Großer Prozess gegen Menschenhandel und Prostitution gestartet

Vor dem Brüsseler Strafgericht hat am Dienstag ein wichtiger Prozess gegen ein Menschenhandel- und Prostitutionsnetzwerk begonnen. Auf der Anklagebank sitzen elf Personen. Hauptangeklagte ist eine 50-jährige Nigerianerin, die junge Mädchen aus ihrem Heimatland zur Prostitution gezwungen haben soll. Der Prozess gilt als einer der größten und wichtigsten in Sachen Prostitution und Menschenhandel seit langem.

Prostituierte im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek (Bild: Siska Gremmelprez/Belga)

Prostituierte im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek (Bild: Siska Gremmelprez/Belga)

Im Mai 2017 sorgte eine großangelegte Razzia in den Brüsseler Stadtteilen Schaerbeek und Sint-Joost-ten-Noode für Aufsehen. Über 30 Wohnungen wurden durchsucht, fünf Personen festgenommen. Die Razzia war der vorläufige Höhepunkt einer monatelangen Ermittlungsarbeit der Zelle Menschenhandel bei der Föderalen Polizei.

Im Visier der Fahnder: Die Prostitution hinter dem Brüsseler Nordbahnhof. Dort arbeiten überwiegend schwarze Frauen, viele aus Nigeria. Immer mehr sind minderjährig, manche erst 14. Aufgrund der großen Konkurrenz ist der Preis, für den sie ihren Körper verkaufen müssen, rapide gesunken.

Bis zu 25 Freier am Tag

Die Umstände unter denen sie dort arbeiten müssen sind menschenunwürdig, erklärt Klaus Vanhoutte von der Organisation Payoke, einem von drei anerkannten Zentren für Opfer von Menschenhandel. Bis zu 25 Freier am Tag müssten sie bedienen, teils auf der Straße zwischen den Autos. Und dabei sind sie völlig abhängig von der Willkür der Zuhälter und der Kunden. Also alles ganz anders, als das, was man ihnen in Nigeria erzählt hat.

Wie bedeutend die nigerianische Prostitution in Belgien ist, ist wie allen illegalen Geschäften schwer einzuschätzen. In Polizei- und Justizkreisen gelten die nigerianischen Menschenhändler jedenfalls als bestens organisiert. Nigeria ist ein sehr armes Land, und das zeigt sich auch im Umgang mit jungen Frauen und Mädchen. Sie gelten dort als Ware, mit der sich Geld verdienen lässt. Für viele Familien der einzige Ausweg aus der Armut.

Voodoo

Dabei spielt auch schwarze Magie eine große Rolle. Im Rahmen eines Voodoo-Rituals müssen die Frauen ewige Treue schwören, und gehen gleichzeitig enorme finanzielle Verpflichtungen ein. Joy, eine Nigerianerin, die in Brüssel ein paar Jahre als Prostituierte arbeiten musste, erzählt, dass sie im Voodoo-Tempel ihren Namen sagen und versprechen musste, nach Europa zu gehen und 50.000 Euro aufzutreiben. Andernfalls würde sie sterben.

Bei dem Ritual entnahm man ihr auch Achselhaare und Fingernägel. Frauen müssen Opfergaben bringen wie Puder, Steine oder Seife, aber auch persönliche Dinge wie Schamhaare oder Menstruationsblut. Der Voodoopriester behält diese dann. Voodoo wird damit zu einer effektiven Methode die Frauen unter mentale Kontrolle zu bringen.

Die Rolle des Voodoo ist nicht zu unterschätzen. Die Frauen glauben daran und unterwerfen sich. Das macht den Kampf gegen den Menschenhandel auch so schwierig. Aus Angst vor den Folgen schweigen die Frauen lieber, als mit der Polizei zusammenzuarbeiten.

Hartes Leben

Klaus Vanhoutte weiß, dass man den Voodoo-Zauber der Frauen ernst nehmen muss. Andernfalls vertrauen sie einem nicht. In seiner Opferbetreuung bietet er ihnen deshalb den christlichen Gott an, der sie vor den bösen Geistern beschützt. Also quasi ein Ritual durch ein anderes Ritual ersetzen.

Viele Frauen kommen aus Nigeria über Libyen und das Mittelmeer und Italien als Flüchtlinge nach Europa. Einmal in Europa landete Joy, wie viele ihrer Landesgenossinnen, in einem Schaufenster am Brüsseler Nordbahnhof. Dort musste sie dann 30 bis 40 Männer pro Nacht bedienen, um die 50.000 Euro zurückzubezahlen. Auf der Arbeit weinte sie nur. Ein hartes Leben.

Ausgebeutet wurde sie von ihrer „Madame“ einer nigerianischen Version der Zuhälterin. Eine dieser „Madames“ steht jetzt seit Dienstag in Brüssel vor Gericht. Innerhalb von dreieinhalb Jahren soll sie knapp drei Millionen Euro verdient haben. Das Geld wurde dann per Boten nach Nigeria geschmuggelt, und dort in Immobilien investiert.

Volker Krings

Kommentar hinterlassen
Keine Kommentare
Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht!
Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien zu Kommentaren.

Restl. Anzahl Wörter: 150