Die Presseschau von Samstag, dem 6. August 2022

Die Trockenheit und ihre Folgen beschäftigen die Presse auch in ihren Leitartikeln. Ebenso kommentiert werden heute der Umgang mit der Bedrohung durch die Affenpocken sowie die Flüchtlings- und Migrationspolitik. Und schließlich geht es noch um den Ukraine-kritischen Bericht von Amnesty International.

Flandern leidet unter Trockenheit: Feld in Lierde (Bild: Nicolas Maeterlinck/Belga)

Flandern leidet unter Trockenheit: Feld in Lierde (Bild: Nicolas Maeterlinck/Belga)

„Die Trockenheit hält an, aber kein Bewässerungsverbot“, meldet Het Laatste Nieuws auf Seite eins. „Hitzespitzen hatten wir schon, jetzt kommt die Hitzewelle“, warnt Gazet van Antwerpen. „Angesichts der Hitzewellen: Bald sind alle unsere Häuser weiß angestrichen!“, glaubt La Dernière Heure.

Von Belgien über Frankreich bis Italien fallen die Pegel der Wasserläufe und auch der Grundwasserspiegel immer tiefer, beklagt La Dernière Heure in ihrem Leitartikel. Beschränkungen, wie sie jetzt bereits in zwölf wallonischen Gemeinden in Kraft sind, könnten wir in den nächsten Jahren im ganzen Land, ja in ganz Europa, sehen. Mehr noch als Öl oder Gas wird uns das Wasser fehlen. Und mehr denn je wird Wasser zu blauem Gold werden, zu einem Objekt von Begehrlichkeiten und Spekulation. Wir werden ernsthaft darüber nachdenken müssen, wie wir in Zukunft mit unserem Trinkwasser umgehen wollen: Duschen statt Baden, keine Bewässerung des Rasens mehr oder Autowaschen mit Trinkwasser … Alles Gesten, ohne die wir eines Tages auf dem Trockenen sitzen werden. Aber wir müssen auch auf technische Lösungen setzen, wie etwa die Wasseraufbereitung oder den systematischen Einbau von Zisternen, fordert La Dernière Heure.

Sie waschen ihr Auto doch auch nicht mit Evian-Wasser, empört sich auch Gazet van Antwerpen. Es ist zwar gut, dass die Industrie als Wassergroßverbraucher damit beginnt, auf recyceltes Wasser umzusteigen. Allerdings liegt auch hier noch ein langer Weg vor uns. Aber neben der Industrie sind es eben auch vor allem die Haushalte, die riesige Mengen an Wasser aus dem Hahn, also Trinkwasser, verbrauchen. Wasser, das bis zur Hälfte durch Regenwasser ersetzt werden kann, etwa bei der Toilettenspülung, für die Waschmaschine oder bei der Bewässerung des Gartens. Wasser also, das sonst einfach von unseren Dächern aus ungenutzt und direkt in der Kanalisation verschwindet, erinnert Gazet van Antwerpen.

Nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen

La Libre Belgique beschäftigt sich in ihrem Kommentar mit der Stigmatisierung von Menschen, die sich mit Affenpocken angesteckt haben, und zieht Parallelen zu den Anfängen der Aids-Epidemie in den 1980er Jahren: Auch jetzt geraten, nicht zuletzt befeuert durch die Sozialen Netzwerke, wieder insbesondere die Homosexuellen ins Fadenkreuz. Das ist ein bedauerlicher Rückschritt, der beweist, wie wichtig Prävention und vor allem auch die Aufklärung der Bevölkerung im Allgemeinen sind. Hierbei sollten wir voll auf all die Lehren zurückgreifen, die über die Jahre aus dem Kampf gegen HIV gezogen worden sind. Wenn wir das schnell machen, dann könnte das Jahr 2022 vielleicht ein bisschen weniger düster werden, hofft La Libre Belgique.

