Die Presseschau von Montag, dem 12. September 2022

Auf vielen Titelseiten sieht man heute den Radsportler Remco Evenepoel im roten Trikot jubeln. Aber auch einige Leitartikel kommentieren den Vuelta-Sieg des Belgiers. Weitere Themen sind eine erfolgreiche ukrainische Gegenoffensive gegen Russland und die Vorverhandlung zum Prozess um die Brüsseler Terroranschläge.

Remco Evenepoel (Bild: Oscar Del Pozo/AFP)

Remco Evenepoel (Bild: Oscar Del Pozo/AFP)

„König Remco I“, jubelt Het Nieuwsblad. „King Remco I“, schreibt Gazet van Antwerpen in fetten Buchstaben. „Der König von Madrid“, so die Schlagzeile des GrenzEchos. „Remco, der König von Spanien“, titelt Le Soir.

Remco Evenepoel hat gestern die Vuelta, also die Spanienrundfahrt gewonnen. Mit erst 22 Jahren ist es sein erster Sieg bei einer großen Rundfahrt. Und ganz nebenbei: „Evenepoel ist der erste belgische Sieger einer großen Tour seit 44 Jahren“, schreibt La Libre Belgique. 1978 hatte mit Johan De Muynck der letzte Belgier eine große Rundfahrt gewonnen, nämlich damals den Giro d’Italia.

„Und ab jetzt ist alles möglich“, orakelt hoffnungsvoll Het Laatste Nieuws auf Seite eins. Denn es dürfte wohl nicht das letzte Mal sein, dass Remco Evenepoel von sich reden macht. Viele hoffen jetzt, dass er auch bei der Tour de France gut abschneiden kann.

„Mehr als ein Ex-Fußballer mit großer Klappe“

„Wer sich vor Remco Evenepoel und seiner Leistung angemessen verneigen will, der muss aufpassen, dass er sich dabei nicht den Rücken bricht“, meint Het Nieuwsblad in seinem Leitartikel. Gerade einmal 22 Jahre ist er alt. Und doch hat er schon einem ganzen Land nach vier Jahrzehnten das Gefühl zurückgegeben, wie es ist, wenn man als Belgier eine große Tour gewinnt. Größer kann ein Verdienst kaum sein. Sein Sieg bei der Vuelta hat gezeigt, wie sehr sich Remco Evenepoel körperlich und mental weiterentwickelt hat. Und, klar, da brennt vielen jetzt nur noch eine Frage unter den Nägeln: „Kann er das auch bei der Tour?“. Sagen wir mal so: Der Sieg bei der Vuelta ist ein gutes Zeichen. Aber eine Garantie ist das natürlich nicht. Bei einer Tour de France sind nämlich doch nochmal ganz andere Kaliber am Start. Aber immerhin hat Belgien jetzt wieder einen Radprofi, der bei einer großen Tour um den Sieg mitfahren kann. Was kann sich ein radsportverrücktes Land mehr wünschen?

„Remco Evenepoel hat jetzt jedenfalls bewiesen, dass er doch mehr ist als ein Ex-Fußballer mit einer großen Klappe“, ist Het Belang van Limburg überzeugt. „Remco“: So hätte eigentlich auch eine Hightech-Firma heißen können. Jetzt haben diese fünf Buchstaben schon ihren Platz in den Geschichtsbüchern, sie stehen für den größten Hoffnungsträger des belgischen Radsports seit Jahrzehnten. Remco lässt uns jubeln; er bringt uns zum Träumen; er sorgt dafür, dass wir den Krieg in der Ukraine und die hohen Energiepreise mal einen Moment lang vergessen können.

Ein Wendepunkt im Ukraine-Krieg?

Apropos Ukraine: Das ist das zweite große Thema heute in den Zeitungen. „Die Ukraine überrascht mit einer erfolgreichen Gegenoffensive“, titelt etwa De Morgen. De Standaard setzt noch einen drauf: „Die Ukraine versetzt Russland einen Nackenschlag“, schreibt das Blatt.

