Die Presseschau von Montag, dem 21. November 2022

Die Zeitungen blicken zunächst nach Katar, wo gestern das Eröffnungsspiel der umstrittenen Fußball-WM stattgefunden hat. Unter anderem eine Aussage von FIFA-Chef Gianni Infantino sorgt für Schlagzeilen. Zweites großes Thema ist der Abschluss des Klimagipfels in Ägypten. Trotz der Fortschritte bleiben Beobachter skeptisch.

Beim Eröffnungsspiel zwischen WM-Gastgeber Katar und Ecuador lichteten sich bereits kurz nach Anpfiff die Reihen (Bild: Bruno Fahy/Belga)

Beim Eröffnungsspiel zwischen WM-Gastgeber Katar und Ecuador lichteten sich bereits kurz nach Anpfiff die Reihen (Bild: Bruno Fahy/Belga)

„Ab jetzt geht’s um Fußball“, schreibt La Libre Belgique auf Seite eins. „Der Ball rollt“, titelt das GrenzEcho. Neben diesen nüchternen Schlagzeilen gibt es aber auch kritischere Töne: „Das ‚Fest‘ hat begonnen“, notiert etwa Gazet van Antwerpen. Man beachte: Das Wort „Fest“ steht in Anführungszeichen. „Peinlicher Start“, titelt Het Laatste Nieuws. Nicht nur, dass bei der Eröffnungsfeier auch einige peinliche Bilder produziert wurden. Beim Eröffnungsspiel war das Stadion nach der Pause quasi halbleer. Gastgeber Katar hat nämlich gegen Ecuador eine schmerzliche Niederlage einstecken müssen. „Es gab viele ‚fröhliche Gesichter‘ außer bei Katar“, so das Fazit von Het Nieuwsblad.

Die Fußball-WM mit ihrem umstrittenen Austragungsort Katar beschäftigt auch heute noch die Leitartikler. Gazet van Antwerpen etwa kritisiert die Rede von FIFA-Chef Gianni Infantino. Der Italo-Schweizer hatte dem Westen Scheinheiligkeit vorgeworfen, nach dem Motto: „Wenn Europa sich für seine Fehler der letzten 3.000 Jahre entschuldigen müsste, dann würde das wohl Jahre dauern“. Das ist das, was der Angelsachse „Whataboutismus“ nennt, meint Gazet van Antwerpen. Heißt: Man widerlegt nicht Beschuldigungen, sondern man legt dem Kritiker dessen eigene Missstände zur Last. Denn mal ehrlich: Was bitte haben die Menschenrechtsverletzungen in Katar mit den dunklen Seiten der europäischen Geschichte zu tun? Diese Rede hätte sich Infantino sparen können.

Sind wir nicht doch ein bisschen scheinheilig?

Het Belang van Limburg sieht das etwas anders. Klar: Die Menschenrechtslage in Katar – insbesondere die Haltung des Regimes zur Homosexualität und die menschenunwürdige Behandlung von Arbeitsmigranten – überschattet diese Fußball-WM. Und das auch völlig zu Recht. Aber sind wir nicht doch ein bisschen scheinheilig? Vielleicht nicht wegen unserer eigenen Geschichte, sondern wegen unseres Verhaltens im Hier und Jetzt. Denn, nicht vergessen: Spätestens seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ist Katar zu einem der wichtigsten Gaslieferanten Europas aufgestiegen. In den letzten Monaten haben sich Delegationen aus EU-Staaten in dem Emirat die Klinke in die Hand gegeben, um regelrecht um Gas zu betteln. Wir kennen Menschen, die die WM boykottieren wollen, wir kennen aber niemanden, der bewusst auf katarisches Gas verzichten will.

