Muslime und Juden gegen Schächtverbot

Flandern hat es schon verboten, die Wallonie ist im Begriff, es zu tun. Die Rede ist vom Schächten. Gegen das anstehende Verbot dieser Praxis laufen die muslimische und auch die jüdische Gemeinschaft des Landes Sturm. Ein hoher Vertreter des Judentums in Belgien wählte jetzt in der Zeitung La Libre Belgique besonders drastische Worte, um seinen Unmut kundzutun.

Ultra-orthodoxe Juden beim Schächten eines Huhns

Ultra-orthodoxe Juden beim Schächten eines Huhns

„Für uns ist es wohl die schlimmste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“, sagt Philippe Markiewicz, der Vorsitzende des israelitischen Zentralkonsistoriums. In der RTBF wiederholte er die Worte, die er zuvor schon gegenüber der Zeitung La Libre Belgique ausgesprochen hatte. Philippe Markiewicz geht noch einen Schritt weiter: „Viele von uns erinnern sich noch an die Naziherrschaft. Eine der ersten Maßnahmen, die die deutschen Besatzer seinerzeit verhängten war eben ein Verbot ritueller Schlachtungen.“

Er wolle hier freilich keine allzu direkten Parallelen ziehen, schränkt Markiewicz seine Aussage ein. „Wir sind natürlich nicht mehr in der Nazizeit. Wir leben in einem Land, das eine aufgeklärte Demokratie ist und bleiben muss.“ Dennoch: harte Worte vom Vorsitzenden des israelitischen Zentralkonsistoriums.

Eckpfeiler des jüdischen und islamischen Glaubens

Harte Worte, die aber den Schock widerspiegeln, der offensichtlich die gesamte jüdische Gemeinschaft durchfahren hat. Insbesondere für praktizierende Gläubige geht es hier um einen Eckpfeiler ihrer Religion. Die Glaubensfreiheit sei in der Verfassung fest verankert, sagt Philippe Markiewicz. Rituelle Schlachtungen seien aber wesentlicher Bestandteil des jüdischen und auch des islamischen Glaubens. Juden und Moslems haben ein Recht darauf, halal bzw. koscher zu essen.

Halal im Islam, koscher im Judentum, beides beinhaltet in Bezug auf Fleisch – abgesehen von rituellen Unterschieden – im Wesentlichen das gleiche: Das Tier wird ohne Betäubung getötet: Der Schlachter setzt einen Kehlkopfschnitt und dann muss dafür gesorgt werden, dass das Tier möglichst rückstandslos ausblutet. In beiden Fällen hat das religiöse Gründe: Juden wie Moslems ist der Verzehr von Blut verboten.

Politik unter Druck gesetzt von Tierschützern?

Eben dieses Schächten soll in Flandern jetzt untersagt werden. Im wallonischen Parlament steht eine ähnliche Maßnahme kurz vor der Abstimmung. In beiden Fällen würde das Verbot 2019 greifen. „Wir, die jüdische Gemeinschaft des Landes, und wohl auch die Muslime in Belgien, wir fühlen und da direkt angegriffen“, sagt Philippe Markiewicz. Er habe das Gefühl, dass sich die Politiker da unter Druck setzen lassen von irgendwelchen radikalen Tierschützern.

Ohne ausdrücklich Ross und Reiter zu nennen, denkt Philippe Markiewicz hier wohl in erster Linie an die Tierschutzorganisation GAIA. Die hatte vor einigen Wochen noch einen doch harten TV-Spot geschaltet, in dem die Politiker direkt angesprochen wurden: „Beenden Sie das Leiden, stimmen Sie für ein Schächtverbot.“

Kompromiss: Betäubung durch Stromstoß

Das Gremium, das die islamische Glaubensgemeinschaft vertritt, die sogenannte Moslem-Exekutive, hat das drohende Schächtverbot auch schon verurteilt. Allerdings ist man hier längst auch schon auf der Suche nach Kompromisslösungen. Ein Beispiel wäre eine Betäubung durch einen Stromstoß: Das Tier bekommt also kein Sedativum, ist nicht bei Bewusstsein, lebt aber noch. Für Nordine Taouil, den Imam von Antwerpen, wäre das eine akzeptable Alternative. Der Imam spricht hier aber längst nicht für alle Muslime, und das weiß er auch. Innerhalb der jüdischen Gemeinschaft des Landes ist eine Betäubung durch einen Stromstoß ebenfalls für viele keine Option.