Proaktive, menschenwürdige Migrationspolitik

Das GrenzEcho kommt auf den Fachkräftemangel zurück: Belgien braucht gleich mehrere Dinge. Zum einen muss Arbeiten im Vergleich zu Ersatzeinkommen wesentlich attraktiver werden. Zweitens müssen massive Anstrengungen unternommen werden, damit Menschen mit Migrationshintergrund, vor allem in Brüssel, verstärkt in den Arbeitsmarkt integriert werden. Und schließlich braucht unser Land, wie seine Nachbarn, eine proaktive Migrationspolitik. Nicht zuletzt deshalb, weil man eine Reindustrialisierung wünscht. Davon losgelöst ist das Recht auf Asyl ein Menschenrecht. Das gilt es zu gewährleisten: für alle Berechtigten gleichermaßen. Unter menschenwürdigen Bedingungen, unterstreicht das GrenzEcho.

Ein System offener Grenzen ist natürlich genauso illusorisch wie eines mit geschlossenen, meint De Standaard. Ersteres ist schon allein durch finanzielle, politische und gesellschaftliche Kapazitätsgrenzen nicht möglich. Letzteres ist einfach unrealistisch angesichts der Welt, in der wir leben: Der Druck auf die Grenzen Europas wird in den kommenden Jahrzehnten nicht abnehmen, im Gegenteil. Klimawandel, politische Umwälzungen, Krieg, Armut und Hunger werden auch weiter zu großen Bevölkerungsbewegungen führen. Den Kopf in den Sand zu stecken, ist keine Option. Die Diskussion über diese Wirklichkeit ist notwendiger denn je. Wenn wir am Asylsystem festhalten wollen, dann muss auch über seine Nachhaltigkeit gesprochen werden. Das Recht auf Asyl streng zu begrenzen auf die, die wirklich Anspruch darauf haben, ist nicht illegitim. Aber ohne eine breitere Vision zur Migration ist auch das keine Lösung, mahnt De Standaard.

Zwischen Vorbildfunktion und Naivität

Le Soir greift den Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International auf, in dem die Taktiken der ukrainischen Streitkräfte bei der Verteidigung ihres Heimatlandes gegen den russischen Überfall scharf kritisiert werden. Die ukrainische Armee gefährde dabei die Zivilbevölkerung und verstoße damit gegen internationale Menschenrechte, so die französische Vorsitzende von Amnesty. Die ukrainische Sektion von Amnesty hat sich von dem Bericht distanziert und ihn zurückgewiesen. Sie wirft dem Amnesty-Hauptquartier Parteinahme zugunsten der russischen Besatzer und Invasoren vor, hebt die Zeitung hervor. Dadurch, dass die Russen gezielt die Zivilbevölkerung angreifen würden, hätten die Ukrainer gar keine andere Wahl als genau diese Orte zu verteidigen. Ja, die russischen Verbrechen müssen unermüdlich angeklagt werden. Ja, die Ukraine muss angesichts der Invasion unmissverständlich unterstützt werden. Aber die Menschenrechte müssen kompromisslos geschützt werden. Europa und die Ukraine haben hier eine Vorbildfunktion – trotz aller russischen Gräueltaten. Denn selbst im Krieg gelten Regeln, glaubt Le Soir.

Der Amnesty-Bericht ist ein gefundenes Fressen für alle, die gegen die europäische Unterstützung für die Ukraine sind, analysiert De Morgen. Für all diejenigen, die behaupten, dass Präsident Selenskyj den Krieg zum Vergnügen am Laufen hält und dass er ihn doch eins-zwei-drei schnell beenden könnte, wenn er nur bereit wäre, mit Putin zu verhandeln. Seit dem Beginn des Krieges hat Russland keine Sekunde lang zwischen militärischen und zivilen Zielen unterschieden. Die Russen haben unvorstellbare Gräueltaten an vollkommen unschuldigen Bürgern verübt, wie etwa in Butscha. Überall feuern sie gnaden- und wahllos auf alles, egal ob nun Militärbasis oder Wohnblock. Aber die ukrainischen Truppen, die die Städte gegen die Aggressoren verteidigen, hätten dort nichts zu suchen, sagt Amnesty. Natürlich, sicher wäre es wohl viel besser, wenn man die Russen einfach überall ohne Widerstand rumballern ließe. Wer manchmal sicherlich berechtigte Kritikpunkte nutzt, um Zweifel an der Unterstützung für die Ukraine zu wecken, der spielt nur dem blutrünstigen Autokraten in Moskau in die Karten, wettert De Morgen.

Boris Schmidt