Senat will Schicksale der Kolonialkinder beleuchten

Es ist eins der vielen dunklen Kapitel der Kolonialgeschichte: Kinder, die einen weißen Vater und eine schwarze Mutter hatten, Kinder, die es nach dem Verständnis der damaligen Zeit nicht geben durfte. Viele dieser Menschen wissen bis heute nicht, wer ihre Eltern waren. Diese Schicksale einmal zu beleuchten, das hatte sich der Senat zur Aufgabe gemacht.

Das Nyanza-Hospital im Kongo in den fünfziger Jahren: Viele Kolonialkinder wurden ihren Müttern entrissen

Das Nyanza-Hospital im Kongo in den fünfziger Jahren: Viele Kolonialkinder wurden ihren Müttern nach der Geburt entrissen

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„Von diesem Kapitel unserer Geschichte spricht niemand“, sagt Senatspräsidentin Christine Defraigne. Sie selbst habe von all dem bis vor Kurzem nichts gewusst. Und deswegen hat der Senat denn auch ein Kolloquium abgehalten, um es einmal auszuleuchten.

Dieses „dunkle Kapitel“ unserer Geschichte, das ist das Schicksal der, nennen wir es mal, „Kolonialkinder“. Früher sagte man Mulatten, Mischlingskinder vielleicht, das französische „Métis“ eignet sich aber wohl am besten. Sie hatten meist einen belgischen Vater und eine kongolesische Mutter.

Staatsverbrechen

In den Augen der damaligen Kolonialbehörden durfte es diese Kinder aber nicht geben. „Deswegen wurden sie ihren Müttern entrissen“, sagt Assumani Budagwa, belgo-kongolesischer Forscher und Buchautor. Man hat diesen Kindern ihre Identität genommen, sie von ihren Geschwistern getrennt. Außerdem hat man die Archive versiegelt, die diesen Leuten die Möglichkeit gegeben hätten, ihre Herkunft zu ergründen. Das könne man durchaus als ein „Staatsverbrechen“ bezeichnen.

Das, was der Buchautor hier skizziert, hat Charles Geradin genau so erlebt. Sein Vater war ein belgischer Beamter, der im damaligen belgischen Protektorat Ruanda-Urundi seinen Dienst verrichtete. Er hatte eine Affäre mit einer Ruanderin. Als Charles zur Welt kam, hat er zwar das Kind anerkannt, er musste dafür aber auch seinen Dienst quittieren. Und doch wurde er seiner Mutter entrissen. Das sei ab 1930 systematisch so gehandhabt worden, sagte Charles Geradin in der RTBF. „Wir kamen dann alle in so eine Art Schule. Alles war schon darauf ausgelegt, dass wir irgendwann nach Europa gebracht werden sollten.“

„Reihnheit“ der weißen Rasse schützen

Die Kinder wurden unter Vormundschaft des Staates gestellt, ohne dass der Staat aber die Verantwortung übernahm. Charles Geradin hat also seine gesamte Kindheit und Jugend in Waisenhäusern bzw. „Internaten“ verbracht. Und das alles eben, weil die Behörden der damaligen Zeit diese „Kolonialkinder“ möglichst verstecken wollten. Im rassistischen Weltbild der damaligen Zeit galt es zunächst, die „Reinheit“ der weißen Rasse zu schützen.

Diese rassistische Grundhaltung haben die Nazis keinesfalls erfunden, allenfalls auf die fürchterliche Spitze getrieben. „Auch die Kolonialstaaten haben sich im Feind geirrt“, sagt Buchautor Assumani Budagwa. Es gebe da noch eine andere Erklärung, sagt Budagwa. Das Ganze gehe wohl auf einen Vorfall in Kanada zurück. In der Provinz Manitoba habe ein Métis einen Aufstand angezettelt. Daraus habe man geschlussfolgert, dass ein „Halbblut“ quasi über ein entsprechendes Gen verfügen musste – und dieses „Revoluzzer-Gen“ musste von Anfang an unterdrückt werden.

Uneingeschränkten Zugang zu Archiven ermöglichen

Entsprechend wurden die Kinder also behandelt. Die Einzelschicksale zählten nicht, allenfalls das angebliche „Gemeinwohl“. Das Ganze – selbstredend – mit dramatischen Folgen. Die Zeitung De Standaard bringt am Mittwoch die Geschichte von zwei Brüdern, die bis vor Kurzem nicht einmal voneinander wussten. Erst vor anderthalb Jahren haben sie sich zum ersten Mal getroffen, nach rund 60 Jahren. Da habe man aber gar keinen Gentest mehr gebraucht. „Wir haben uns sofort blind verstanden“, sagen beide in der Zeitung.

„Wir alle haben nur ein Ziel“, sagt Charles Geradin. „Ich will wissen, wo ich herkomme. Wer war mein Vater, was war er für ein Mensch? Und dafür brauchen wir vor allem uneingeschränkten Zugang zu den Archiven.“ Und genau da will man jetzt also ansetzen. „Wir müssen dieses Kapitel endlich aufarbeiten“, sagte Senatspräsidentin Christine Defraigne. Der Staat muss zu seiner Verantwortung stehen. Und das würde eben damit beginnen, dass man auch uneingeschränkten Zugang zu den Archiven gibt. Es werde auch eine entsprechende Resolution im Senat vorbereitet.

Roger Pint - Archivbild: BELGA

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