UN-Bericht fordert Entschuldigung von Belgien für Kolonialisierung

Belgien hat sich lange schwer mit dem Erbe der kolonialen Vergangenheit getan – und tut das auch weiterhin. Eine Expertengruppe der Vereinten Nationen hat sich eine Woche lang umgeschaut, um herauszufinden, wie stark Rassismus, Diskriminierung, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit in der belgischen Gesellschaft aufgrund der Kolonialzeit verankert sind. Das Ergebnis ist besorgniserregend.

Masken im Afrikamuseum in Tervuren

Afrikamuseum in Tervuren (Bild: Thierry Roge/Belga)

„Wir haben eindeutige Beweise gefunden, dass rassistische Diskriminierung weit verbreitet ist in den belgischen Institutionen. Menschen mit afrikanischen Wurzeln haben mit Diskriminierung zu kämpfen bei der Wahrnehmung ihrer wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte. Dazu zählt auch, dass sie im Bildungswesen nicht die gleichen Chancen erhalten, auch nicht auf dem Arbeitsmarkt und beim Kauf von Immobilien.“

Mit diesen Sätzen fasste der Leiter der UN-Mission, der Pole Michal Balcerzak, die Ergebnisse der einwöchigen Reise durch Belgien zusammen. Ein vernichtendes Urteil. Und das alles – so die These der UN-Mission – liegt zum großen Teil daran, dass Belgien sich nie wirklich mit seiner kolonialen Vergangenheit auseinandergesetzt habe. Oder besser gesagt: Nicht mit dem Unrecht auseinandergesetzt hat, das die belgischen Kolonialherren bis noch vor 60 Jahren in der heutigen Demokratischen Republik Kongo, in Ruanda und Burundi angerichtet haben.

Worte, die man in Belgien sicher nicht gerne hört. Doch Belgien darf sich nicht beschweren. Dass die UN-Expertengruppe Belgien kritisch auf ihre koloniale Vergangenheit unter die Lupe genommen hat, hat Belgien selbst quasi gefordert. 2001 hatte sich Belgien auf der Internationalen Konferenz gegen Rassismus im südafrikanischen Durban dazu bereit erklärt, solche UN-Missionen zuzulassen und selbst einen föderalen Plan zum Kampf gegen Rassismus zu entwickeln. Den Plan gibt es immer noch nicht. Die jetzige UN-Mission war bereits die zweite, die in Folge der Rassismus-Konferenz von 2001 stattgefunden hat.

Doch allein bei der Kritik wollten es die Experten nicht belassen. Sie geben auch Empfehlungen, was Belgien tun könnte, um besser mit seiner kolonialen Vergangenheit umzugehen und den angeblich weitverbreiteten Rassismus zu bekämpfen. Ein erster Schritt dabei sollte eine Entschuldigung sein für das Unrecht, das durch Belgier während der Kolonialzeit begangen wurde. „Eine Entschuldigung ist wirklich eine Anerkennung dessen, was passiert ist. Und es ist der Beginn eines Prozesses“, sagt UN-Experte Ahmed Reid aus Jamaika.

Der Prozess, der durch so eine Entschuldigung ausgelöst werde, müsse eine nationale Debatte beinhalten über das, was damals während der Kolonialzeit geschehen ist. So eine Diskussion müsse Belgien unbedingt beginnen und aushalten. „Das Land muss lernen, sich damit zu beschäftigen“, sagte Reid der VRT.

Afrikamuseum

Auch die neue Art, wie sich das Afrikamuseum in Tervuren mit der Kolonialzeit beschäftigt, bewertet die UN-Expertengruppe als unzureichend. Eine Einschätzung, die beim Leiter des Afrikamuseums, Guido Gryseels, nicht gut ankommt. Im Interview mit der Zeitung De Standaard berichtet er, dass die UN-Experten nur völlig oberflächlich das Museum besucht hätten. Im Raum, in dem die koloniale Vergangenheit dargestellt werde, hätten sie sich gerade mal fünf Minuten aufgehalten.

Das Museum bietet laut Gryseels durchaus einen Einblick in die unangenehmen Kapitel der belgischen Geschichte im Kongo. Das neu gestaltete Museum verstehe sich genau als so einen Ort des Dialogs und der Debatte, der von den Experten gefordert wird.

Einer breiten Debatte müsste laut UN-Experten aber zunächst ja ohnehin die offizielle Entschuldigung Belgiens für die Kolonialisierung vorausgehen. Hier ist die Regierung gefordert. Doch aus dem Kabinett von Premierministers Charles Michel war zunächst keine inhaltliche Reaktion zu bekommen. Man wolle den offiziellen Bericht der UN-Mission abwarten, heißt es lediglich. Dieser Bericht soll im September vorliegen.

Kay Wagner

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