Bürgermeister von Saint-Josse schließt Schaufenster von Prostituierten

Knapp einen Monat ist es her, als der Mord an einer Prostituierten im Rotlicht-Viertel rund um den Brüsseler Nordbahnhof für Aufregung sorgte. Ein zeitweiliger Streik der Sex-Arbeiterinnnen sowie Aufrufe von Vereinen an die Politik für mehr Sicherheit waren die Folge. Jetzt hat der Bürgermeister der Gemeinde Saint-Josse zu einer Maßnahme gegriffen, die für Aufregung im Rotflicht-Milieu der Hauptstadt sorgt.

Prostitution in Brüssel

Illustrationsbild: Siska Gremmelprez/Belga

Etwas dunkler als sonst ist es zurzeit auf den Straßen östlich des Brüsseler Nordbahnhofs. In vielen Schaufenstern, wo sonst im Schein von bunten Neonlichtern meist junge Frauen oft in knapper Bekleidung ihr Geschäft „Sex gegen Geld“ anbieten, sind die Farben erloschen, die Fensterläden geschlossen, die Frauen verschwunden.

Dreiviertel der Schaufenster von Prostituierten im Brüsseler Stadtteil Saint-Josse hat es getroffen. Saint-Josse teilt sich mit der Gemeinde Schaerbeek das Rotlichtviertel. Die Gemeindegrenze läuft mitten durch das Rotlichtviertel hindurch. Doch nur in Saint-Josse hat es die Sex-Arbeiterinnen getroffen. Nur ihre Schaufenster wurden geschlossen. So hat es der Bürgermeister von Saint-Josse angeordnet. Zum Schutz der Prostituierten vor der Gewalt, die im Rotlichtmilieu herrsche, so die Begründung.

Bei den Prostituierten kommt das nicht gut an. Marie ist als Prostituierte zwar nicht selbst von der Schließung eines Schaufensters betroffen. Aber die Aktivistin des Vereins Utsopi, der sich für die Rechte der Sex-Arbeiterinnen einsetzt, fragt kritisch: „Wo werden die Betroffenen wohl hingehen, wenn man die Schaufenster schließt? Sie werden auf der Straße arbeiten. Oder, wenn sie Teil der organisierten Prostitution sind, werden ihre Zuhälter kaum sagen: „Oh, Saint-Josse schließt die Schaufenster, na, dann hört ihr auf zu arbeiten.“ Sie werden die Frauen mit hoher Wahrscheinlichkeit an Orte schicken, wo es noch gefährlicher für sie sein wird.“

Auch Johan Debuf sieht die Schließung der Schaufenster kritisch. Debuf arbeite als Inspektor bei der Brüsseler Polizeieinheit, die gegen Menschenhandel vorgeht. Der RTBF sagte er: „Wenn es die Schaufenster nicht mehr gibt, wo wir immerhin zwischendurch kontrollieren können und dadurch die Möglichkeit haben, die schlimmsten Fälle zu entdecken und den Frauen dann zu helfen, werden wir die Prostituierten nicht mehr erkennen. Wir werden Opfer nicht mehr finden können. Und für uns ist das das Allerwichtigste: Die wahren Opfer zu entdecken.“

Villa Tinto in Saint-Josse?

Der Bürgermeister von Saint-Josse, der PS-Politiker Emir Kir, hingegen verteidigt seinen Entschluss. Er sagte: „Ich setze mit dieser Maßnahme bewusst alle unter Druck. Damit wir zusammen eine gute Lösung für die Frauen finden. Wir müssen einen Ort finden, der für dieses Geschäft gut geeignet ist. Mit sanitären Einrichtungen und genügend Sicherheitsvorkehrungen.“

Kir denkt dabei an eine Lösung, die die Stadt Antwerpen gefunden hat. Seit über zehn Jahren gibt es dort in der Innenstadt einen offiziellen Gebäudekomplex, in dem Prostituierte ihre Dienste anbieten. Villa Tinto, die „Rote Villa“, heißt der Komplex, rund 260 Frauen arbeiten dort. Der Ort gilt als sauber und sicher und nach den Worten von Kir sogar als kulturelle Attraktion.

Kirs Nachbargemeinde Schaerbeek hatte vor fünf Jahren die Idee, eine Art Villa Tinto am Rande des Nordbahnhofs einzurichten. Die Pläne dazu wurden eingestellt, nachdem der Investor des Gebäudes, in dem das Freudenhaus eingerichtet werden sollte, dann doch lieber Ladengeschäfte bevorzugte.

Die Schließung der Schaufenster in Saint-Josse könnte die Diskussion um eine Villa Tinto am Nordbahnhof jetzt wiederbeleben.

Kay Wagner

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