Beide Religionsgemeinschaften verweisen aber darauf, dass ihnen das Wohl der Tiere durchaus am Herzen liege und dass die rituellen Schlachtungen von Fachleuten durchgeführt werden, die die Technik perfekt beherrschen.

Juden wie Moslems sehen sich jedenfalls durch das drohende Schächtverbot fast schon in ihrer Existenz bedroht, in dem Sinne, dass sie dann nur noch die Wahl haben, Vegetarier zu werden. „Und im Moment haben wir das Gefühl, dass es da an gutem Willen mangelt“, sagt Philippe Markiewicz vom israelitischen Zentralkonsistorium. Sollte es dabei bleiben, dann wäre das ein desaströses Signal an die Adresse insbesondere der jüdischen Gemeinschaft. Aber, er gebe die Hoffnung nicht auf…

Roger Pint - Bild: Jim Hollander/EPA

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5 Kommentare
  1. Marcel Scholzen Eimerscheid

    Da stellen sich dann interessante juristische Fragen : Ist die in der Verfassung garantierte Religionsfreiheit höher einzuschätzen als der Tierschutz ? Oder vielleicht anders ausgedrückt, darf man Tiere töten und gegebenenfalls quälen um der Religionsfreiheit willen ? Hört Religionsfreiheit vielleicht da auf, wo Tierschutz anfängt ?

  2. Peter Schallenberg

    Gähn, schon wieder mal die Nazikeule! Wie originell! Wie sachlich, Herr Markiewicz.
    Denkt auch mal bitte jemand an die Tiere und ob die das so sakral finden, mit oder ohne Elektroschock auf primitivste Weise ausgeblutet zu werden? Es ist zu vermuten, das die Tiere teilweise einen schrecklichen Todeskampf erleben dürften, da das Gehirn noch durchblutet wird. Und das für irgendeine „Religion“! Barbarisch und rückständig und mit Sicherheit nicht von Gott gewollt oder gefordert. Bleibt die Frage, wem es hier an gutem Willen mangelt- oder an Mitgefühl für hilflose Geschöpfe!
    Religionen = Opium fürs Volk.

  3. Joachim Wahl

    Ich finde die Forderungen dieser „religiösen“ Gruppen völlig in Ordnung. Es sollte auch saudi-arabischen Gruppen gestattet werden, Enthauptungen, Auspeitschungen oder Händeabhacken bei Diebstahl durchzuführen. Das kann alles religiös argumentiert werden. Nordkoreanern sei ebenfalls das in der Öffentlichkeit sehr beliebte Massenerschießen in Sportarenen zugestanden. Es ist an der Zeit, sich unserer über Jahrhunderte gewachsenen ethischen Prinzipien zu entledigen.

  4. Marcel Scholzen eimerscheid

    Ein Verbot würde wahrscheinlich nicht viel bringen, da das Schächten dann eben im verborgenen stattfindet, wo dann überhaupt kein Wert auf Tierschutz gelegt wird. Das hier ist ein Sachverhalt, den man nicht einfach so mit ein paar Paragraphen regeln kann wie etwa ein Problem des Straßenverkehrs. Hier stößt der Rechtsstaat an seine Grenzen. Religiöse Überzeugungen passen nicht in den gewohnten Rahmen von Logik und Vernunft, der sonst unser tägliches Tun und Handeln bestimmt.

  5. Mario Meis

    Man soll die Rechte eines Landes respektieren, Herr Markiewicz.
    Wenn das Schächten bei uns verboten ist,dann ist das nunmal so.
    Das hat seinen guten Grund,auch Tiere sind Geschöpfe Gottes
    Wenn einem das nicht gefällt, kann man das Land immernoch verlassen!

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