Die Presseschau von Freitag, dem 7. Januar 2022

Die Titelseiten und auch die meisten Leitartikel stehen heute vor allem im Zeichen des gestrigen Konzertierungsausschusses. Neben den Beschlüssen beziehungsweise Nicht-Beschlüssen in Sachen zusätzliche Schutzmaßregeln wird dabei insbesondere die Kommunikation der Verantwortlichen thematisiert.

Premier De Croo bei der Pressekonferenz im Anschluss an den Konzertierungsausschuss vom 6. Januar (Bild: Nicolas Maeterlinck/Belga)

Premier De Croo bei der Pressekonferenz im Anschluss an den Konzertierungsausschuss vom 6. Januar (Bild: Nicolas Maeterlinck/Belga)

„‚Weg der Vorsicht und Stabilität'“ – Regeln nicht verschärft trotz Omikron“, fasst das GrenzEcho den gestrigen, ersten Konzertierungsausschuss des Jahres zusammen. „Vorsicht und Status quo angesichts der Omikron-Brandungswelle“, titelt L’Avenir. „Bis zu 125.000 Ansteckungen pro Tag möglich, doch die Politik wartet ab“, so die Überschrift bei De Standaard.

Der Konzertierungsausschuss hat beschlossen, vorläufig nichts zu beschließen, kommentiert Het Belang van Limburg. Das ist die Kurzzusammenfassung des ersten Corona-Treffens 2022. Wie geplant werden die Schulen kommenden Montag wieder öffnen und werden weiterhin die heutigen, relativ lockeren Maßregeln gelten. Premier De Croo hat einen „Pfad der Vorsicht und Stabilität“ gepredigt. Stabilität war ja etwas, was wir in den vergangenen Wochen nicht wirklich gesehen haben, Stichwort Staatsrat und Aufhebung der Schließung des Kultursektors. Hatten die Regierungen des Landes jetzt Angst, dass neue, strengere Regeln die angekratzte Glaubwürdigkeit noch weiter beschädigen könnten? Dass der bürgerliche Ungehorsam noch weiter zunehmen würde? Fakt ist jedenfalls, dass der Konzertierungsausschuss vorläufig abwartet, so Het Belang van Limburg.

„Débrouillez-vous“

Die Zahl der Menschen, die sich während der fünften Welle anstecken soll, ist unglaublich hoch, hält Gazet van Antwerpen fest. Aber dennoch gibt es laut Konzertierungsausschuss keinen Grund, zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen. Egal wie sehr das gestern wissenschaftlich untermauert wurde, diese Entscheidung ist doch ein bizarrer Spagat. Dass das nicht logisch klingt, das wird man auch beim Konzertierungsausschuss wissen. Die Botschaft ist mindestens widersprüchlich, findet Gazet van Antwerpen.

Von den Kongolesen kennen wir den berühmten, wenn auch fiktiven Artikel 15 des Grundgesetzes: „Débrouillez-vous“, „Helft euch selbst“. Dieser Ausdruck scheint auch eine sehr geeignete Beschreibung für das aktuelle Corona-Krisenmanagement der versammelten Regierungen des Landes, stichelt De Morgen. Der Bürger wird freundlich gebeten, auf eigenen Füßen zu stehen. Auch wenn die Omikron-Variante wohl nicht so krankmachend ist, hätte man angesichts der befürchteten Infektionszahlen trotzdem erwartet, dass der Konzertierungsausschuss die Maßnahmen anpasst. Wir reden nicht von drastischen Schritten wie einem Lockdown, da sind sich alle einig. Aber etwas zusätzliche Vorsicht, um die Auswirkungen des Peaks abzumildern und die Ansteckungswelle zu strecken. Aber nichts davon. Wir haben von Premier De Croo lediglich den Rat bekommen, doch vorsichtig zu sein, schreibt De Morgen.

Alle Eier in einem Korb

Jetzt liegen alle Eier in einem Korb, resümiert De Standaard. Alle Hoffnungen ruhen auf der Annahme, dass die Explosion der Zahl positiver Corona-Tests nur einen relativ geringen Einfluss auf die Anzahl der Krankenhausaufnahmen haben wird. Sollte sich diese Hoffnung bewahrheiten, dann würde das bedeuten, dass in der Ferne so etwas wie eine gewisse Normalität winkt. Tritt der andere, weniger wahrscheinliche, Fall ein, dann wird es nach Leibeskräften pumpen heißen. Oder wir werden ersaufen. Es ist deutlich, dass das Fiasko um die Schließung des Kultursektors noch nachwirkt bei den politisch Verantwortlichen. Deswegen haben sie sich entschlossen abzuwarten und die Daumen zu drücken, dass alles gut geht. Diese Strategie kann sich als die richtige erweisen für diese Phase der Pandemie, hofft De Standaard.

Der Konzertierungsausschuss hätte sich über einen Notfallplan beugen können, findet Het Laatste Nieuws. Auch wenn die Omikron-Variante milder scheint, so gilt doch: Je mehr Menschen sich anstecken, desto mehr werden, zumindest zeitweise, ausfallen. Im Gesundheitssektor macht man sich Sorgen über so eine Entwicklung. Warum also nicht sicherheitshalber einen personellen Notfallplan für die Sektoren vorbereiten, die nicht einfach mal eine Woche zumachen können? Für die Krankenhäuser, für die Alten- und Pflegeheime, für die Schulen, für den öffentlichen Nahverkehr? Man kann natürlich einfach hoffen, dass die fünfte Welle keine Probleme bringt, aber eine gute Vorbereitung wäre viel wert, mahnt Het Laatste Nieuws.

Wird die Einmütigkeit halten?

Dieser Konzertierungsausschuss stand unter dem Zeichen der Aussöhnung, so La Dernière Heure. Der Aussöhnung zwischen Politik und Experten zunächst, indem letztere voll in den Nachdenk- und Kommunikationsprozess eingebunden wurden. Dann der Aussöhnung mit der Bevölkerung, indem die Politik die Karte der Transparenz und der Reue spielte. In Zeiten großer Spannungen wie jetzt gerade ist es gut, seine Fehler einzugestehen und zu überdenken, was nicht funktioniert hat, so das Bekenntnis des Premierministers. Man hat den Eindruck, dass die Regierung versucht, das Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen, konstatiert La Dernière Heure.

Le Soir greift die demonstrative Einmütigkeit der Verantwortlichen auf. Jetzt müssen die Politiker noch beweisen, dass dieses neugefundene gute Einvernehmen auch hält, wenn wirklich etwas entschieden werden muss. Denn diese Prüfung steht uns noch bevor: Es wird darum gehen, den Kurs zu halten in einer Zeit mit wohl rekordverdächtigen Ansteckungszahlen. Dann wird es darum gehen, schnell zu handeln und, im schlimmsten Fall, Sektoren wieder zu schließen. Und damit für neuen Frust bei den Firmen, bei den Bürgern, bei den Wählern zu sorgen, gibt Le Soir zu bedenken.

Allzu oft hat es geheißen, es werde noch eine letzte Anstrengung notwendig sein, erinnert das GrenzEcho. Diesmal könnte es tatsächlich die letzte große Anstrengung sein, ehe wir schrittweise in eine endemische Lage übergehen. Damit wäre zwar die Pandemie beendet, aber das Coronavirus wäre immer noch da, wenn auch nicht mehr so bedrohlich wie jetzt. Wir befinden uns also in einer Übergangssituation. Und die sind bekanntlich am schwersten zu meistern. Gemeinsam aber werden wir die kommenden schweren Wochen meistern, ist das GrenzEcho überzeugt.

Boris Schmidt