Die Presseschau von Donnerstag, dem 17. November 2022

Die Zeitungen atmen nach dem Raketeneinschlag in Polen von Mittwochnacht heute auf: Sie fassen die neuesten Erkenntnisse zusammen, loben die Reaktionen der Nato-Mitglieder und ziehen Parallelen zu einem Vorfall in Belgien 1989. Auch ein mögliches Ende des Konflikts wird thematisiert.

Krisensitzung nach dem Raketeneinschlag in Polen (Bild: Saul Loeb/AFP)

Krisensitzung nach dem Raketeneinschlag in Polen (Bild: Saul Loeb/AFP)

„Auf Messers Schneide“, so die Schlagzeile von Het Belang van Limburg. „Alle aus dem Bett geholt“, schreiben Het Nieuwsblad und Het Laatste Nieuws auf Seite eins. Ein Foto, das auf vielen Titelseiten zu sehen ist, zeigt, wer gemeint ist: In der Mitte sieht man den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, umringt unter anderem vom Amerikaner Joe Biden, vom Deutschen Olaf Scholz und vom Spanier Pedro Sanchez. Mittwochnacht waren die Staats- und Regierungschefs beim G20-Gipfel auf Bali von den Meldungen aufgeschreckt worden, wonach in Polen eine Rakete eingeschlagen war und zwei Menschen getötet hat. Kurz darauf gab es die Krisensitzung, die auf dem Foto festgehalten ist.

Die Nato geht inzwischen davon aus, dass es sich um eine ukrainische Flugabwehrrakete gehandelt hat. In Kiew sieht man das nach wie vor anders: „Präsident Selenskyj bleibt dabei: Es waren russische Raketen“, so die Schlagzeile von Gazet van Antwerpen. De Standaard glaubt, dass sich der ukrainische Präsident damit einen Bärendienst erweist: „Selenskyjs Kommunikation setzt die Beziehungen mit der Nato unter Spannung“, schreibt das Blatt auf Seite eins.

Frieden am seidenen Faden

„Einen Moment lang standen wir an der Schwelle zum Krieg“, ist La Dernière Heure überzeugt. Als bekannt wurde, dass in Polen angeblich zwei Raketen eingeschlagen waren, haben sich insbesondere die Sozialen Netzwerke fast schon überschlagen. Eine markige Aussage jagt die nächste. Immer wieder gab’s Appelle, wonach die Nato Artikel 5, also die Beistandsklausel aktivieren solle. Immerhin: Die politisch Verantwortlichen der wichtigsten Nato-Staaten haben sich nicht daran beteiligt, sondern sich in Zurückhaltung geübt, allen voran die USA. Zu Recht, wie sich zeigte. Nach Informationen der Nato handelte es sich um eine ukrainische Flugabwehrrakete. Dieser Vorfall zeigt einmal mehr, in welch gefährlichen Zeiten wir leben. Entsprechend sollte jeder zweimal überlegen, bevor er sich zu einem Vorfall äußert.

Es waren Momente der Angst, gibt Gazet van Antwerpen zu. Denn es war genau das passiert, was wir seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine befürchtet haben: Ein Übergreifen des Konflikts auf ein Nato-Land. Das kann in letzter Konsequenz einen Mechanismus in Gang setzen, der den Konflikt auf eine ganz andere Ebene bringen würde. Zum Glück hat sich kein einziges Nato-Land zu markigen Aussagen und überhasteten Entscheidungen verleiten lassen. Das ist eine doch sehr beruhigende Feststellung.

Es hat wohl nicht viel gefehlt, glaubt Le Soir. Ein Funken hätte gereicht. Der Frieden hängt offensichtlich inzwischen nur noch an einem seidenen Faden. Wir sind in einer Situation, die man eigentlich nur noch aus den Geschichtsbüchern kannte. 1914 hatten zwei Kugeln auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand gereicht, um Europa in einen vierjährigen Albtraum zu stürzen. Umso mehr muss man die mäßigende Zurückhaltung der politisch Verantwortlichen hervorheben, insbesondere der Polen.

Lehren aus der Vergangenheit

Man konnte tatsächlich das Schlimmste befürchten, meint auch L’Avenir. Polen ist Mitglied der Nato. Und entsprechend hätte ein Angriff auf Polen die gesamte Allianz in den Krieg hineingezogen. Einen Moment lang war uns der Krieg wirklich besorgniserregend nahe gekommen; eine unheimliche Situation. Zum Glück hat der Westen einen kühlen Kopf bewahrt. Dieser Vorfall zeigt einmal mehr die Absurdität dieses und im Grunde auch aller Kriege. Gestern konnte das Schlimmste noch abgewendet werden. Vom Frieden sind wir aber noch weit entfernt.

Denn ja, ein solches Szenario kann sich wiederholen, warnt Het Belang van Limburg. Schließlich findet dieser Krieg vor unsere Haustüre statt. Auch russische Waffen können durch einen Fehler Kurs auf Nato-Territorium nehmen. Man erinnere sich nur an den 4. Juli 1989: Wegen technischer Probleme hatte der Pilot eines sowjetischen Kampfflugzeuges den Schleudersitz betätigt; die Maschine flog aber weiter, überquerte quasi ganz Europa, um am Ende im westflämischen Bellegem in ein Wohnhaus zu krachen. Ein 19-jähriger Student kam damals ums Leben. Also: Man muss immer einen kühlen Kopf bewahren. Die Vergangenheit lehrt, dass insbesondere wir in Europa schlafwandelnd in einem Weltkrieg landen können. Natürlich bedeutet das nicht, dass wir die Ukraine nicht weiterhin mit aller Entschlossenheit unterstützen müssen. An einer direkten Konfrontation zwischen Nato und Russland kann aber niemand ein Interesse haben.

Lichtblicke in düsteren Zeiten

Bei aller Unterstützung für die Ukraine sollte man aber nicht immer auf Präsident Selenskyj hören. Auch das ist eine Lehre aus dem Vorfall, ist L’Echo überzeugt. In Kiew würde man es bestimmt begrüßen, wenn die Nato auf den Plan treten würde. Entsprechend sind Aussagen aus Kiew immer mit Vorsicht zu genießen. Aber noch ein weiteres Fazit zwingt sich auf: Schuld an alledem ist allein der Kreml. Es ist Russland, das einen völkerrechtswidrigen und barbarischen Krieg gegen die Ukraine führt. Gerade in der fraglichen Nacht gab es den schlimmsten russischen Angriff seit Kriegsbeginn. Wenn die Ukraine Flugabwehrraketen abgefeuert hat, dann nur, weil sich das Land verteidigen musste.

In diesen ausgesprochen düsteren Zeiten gibt es aber auch Lichtblicke, glaubt De Morgen. Trotz des Bombenregens auf die Ukraine mit seinen gefährlichen Kollateralschäden zeigen sich inzwischen die Konturen eines möglichen Friedens. Wladimir Putin taumelt von einer Niederlage in die nächste. Jüngstes Beispiel ist die Wiedereroberung von Cherson durch die ukrainische Armee. Zwar ist der Krieg wohl noch lange nicht vorbei. Aber es mag doch so aussehen, dass die Russen am Ende auf der Verlierer-Seite stehen. Das verändert die Machtverhältnisse an einem zukünftigen Verhandlungstisch. Aber apropos: Wenn es tatsächlich eine Perspektive auf Frieden gibt, dann muss man früh genug mit den Vorbereitungen beginnen. Denn die Geschichte lehrt auch, dass in einem Vertrag, der einen Krieg beendet, schon die Keime eines nächsten Konflikts stecken können.

Roger Pint