15 Euro mehr pro Haushalt: Strom wäre auch nach Atomausstieg noch „bezahlbar“

Die letzten Kernreaktoren in Belgien sollen im Jahr 2025 abgeschaltet werden - so sieht es ein Gesetz vor. Allerdings gab es in den letzten Monaten immer wieder auch warnende Stimmen dazu. Wirtschaftsverbände etwa sind überzeugt, dass Elektrizität nach dem geplanten Atomausstieg viel zu teuer würde. Gleich zwei Studien deuten jetzt aber darauf hin, dass der Anstieg des Strompreises überschaubar bliebe.

Teurer Strom: Familien mit geringem Einkommen besonders hart betroffen

Illustrationsbild: Siska Gremmelprez/Belga

„Der Energiepakt ist in greifbarer Nähe“, sagt Marie-Christine Marghem und klingt dabei doch ein bisschen erleichtert. Vor einigen Monaten hatte die föderale Energieministerin zusammen mit ihren regionalen Kollegen aus Flandern, der Wallonie und Brüssel eben diesen Energiepakt präsentiert. Das ist also so etwas wie der energiepolitische Fahrplan für die nächsten Jahre.

Dreh- und Angelpunkt dieses Plans kann natürlich nur der Atomausstieg sein, denn der verändert ja grundlegend die Ausgangssituation. 2025 soll ja das letzte Atomkraftwerk in Belgien vom Netz gehen – der letzte der im Moment noch insgesamt sieben Reaktoren. Die produzieren im Bestfall – über den Daumen gepeilt – rund 6.000 Megawatt Strom.

Mal eben darauf zu verzichten, das wird nicht leicht. Klar: Die erneuerbaren Energien sind auf dem Vormarsch. Belgien hat ja vor allem auch in Offshore-Windanlagen vor der Küste investiert. Nur braucht man ja auch noch sozusagen „unterstützende“ Kraftwerke, die auch dann Strom liefern, wenn es mal gerade eben keinen Wind und keine Sonne gibt. Belgien will hier auf Gaskraftwerke setzen: Nicht so dreckig wie Kohle oder Öl, aber genauso schnell einsatzbereit, sagt Energieministerin Marie-Christine Marghem.

Gaskraftwerke

Nur müssen diese Gaskraftwerke größtenteils erst noch gebaut werden. Man spricht von bis zu neun neuen Kraftwerken, um den geschätzten Bedarf von 6.000 Megawatt auszugleichen. Bis vor Kurzem noch gab es eher den Trend, bestehende Gaskraftwerke einzumotten, da sie nicht rentabel funktionierten.

Und genau da setzen denn auch Wirtschaftsverbände den Hebel an. Mal abgesehen von den Sorgen in punkto Versorgungssicherheit werde Strom nach dem Atomausstieg schlicht und einfach unbezahlbar, warnte unlängst noch der Unternehmerverband FEB in einem flammenden Appell. Die Regierungspartei N-VA hatte sich daraufhin quasi zum Anwalt der Wirtschaftswelt gemacht und erstmal ihre Unterschrift unter dem Energiepakt verweigert. Erst müssten die Folgen des geplanten Atomausstiegs bitte mal wissenschaftlich abgeklopft, simuliert, durchgerechnet werden. Die MR-Energieministerin schien also mit einem Mal vor den Scherben ihres Energiepaktes zu stehen.

Zwei „Impaktstudien“

Gleich zwei solcher „Impaktstudien“ wurden also in Auftrag gegeben: bei einem renommierten Experten und beim föderalen Planbüro – und die Ergebnisse liegen jetzt also vor. Die Zeitung La Libre Belgique brachte die wichtigste Erkenntnis am Mittwoch exklusiv auf ihrer Titelseite, die Marie-Christine Marghem später in der RTBF noch einmal wiederholte: „Der Atomausstieg wird den Strom um 15 Euro pro Jahr und pro Haushalt verteuern“, so das Fazit der beiden Studien.

Hier handele es sich um einen Mittelwert, sagt Marghem, den Durchschnitt zwischen dem pessimistischsten und dem optimistischsten Szenario. Und hier sei alles mit einbezogen worden, also insbesondere eben die Kosten, die durch den Betrieb der nötigen Gaskraftwerke entstehen würden. Das sei aber die einzige Zahl, die sie jetzt bekanntgeben wolle, sagt Marghem. Die restlichen Ergebnisse werde sie natürlich exklusiv erst ihren Ministerkollegen präsentieren.

Blockadehaltung der N-VA

Nur: 15 Euro pro Jahr und pro Haushalt, naja, klingt dann doch irgendwie noch „überschaubar“. Sie betrachte das jedenfalls als eine „positive Überraschung“. Deswegen habe sie jetzt auch den Eindruck, dass der Energiepakt damit wieder losgeeist wird, ist Marghem überzeugt. Die Partner wollten wissenschaftlich fundierte Zahlen – die gebe es jetzt. Jetzt gebe es also eine wirkliche Gesprächsgrundlage – und damit könne man dann wohl auch den dringend nötigen Energiepakt definitiv auf die Schienen setzen.

Nur muss dafür eben vor allem die N-VA ihre Blockadehaltung aufgeben. Parteichef Bart De Wever hatte schon signalisiert, dass er den Atomausstieg zum Wahlkampfthema machen wollte. Marie-Christine Marghem braucht da vielleicht noch mehr als bezifferte Argumente…

 

Roger Pint

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8 Kommentare
  1. Jochen Decker

    Kennt man aus Deutschland, das Paradebeispiel.

    Der Ausstieg kostet eine Familie in etwa das, was man für 3 Kugeln Eis ausgibt. Vollmundig wurde das von Politikern wie Özdemir in die Welt hinausposaunt.

