Dieselland Belgien – das war einmal: Der Selbstzünder ist entthront

Belgien ist fast schon traditionell das Land der Dieselfahrzeuge. Es gab Zeiten, da waren Benziner auf belgischen Straßen fast schon die Ausnahme, zumindest im Mittelklasse-Segment. Das allerdings, das war einmal... Die jüngsten Zahlen des Automobilverbandes Febiac zeigen eine sichtbare Trendumkehr - und das ist zweifellos ein Zeichen der Zeit.

Diesel (Archivbild: Bruno Fahy/Belga)

Archivbild: Bruno Fahy/Belga

Ein hierzulande vertrautes Geräusch: das Knattern eines Dieselmotors. „Willkommen im Reich der Dieselwagen“, das könnte auch auf Schildern an den Landesgrenzen stehen. Seit rund 15 Jahren werden in Belgien mehr, in manchen Zeiten sogar viel mehr Privatwagen mit Dieselmotor verkauft.

Beispielhaft sind da die Verkaufszahlen von 2013: In den ersten fünf Monaten des Jahres 2013 wurden 160.000 Diesel-PKW verlauft, dagegen nur rund 80.000 Benziner – mal eben die Hälfte. Das war also vor gerade einmal vier Jahren. Entsprechend bemerkenswert sind denn auch die aktuellen Vergleichszahlen, die der Branchenverband Febiac jetzt veröffentlicht hat. Demnach wurden in den ersten fünf Monaten dieses Jahres insgesamt 250.000 Autos verkauft; davon – und jetzt kommt es – 120.000 Diesel und 130.000 Benziner.

Der Selbstzünder ist entthront – und das dürfte auch so bleiben. Diese Schlussfolgerung ergibt sich aus den Ursachen, die Experten für diesen Trendbruch ausgemacht haben. „Erstens“, so sagte Maarten Matienko vom flämischen Automobilclub VAB, „lohnt sich ein Diesel praktisch nicht mehr. Es ist jetzt schon sehr schwierig, die Mehrkosten, also den höheren Kaufpreis und die höheren Steuern, wieder reinzuholen.“

20.000-Kilometer-Regel gilt nicht mehr

Tatsache ist: Die alte 20.000-Kilometer-Regel, die gilt längst nicht mehr. Inzwischen muss man bei den meisten Dieselfahrzeugen mindestens 30.000 Kilometer pro Jahr fahren, um mit einem Diesel günstiger unterwegs zu sein als mit einem Benziner.

„Und das gilt erst recht für die Zukunft“, sagt Maarten Matienko vom VAB. Im Moment sei der Liter Diesel zwar an der Zapfsäule noch rund 9 Cent billiger als Benzin. Das erklärt sich quasi ausschließlich durch die unterschiedliche Besteuerung der Kraftstoffe. Nur hat die Regierung beschlossen, diese sogenannten Akzisen anzugleichen. Heißt: Schon sehr bald ist Benzin nur noch unwesentlich teurer als Diesel.

Der VAB hat das ganze Mal in einem Praxistest aufgedröselt. Das Ergebnis, grob zusammengefasst: Wenn die Steuern auf Diesel und Benzin einmal angeglichen sind, und das soll ab dem nächsten Jahr schrittweise erfolgen, dann lohnen sich die meisten Dieselfahrzeuge auch schon nicht mehr, wenn man 30.000 Kilometer pro Jahr fährt. Wirklich attraktiv ist ein Diesel dann nur noch für etwa drei Prozent der Fahrer.

Feinstaub und Ruß

Soweit das Thema Kosten. Hinzu kommt dann aber nochmal der Umweltaspekt. Bislang stand bei PKW fast ausschließlich der CO2-Ausstoß im Vordergrund – und da sah der Diesel besser aus, allein, weil ein Selbstzünder eben sparsamer ist. „Heute werden aber auch andere Parameter immer wichtiger, die auf die Luftqualität in den Städten mindestens genauso großen Einfluss haben“, sagt Joost Kaesemans von Febiac.

Stichwort Feinstaub, Stichwort Ruß: Insbesondere die Feinstaubproblematik hat dafür gesorgt, dass Dieselfahrzeuge mehr und mehr fast schon auf dem Index landen. Dieselfahrzeuge stoßen deutlich mehr dieser Kleinstpartikel aus, die für die Atemwege gefährlich sein können. Und angesichts immer strengerer Normen ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Dieselfahrzeuge teilweise bzw. ganz aus den Innenstädten verbannt werden. In einigen Städten wird schon sehr konkret darüber nachgedacht.

Und auch die Kunden würden immer umweltbewusster, sagt Joost Kaesemans von Febiac. Und all das zusammengenommen sorge für die wachsende Einsicht, dass ein Dieselfahrzeug eben in den meisten Fällen heutzutage eben nicht mehr die ideale Lösung ist.

Also: Wer sich bislang quasi „automatisch“ für einen Diesel entschied, der sollte sich das beim nächsten Autokauf noch einmal gut überlegen. Zumal, wenn man dabei auch schon an den Weiterverkauf denkt, mahnt der VAB. Was sich heute schon anbahnt, das ist nämlich in sechs, sieben oder acht Jahren längst Realität, dann also, wenn man das Auto auf dem Gebrauchtwagenmarkt anbieten will. Dann wird man seinen Diesel vielleicht gar nicht mehr los.

Roger Pint - Bild: Bruno Fahy/BELGA