Fachmann bezweifelt Sicherheit von belgischen Problemreaktoren

Die belgischen Atomkraftwerke machen Angst. Proteste und Einwände sind an den belgischen Behörden bislang meist abgeperlt. Mehr und mehr werden auch hierzulande Stimmen laut, denen der Zustand der belgischen Kernkraftwerke Bauchschmerzen bereitet. Ein renommierter Hochschulprofessor hat jetzt der Atomaufsichtsbehörde Fank vorgeworfen, russisches Roulette zu spielen.

Das Kernkraftwerk in Tihange

Belgien und die Energiewende, Belgien und seine Kernreaktoren,… Die belgische Energiepolitik ist eigentlich eine lange Geschichte von Irrungen und Wirrungen. Der Atomausstieg sollte eigentlich längst in vollem Gange sein. Ein Gesetz von 2003 sah bekanntlich vor, die Meiler nach einer Laufzeit 40 Jahren vom Netz zu nehmen. Diese Frist wurde aber verschoben. Im Moment gilt, dass der letzte Reaktor 2025 abgeschaltet werden soll.

Doch auch an dieser Deadline wird längst gerüttelt. Gerade erst hat der Unternehmerverband FEB an die Regierung appelliert, den Termin 2025 nochmal zu überdenken. Klar müsse man sich mittelfristig von der Atomenergie verabschieden, sagte FEB-Geschäftsführer Pieter Timmermans – 2025, hinter diesem Datum stünden allerdings noch zu viele Fragezeichen.

Fragezeichen, damit meint Timmermans vor allem zwei. Erstens: Ist der Strom nach dem Atomausstieg noch bezahlbar? Und zweitens: Wie steht es um die Versorgungssicherheit? Schaffen wir das überhaupt ohne Atomstrom?
Man solle den Menschen jedenfalls keine Illusionen machen, dass ein Atomausstieg ohne weiteres möglich ist, mahnte Timmermans.

Belgische Atom-Infrastruktur gnadenlos veraltet

„Illusionen“. Es war wohl dieses Wort in dem Timmermans-Interview, das an der Uni Löwen einen Professor auf die Palme gebracht hat. Illusionen? Man mache den Menschen Illusionen, wenn man ihnen weismacht, dass die belgischen Atomreaktoren noch länger am Netz bleiben könnten, schreibt der Ingenieur Walter Bogaerts in einem Meinungsbeitrag in der Zeitung De Standaard. Die belgische Atom-Infrastruktur sei gnadenlos veraltet, meint Bogaerts.

Dieser Walter Bogaerts, der ist nicht irgendwer. In einem früheren Leben war er mal Geschäftsführer des Unternehmens Belgoprocess, das auf die Lagerung und Weiterverarbeitung von radioaktiven Abfällen spezialisiert ist. Er war also zumindest mal in der Atombranche tätig, wenn auch nicht in einem Kernkraftwerk.

„Jede Industrieanlage hat eine begrenzte Lebensdauer“, warnt Professor Walter Bogaerts in De Standaard. „Da kann man die Installationen noch so regelmäßig warten. Und dann reden wir noch nicht von Doel 3 und Tihange 2“, sagt Bogaerts. Beide Reaktoren sind ja wegen festgestellter Materialschwächen zwei Mal heruntergefahren worden, abgesehen von anderen pannenbedingten Abschaltungen. Es sind diese Materialschwächen, diese Mikrorisse, die dem Fachmann Sorgen machen. Wie kommt es, dass es immer mehr werden, fragt er sich. Noch im vergangenen Jahr habe sich gezeigt, dass die Zahl der Mikrorisse wieder zugenommen habe.

Fank widerspricht Bogaerts

Das Dementi der Föderalen Agentur für Nuklearkontrolle, Fank, kam postwendend. Was Bogaerts sagt, das stimme nicht, sagt Fank-Generaldirektor Jan Bens. Untersuchungen hätten gezeigt, dass die Zahl der Mikrorisse eben nicht größer geworden sei.

Diese Frage ist von entscheidender Bedeutung. Im Moment geht man davon aus, dass die Materialschwächen schon bei der Produktion der Reaktorbehälter entstanden sind und sich seither nicht mehr verändert habe. Würde die Zahl der Risse größer, dann wäre das der Beweis dafür, dass der laufende Betrieb dem Material schadet und sich das Problem verschlimmert.

Im Zweifel entscheide man sich aber eigentlich für die Sicherheit, sagt Professor Walter Bogaert. Deswegen gebe es für ihn nur eins: Doel 3 und Tihange 2 müssen stillgelegt und rückgebaut werden. Alles andere ist russisches Roulette, sagt Bogaert in De Standaard.

Fank-Generaldirektor Jan Bens kann die Einschätzung nicht teilen. „Wenn wir Zweifel an der Sicherheit der Reaktoren hätten, dann würden wir sie stilllegen. Wir haben diese Zweifel aber nicht.“

Roger Pint - Bild: Eric Lalmand/BELGA

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