La Dernière Heure kann die ganze Diskussion nur bedauern. Wir erleben gerade düstere Zeiten. In Europa herrscht Krieg. Der militärische Konflikt, den Russland in der Ukraine vom Zaun gebrochen hat, sorgt auch bei uns für erhebliche Verwerfungen, vor allem wirtschaftlicher Art. Eine Fußball-WM käme da eigentlich wie gerufen, um den Menschen als Ventil zu dienen. „Brot und Spiele“, sagten schon die alten Römer. Das Problem: Das Brot ernährt die Menschen im Moment nicht und die Spiele sind leider allzu oft von Korruption und Geldgier durchtränkt.

COP27 – Das Glas ist halbleer

Zweites großes Thema heute ist das Ende der Klimaschutzkonferenz im ägyptischen Sharm El-Sheikh. „Das Abkommen von Sharm El-Sheikh fühlt sich nach ‚zu wenig‘ an“, so das Fazit von L’Avenir. Die Konsequenz steht auf Seite eins von De Standaard: „Die Erderwärmung wird mehr als 1,5 Grad betragen. Der Gipfel bringt keine Erlösung“. „Die Dringlichkeit ist für später“, bemerkt denn auch sarkastisch Le Soir auf Seite eins.

Ist das Glas nun halb leer oder halb voll?“, fragt sich L’Avenir in seinem Leitartikel. Denn es gibt auch durchaus Fortschritte zu vermelden. So hat sich der Gipfel unter anderem auf die Einrichtung eines Entschädigungsfonds geeinigt. Grob gesagt will der Norden die Länder des Südens bei der Bewältigung von Klimakatastrophen finanziell unterstützen. Die eigentlichen Klimaschutzziele wurden aber nicht angeschärft. Und das macht das Glas halb leer.

Was man in Sharm El-Sheikh gemacht hat, ist reine Symptombekämpfung, bringt es Het Nieuwsblad auf den Punkt. Man zahlt einfach für die Schäden, die durch die zu erwartende Häufung von Umweltkatastrophen hervorgerufen werden. Wenn man das Übel aber nicht an der Wurzel packt, dann wird das zum Fass ohne Boden. Ganz zu schweigen von dem menschlichen Leid, das durch den immer schneller verlaufenden Klimawandel erzeugt wird. Schuld sind vor allem die erdölexportierenden Länder, die alle Register gezogen haben, um eine schrittweise Abkehr von fossilen Energieträgern mit allen Mitteln zu verhindern.

Ein Spiegelbild der aktuellen „Weltunordnung“

De Morgen sieht das genauso. Auf der einen Seite ist da natürlich besagter Entschädigungsfonds. Der war längst überfällig. Schließlich tragen die Länder der nördlichen Erdhalbkugel die mit Abstand größte Verantwortung für die Klimaerwärmung. Nur können wir uns nicht einfach freikaufen. Weil der Gipfel es nicht geschafft hat, die Ursachen anzupacken, muss man ihn denn auch als gescheitert betrachten. Schuld ist wohl auch die aktuelle Energiekrise. Insbesondere die Europäer konnten wohl nicht den Druck auf die Produzenten fossiler Energie weiter erhöhen, auf die Gefahr hin, dass die dann weiter an der Preisschraube gedreht hätten. Europas geopolitische Rivalen haben unsere Position der Schwäche gnadenlos ausgenutzt.

Insofern war die Klimaschutzkonferenz von Sharm El-Sheikh eigentlich nur ein Spiegelbild der aktuellen „Weltunordnung“, ist La Libre Belgique überzeugt. Zunächst ist da der Konflikt zwischen der nördlichen und der südlichen Hemisphäre. Die Entwicklungsländer werfen den Industriestaaten zu Recht vor, das Problem verursacht zu haben. Der vielgelobte Entschädigungsfonds ist aber letztlich nur ein ungedeckter Scheck, da die Finanzierung nicht geregelt ist. Insgesamt hatte jeder angesichts der zahlreichen geopolitischen Unwägbarkeiten eigentlich nur seine eigenen Interessen vor Augen.

Roger Pint