Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung gegen Priester

Die Ratskammer am Gericht in Brügge hat sich am Dienstag mit dem Fall eines Priesters beschäftigt. Ein Mann hatte mit dem Priester über seine Selbstmordabsichten gesprochen und sich wenig später tatsächlich das Leben genommen. Der Priester hatte keinem etwas von den Absichten erzählt. Die Witwe des Mannes hat den Priester wegen versäumter Hilfeleistung angeklagt.

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Gilt das Beichtgeheimnis für Priester nur im Beichtstuhl oder auch bei Telefongesprächen und SMS? (Bild: MichaelGaida/Pixabay)

Der Vorfall ereignete sich vor gut zweit Jahren. Seelsorger Alexander Stroobandt erhielt damals einen Anruf per Telefon. Ein Mann war dran. Kein Unbekannter für Stroobandt, aber beide hatten sich seit eineinhalb Jahren nicht mehr gesprochen.

Der Priester erinnert sich: „Er hat mich angerufen und hat eine Zeitlang mit mir gesprochen. Und irgendwann habe ich gemerkt, dass er mit dem Gedanken spielt, sich umbringen zu wollen.“ Das Gespräch habe dann sehr lange gedauert, über eine Stunde.

Danach habe es noch einen Austausch per SMS gegeben. „Ich habe alles versucht, ihn von seinem Vorhaben abzuhalten“, sagt der Priester. Letztlich vergeblich. Dass er mit niemandem über die Sache gesprochen hat, findet er auch heute noch richtig.
„Das Gespräch hat im Rahmen einer Beichte stattgefunden“, sagt er. „Und weil ich Priester bin, darf ich darüber dann auch nicht sprechen.“

Das ist eine Haltung, die im Prinzip von Experten geteilt wird. Priester haben das Recht, über Beichtgespräche zu schweigen. Der belgische Staat wertet eine Beichte wie ein Gespräch zwischen einem Menschen und einem Vertreter Gottes, erklärt Kirchenrechtler Rik Torfs in der Zeitung Het Nieuwsblad. Dadurch würden sich das Beichtgespräch und sein Inhalt außerhalb menschlicher Regeln befinden.

Berufsgeheimnis vs. Beichtgeheimnis

Diese Auffassung teilt auch Abbé Raphaël, bischöflicher Vikar in Lüttich, Spezialist für kanonisches Recht. Er unterscheidet das Beichtgeheimnis deshalb auch vom Berufsgeheimnis. „Das Berufsgeheimnis darf man im Prinzip nicht brechen. Aber wenn das Leben einer Person bedroht ist, kann eine Ausnahme gemacht werden. Beim Beichtgeheimnis dagegen darf wirklich nichts gesagt werden“, erklärt Abbé Raphaël.

Die spannende Frage ist jetzt, ob die Ratskammer in Brügge dieser Argumentation folgt. Denn die Anklage hebt den ungewöhnlichen Charakter des Gesprächs hervor, das vom Priester als Beichte ausgegeben wird. Das Gespräch habe ja nicht in einem Beichtstuhl stattgefunden, sondern per Telefon und per SMS.

Und Patrick Martens, der Anwalt der Witwe des Selbstmörders, sagt dann auch leicht ironisch in der VRT: „Ich habe noch nicht viele Beichten erlebt, die per Telefon oder SMS abgenommen wurden.“ Für Martens und auch die Staatsanwaltschaft ist klar: Der Priester hätte nach dem Telefongespräch Hilfsdienste benachrichtigen müssen, um den Selbstmörder von seiner Tat abzuhalten.

Die Ratskammer in Brügge hat sich am Dienstag die verschiedenen Positionen angehört. Am Mittwoch will sie ihr Urteil verkünden. Dann geht es darum, ob Priester Alexander Stroobandt sich vor einem Strafgericht für unterlassene Hilfeleistung verantworten muss oder nicht. Wenn ja, droht ihm dort bei einem Schuldspruch eine Gefängnisstrafe von bis zu einem Jahr.

Kay Wagner

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