Mit ihrer beeindruckenden Gegenoffensive hat die ukrainische Armee die russische Besatzungsmacht im Nordosten des Landes ausgekontert, analysiert De Morgen in seinem Leitartikel. Das ist durchaus ein wichtiger taktischer Sieg für die Equipe um den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Aber eine gewonnene Schlacht ist noch kein gewonnener Krieg. Der Westen darf sich jetzt nicht auf den ukrainischen Lorbeeren ausruhen, sondern muss die Regierung in Kiew weiter unterstützen. Der anstehende Winter wird wohl entscheidend sein. Denkbar ist, dass insbesondere in Europa die Solidarität abbröckelt und dass gleichzeitig Russland die Zeit nutzen wird, um neue Soldaten zu mobilisieren und eine Frühjahrsoffensive vorzubereiten. Das Idealszenario wäre demgegenüber, dass man in den nächsten Monaten die Ukraine weiter wirtschaftlich und militärisch stärkt, bis zu einem Punkt, an dem Wladimir Putin und seine Clique einsehen müssen, dass man das Nachbarland auch im Frühjahr nicht wird besiegen können. Letztlich haben wir den Ausgang des Krieges mit in der Hand…

In jedem Fall sollten die Ukrainer den Mund mal nicht so voll nehmen, mahnt La Dernière Heure. Die Russen zu demütigen, kann ein sehr gefährliches Spiel sein. Denn Putin fehlt es nicht an militärischen Mitteln und auch nicht an Stolz oder Entschlossenheit. Man sollte den Bären nicht provozieren.

Ob der Krieg in der Ukraine jetzt schon an einem Wendpunkt steht: Man weiß es nicht, meint nachdenklich Gazet van Antwerpen. Ob die Ukraine die neuerlichen Gebietsgewinne wird halten können, muss sich erst noch zeigen. Kaum ein Experte zweifelt daran, dass Russland immer noch über ausreichend Kapazitäten verfügt, um hart und schmerzhaft zurückzuschlagen. Auch ist nach wie vor nicht auszuschließen, dass sich beide Seiten eingraben und dass sich das Ganze zu einem Stellungskrieg entwickelt. Man sollte jedenfalls jetzt nicht unbedingt gleich mit einem schnellen Ende des Krieges rechnen…

Die Aufarbeitung eines nationalen Traumas

Vor allem die frankophonen Zeitungen beschäftigen sich mit dem Brüsseler Terrorprozess. Das Hauptverfahren um die Anschläge vom 22. März 2016 startet zwar eigentlich erst am 13. Oktober, heute findet aber die Vorverhandlung statt. Dabei stehen technische und organisatorische Fragen im Mittelpunkt.

Und doch sollte man den heutigen Tag nicht unterschätzen, warnt La Libre Belgique. Klar: Normalerweise ist eine solche Vorverhandlung nur für Anwälte von Belang. Im vorliegenden Fall ist das anders. Hier wird sich nämlich schon zeigen, welcher Geist bei dem Prozess herrschen wird. Die vorsitzende Richterin Laurence Massart wird die schwierige Aufgabe haben, dafür zu sorgen, dass das Verfahren von Besonnenheit geprägt sein wird. Dies nicht nur im Sinne der Opfer und Hinterbliebenen, sondern auch mit Blick auf das Image des Landes.

Bei diesem Verfahren wird ein ganzes Land ein nationales Trauma aufarbeiten müssen, meint sinngemäß Le Soir. Dieser Prozess wird nicht nur die Opfer und deren Angehörige, sondern uns alle dazu zwingen, all die schrecklichen Ereignisse nochmal Revue passieren zu lassen und uns dabei auch mit den Tätern und ihren Motiven zu beschäftigen. Letztlich geht es natürlich darum, Recht zu sprechen, der Gerechtigkeit Genüge zu tun. Die Botschaft muss aber eigentlich lauten: „Plus jamais ça“, „Nie wieder so etwas“.

Roger Pint