haben: Über eine "super-intelligente" Kilometermaut sollen die Verkehrsströme viel besser als bisher gesteuert werden können.

Stau vor Brüssel

Stau vor Brüssel (Bild: Thierry Roge/Belga)

Die „intelligente“ Kilometermaut kannte man schon. Grob gesagt wäre eine solche Gebühr strecken- und zeitbezogen. Ganz konkret: Wer morgens um 8 Uhr eine der Haupteinfallsstraßen in Brüssel befährt, der bezahlt quasi den Höchstsatz, jedenfalls deutlich mehr, als an derselben Stelle um 14 Uhr oder morgens auf einer kaum befahrenen Straße. Ziel einer solchen „intelligenten“ Straßennutzungsgebühr ist natürlich das Regulieren der Verkehrsströme: Wer weniger zahlen will, der fährt eben außerhalb der Stoßzeiten.

In Flandern hat der zuständige Minister Ben Weyts sehr lange mit dem Gedanken gespielt, eine solche „intelligente“ Kilometerabgabe einzuführen – bis der N-VA-Politiker kurz vor der Wahl dann doch einnickte. In der Basisnote von Bart De Wever, die als Grundlage dienen soll für die Koalitionsverhandlungen in Flandern, taucht die intelligente Kilometermaut gar nicht mehr auf. Sehr zum Bedauern einiger Verkehrsexperten, die zumindest den Ansatz für richtig und sinnvoll halten.

Wohl auch deshalb haben zwei Verkehrsexperten der Universitäten von Löwen und Antwerpen den Gedanken jetzt weitergesponnen und das Konzept verfeinert. Das Resultat ist die „super-intelligente“ Straßenmaut.

Super-intelligent, weil sie eben noch viel punktueller zeitbezogen ist, als die bisherige Variante. Theoretisch kann das System die morgendliche Stoßzeit in Fünf-Minuten-Segmente stückeln und entsprechend Tarife festlegen. Das Entscheidende ist aber: Relevant ist die gewünschte Ankunftszeit. Wer um 8:30 Uhr in Brüssel im Büro sein will, der würde demnach also den Höchstsatz bezahlen. 6,66 Euro wäre das nach dem Entwurf der beiden Forscher. Die gewünschte Ankunftszeit definiert den Tarif, das ist die Idee, sagt Stef Proost von der Katholischen Universität Löwen.

Über die gewünschte Ankunftszeit kann das System dann die Startzeiten koordinieren. Und damit sorgt man dafür, dass das Straßennetz nie komplett ausgelastet ist, sagt Stef Proost. Und durch diese Regulierung kann man das Übel an der Wurzel packen und Staus weitestgehend vermeiden.

Das System wirkt dennoch allzu theoretisch, sagen Kritiker. In dem Sinne, dass sich Menschen eben noch nicht unbedingt wie Maschinen verhalten und viele das auch nicht wollen. Also, die totale Vorhersehbar- und Planbarkeit, das bleibt wohl ein Ideal.

Dennoch: Die Resonanz ist erstmal positiv. „Gerne doch!“, sagt etwa Peter Demuynck vom Industrieverband Agoria. Die Staus in diesem Land seien nunmal ein Riesenproblem, auch volkswirtschaftlich betrachtet. Zeit ist Geld. Und jede Idee, um das Problem zu lösen, sei natürlich willkommen. Zumal dieses Konzept auch den Autofahrern letztlich mehr Freiheit gibt.

Grundbedingung sei aber, dass im Gegenzug die Kraftfahrzeugsteuer gesenkt wird, um dafür zu sorgen, dass zumindest den Autofahrern, die Staus gezielt vermeiden helfen, keine Mehrkosten entstehen, heißt es bei Agoria.

Der Automobilclub Touring würde diese Sicht der Dinge wohl so unterschreiben. Denn auch bei Touring ist man nach wie vor Feuer und Flamme für eine intelligente Kilometerabgabe. „Je intelligenter, desto besser“. Denn, auch bei Touring fährt man natürlich lieber, als seine Zeit im Stau zu vergeuden.

Hinzu kommt aber noch ein anderer Aspekt. „Wissen Sie“, sagte Touring-Sprecher Lorenzo Stefani in der RTBF, „die Zeiten haben sich geändert. Viele Menschen teilen sich heutzutage ein Auto. Gerade junge Leute wollen kein Fahrzeug mehr besitzen.“ Deswegen sei es fast schon folgerichtig, dass nicht mehr der Besitz eines Autos besteuert wird, sondern nur noch die reine Nutzung.

Die beiden Forscher wenden sich mit ihrer Idee in erster Linie an die künftige flämische Regierung. Idealerweise müssten sich aber die drei Regionen auf eine gemeinsame Vorgehensweise einigen, zumal wenn es um Brüssel geht. Auf frankophoner Seite hat man die Idee in jedem Fall schonmal wahrgenommen. Am Ende bleibt es aber immer eine politische Entscheidung. Und letztlich geht es in solchen Fragen wohl in erster Linie um politischen Mut.

Roger Pint

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2 Kommentare
  1. Alfons van Compernolle

    Nun gibt es auch noch universitaere „Staatskassenfueller“ oder anders ausgedrueckt, mit Hilfe der Uni.-Profs, sollen nun die Autobesitzer wie Milchkuehe finanziell „weiterhin erheblich gemolken“ werden.
    Das wird dann auch noch als „Intelligent“ gekennzeichnet, ich nenne das weitere ungerechtfertigte weitere „Ausbeutung“ des Autobesitzers !

  2. Peter Schallenberg

    Gefährlich naiv, anzunehmen, das die meisten Arbeitnehmer die Wahl hätten, wann sie auf der Arbeit zu erscheinen haben! Glücklich der, welcher flexible Arbeitszeiten hat. Das sind bei weiten nicht alle.

    Kurz und gut: das ganze ist einmal mehr eine neue Einnahmequelle, verpackt mit einem populistischen Namen. Mehr nicht.

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