Aus dem Hut gezaubert: Parteien werben um bekannte Persönlichkeiten

"Quereinsteiger", nennt man sie manchmal. Die Rede ist von Menschen, die ihr altes Berufsleben zurücklassen und sich für eine Karriere in der Politik entscheiden. In Belgien ist das Phänomen eigentlich alles andere als unüblich. Das ist bei dieser Wahl auch in Ostbelgien besonders sichtbar.

Goedele Liekens (2. v. l.) ist die wohl bekannteste Überraschungskandidatin der Open VLD (Bild: Nicolas Maeterlinck/Belga)

Goedele Liekens (2. v. l.) ist die wohl bekannteste Überraschungskandidatin der Open VLD (Bild: Nicolas Maeterlinck/Belga)

„Weiße Kaninchen“, nennt man sie in Flandern. Man denkt da natürlich an den allseits bekannten Zaubertrick, bei dem der Magier -„Simsalabim“- ein ebensolches weißes Tierchen aus dem Hut zaubert. Ein „weißes Kaninchen“ nennt der Flame in der Politik einen Überraschungskandidaten auf einer Wahlliste. Hier handelt es sich in aller Regel um eine bekannte Persönlichkeit, einen BV wie man im Norden des Landes sagt, einen „Bekende Vlaming“. Deswegen auch „Überraschungskandidat“.

Beispiele gibt es in Flandern zur Genüge. Jean-Marie De Decker war so ein „weißes Kaninchen“. Bekannt geworden war er als ebenso engagierter wie streitbarer Trainer der Judo-Nationalmannschaft, die seinerzeit sehr erfolgreich war. Eine seiner einstigen Schützlinge, Ulla Werbrouck, nahm er gleich mit in die Politik. De Decker begann seine Laufbahn bei der liberalen Open-VLD, ging später eigene Wege.

Der rechtsextreme Vlaams Belang hatte zwei Schönheitsköniginnen in seinen Reihen. Journalisten waren auch oft die idealen „weißen Kaninchen“: die ehemaligen VRT-Fernsehgesichter Siegfried Bracke, Dirk Sterckx und Ivo Belet machen respektive Karriere bei der N-VA, der OpenVLD und der CD&V.

Gerade eben hat die OpenVLD wieder eine ganze Reihe neuer Überraschungskandidaten aus dem Hut gezaubert – die wohl bekannteste: Goedele Liekens. Sie war 1986 mal Miss Belgien und hat sich später als Fernsehsexologin einen Namen gemacht. Außerdem war sie als UN-Sonderbotschafterin aktiv. Und genau deswegen sei sie denn auch qualifiziert für den Job als Politikerin, sagte Goedele Liekens in der VRT. Sie habe im Rahmen ihrer Tätigkeit viel Erfahrung auf der internationalen Bühne sammeln können. Sie wolle jedenfalls nicht als „BV“ zur Dekoration dienen.

Im frankophonen Landesteil ist das Phänomen auch schon lange bekannt. Die Liste der Quereinsteiger ist lang. Über die Grenzen hinaus bekannt wurde die Geschichte von Marc Wilmots, der 2003 mit einem Bombenergebnis für die MR in den Senat einzog.

Und auch in Ostbelgien gab es schon solche Geschichten, besonders sichtbar ist das bei dieser Wahl: Anne Kelleter, die bislang als Journalistin für den BRF tätig war, wechselt in die Politik und wird Spitzenkandidatin auf der Ecolo-Regionalliste. Interessantes Detail: Sie ersetzt eine andere Quereinsteigerin, nämlich Christine Mauel, die kurzfristig ihre Kandidatur bei den Grünen aufgegeben hatte und zu den Liberalen gewechselt ist.

Im Süden des Landes sind vor allem Journalisten und Gewerkschafter beliebte weiße Kaninchen. In den letzten 20 Jahren gab es wohl keine Wahl ohne prominente Quereinsteiger: Die Nachrichtensprecherinnen Frédérique Ries und Florence Reuter von RTL-TVI bzw. Anne Delvaux von der RTBF waren da nur die bekanntesten Gesichter.

Diese Liste ist übrigens gerade wieder länger geworden. Am Mittwoch erst hat der bekannte RTL-TVI-Nachrichtensprecher Michel De Maegd angekündigt, bei der nächsten Wahl auf der Brüsseler Kammerliste der MR zu kandidieren. Auf Platz drei – heißt: Das ist eine aussichtsreiche Position.

Er sei sich dessen bewusst, dass er da wohl bei einigen Leuten für Frust sorge, da sie dadurch verdrängt werden. Nur müsse man auch verstehen: Wenn man sich für ein politisches Engagement entscheidet und das auch hochhalten will, nun, dann möchte man auch halbwegs sicher sein können, dass man ins Parlament einzieht.

Gerade bei Journalisten liegt das irgendwie in der Natur der Sache. Der Punkt ist nämlich: Ein Journalist, der für eine Partei kandidiert, der ist in seinem bisherigen Job fürs Erste „verbrannt“, wie man sagt. Bei Gewerkschaftern etwa sieht das anderes aus. Gewerkschaftsarbeit ist in Belgien immer auch politisch gefärbt. Als der ehemalige CSC-Generalsekretär Claude Rolin in die Politik wechselte, da ging er „natürlich“ zur CDH.

In den meisten Fällen jedenfalls war es so, dass diese weißen Kaninchen die in sie gesetzten Hoffnungen erfüllt haben. Sprich: Sie haben Stimmen geholt. Prominente Quereinsteiger hatten oft exzellente Ergebnisse.

Nur war dann oft schnell Schluss. In der Rückschau betrachtet haben nicht viele Quereinsteiger einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Auch nicht die Journalisten. Viele sind kläglich gescheitert. Auch, weil sie sich schon schwer damit taten, sich der Parteilinie unterzuordnen. „Man wird Parteisoldat, nicht Präsident“, so fasste der frühere RTBF-Journalist Frédéric François seine ebenso kurze wie glanzlose Karriere in der Politik zusammen.

Der RTBF-Starjournalist Jean-Claude Defossé, kandidierte 2009 für Ecolo. Nach einer Legislatur war Schluss. Er, der so gut austeilen konnte, beklagte in der Rückschau das raue Klima in der Politik: „Es regnete Tiefschläge.“

Den spektakulärsten Abgang aber hat Anne Delvaux hingelegt. Als man ihr vor fünf Jahren den ersten Listenplatz auf der CDH-Europaliste verweigerte, knallte sie die Türe zu: Wenn das „h“ auch für „humanistisch“ stehe, davon sei die Parteispitze der CDH weit entfernt, sagte Delvaux.

Es gibt aber auch positive Beispiele: Florence Reuter etwa fühlt sich als MR-Bürgermeisterin von Waterloo wie ein Fisch im Wasser.

Roger Pint

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