    Mittlerweile sind die Kosten für Strom so in die Höhe gestiegen, dass sie zu den höchsten in Europa zählen und viele Familien sie nicht mehr stemmen können.
    Eine mittlere Katastrophe für viele Normalverdiener, Tendenz weiter steigend.

    Mit solch gewagten Beschönigungsprognosen sollte man sehr zurückhaltend sein und gleich auch erklären, wie man die anschließend dann doch um ein mehrfach höheres gestiegenen Kosten zu ersetzen gedenkt.

    Es kann ja nicht sein, dass immer der Bürger für Fehlentscheidungen und politisches Versagen zur Kasse gebeten wird.

  2. marcel scholzen eimerscheid

    Wer glaubt, wird selig. Die haben eine Null vergessen. Die meinen sicher 150 Euro mehr pro Jahr und Haushalt.

    Heute ist Strom so wichtig wie das Brot in früheren Zeiten. Und wegen eines hohen Brotpreises ist die Französische Revolution ausgebrochen und hat die Welt nachhaltig verändert. Gut möglich, dass es auch so sozialen Revolten kommt, wenn der Strompreis unbezahlbar wird. Alles ist möglich.

  3. Maria van Straelen

    Ist der erhoehte Preis dem noch nicht vollzogenen Atomausstieg zu `verdanken`, oder vielmehr der ueberall vorhandenen Monopolstellung der E-Konzerne? Ich behaupte letzteres, und das schon seit Jahrzehnten, trotz massiver Subventionen mit unser aller Steuern …. Die Preise hatten noch nie viel zu tun mit Produktionskosten

  4. Dieter Leonard

    Ein Grund für gestiegene Strompreise in Deutschland in den letzten Jahren ist tatsächlich die EEG-Umlage zur Finanzierung der Energiewende.
    Verschwiegen wird jedoch, dass in Deutschland nicht nur Atomkraft, sondern auch Kohle über Jahrzehnte vom Steuerzahler subventioniert wurden.
    Diese Subventionen, sind deutlich höher als das, was für die Energiewende und für die erneuerbaren Energien ausgeben wird. Diese Ausgaben und Fördermittel fallen jedoch nicht auf, weil sie nicht auf der Stromrechnung auftauchen. Ungenügend eingerechnet im Strompreis sind die Kosten, die für den Rückbau und die Endlagerung des jahrtausende strahlenden Atommülls notwendig werden. Nicht einberechnet im Strompreis sind auch die Kosten, die bei einem Atomunfall anfallen würden. Das Restrisiko zahlt der Steuerzahler.
    Schätzungen zufolge müsste der Strompreis rund 3 € pro Kilowattstunde (!) teurer sein, wenn man die dem Steuerzahler aufgebürdeten tatsächlichen Kosten für die Kernkraft auf den Strompreis umlegen würde.
    15€ pro Jahr? 150 € pro Jahr. Dass ich nicht lache.

  5. Jean-Pierre DRESCHER

    Ehrlich gesagt verzichte ich gerne auf überflüssigen Luxus, wenn ich weiß dass hier nichts mehr in die Luft fliegen kann.

    Der ein oder andere Kapitalist verzichtet ja vielleicht mal auf die nächste Anschaffung des teuersten Geländewagens anstatt mit der fadenscheinigen Parole der „15 Euro zu teuer“ Argumentation die in Wahrheit nämlich ekelhaft nationalistischen Beweggründe der Schrottmeiler-Anbeter einer Generation von Vorgestern zu maskieren.

    Enfin wird das Stromkabel aus Deutschland die Schrottmeiler eh alle überflüssig machen, da sowohl Grundlaststrom aus den modernsten Wärmekraftwerken Deutschlands bzw. dem niederländischen Eemshavn und grüner Strom aus Norwegen en masse vorhanden sind.

  6. marcel scholzen eimerscheid

    Egal wie man die Geschichte dreht und wendet, der „kleine Mann“ zahlt immer, egal ob in seiner Rolle als Steuerzahler oder Stromkunde.

  7. Uwe Chemnitz

    @ Marcel S. ..ja das glaube ich auch, wegen der Null vergessen.
    Hier wird alles mit Strom realisiert, und ich bin froh mir einen solaren Luftkollektor
    mit Hilfe selber gebaut zu haben. Da die Fenster nicht gut isolieren ist das dann eher ein Glücksfall. bei solchem Wetter wie im moment, kann ich die Heizung komplett abschalten.
    Der kollektor, da eigenbau hatte sich schon nach einem Jahr quasi selbst bezahlt.
    Nur Ende letzen Jahres da war es dann eher mau mit Solar-Energie.
    Jetzt bei diesem Wetter wie im Moment…und es soll noch viel kälter werden, dann geht da richtig was mit dem Kollektor. Das Blech ist MIrotherm von Alanod.
    Eine Mustertafel bestellt, direkt beim Hersteller 🙂

  8. Frank Bosch

    „Oeps, rekenfoutje in kostprijs kernuitstap“….
    …. „Maar die verrassend lage 15 miljoen, die sommige politici al voor werkelijkheid aannamen, berust op een rekenfout: 2,16 miljard (volledige nucleaire stop) min 2,01 miljard (gedeeltelijke kernstop) is niet 15 maar 150 miljoen. De berekenaars hebben zich op een veeleer visuele dan wiskundige fout laten vangen“.
    So berichtet heute im Nachmittag die Zeitung de Standard online. Nur mal um eine Kommastelle vertan… Wird also nichts mit den 15.- € Mehrkosten (jährlich ab 2030) pro EW, sondern wahrscheinlich 150.- € … und das im günstigsten Fall.
    Darin sind die Kosten für Abbruch und Entsorgung der alten KKWs noch nicht enthalten.

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