Die Presseschau von Montag, dem 15. November 2021

Die Corona-Infektionszahlen durchbrechen die Schallmauer und auch die Lage auf den Intensivstationen wird immer ernster. Die Zeitungen richten den Blick daher auf mögliche Maßnahmen. Die Leitartikler beschäftigen sich außerdem mit dem Abkommen der Klimakonferenz von Glasgow. Erfüllt es die Erwartungen?

Covid-19-Patient auf Intensivstation (Bild: Anne-Christine Poujoulat/AFP)

Covid-19-Patient auf Intensivstation (Bild: Anne-Christine Poujoulat/AFP)

„Covid – Die Experten verlangen entschlossenere Maßnahmen“, schreibt Le Soir auf Seite eins. „Strengere Maßnahmen erscheinen unvermeidbar“, notiert Gazet van Antwerpen. „Aufruf der Krankenhäuser: Seien Sie extrem vorsichtig“, titelt Het Belang van Limburg.

Die Corona-Zahlen gehen inzwischen wieder regelrecht durch die Decke und die Lage in den Krankenhäusern spitzt sich wieder zu. Am Wochenende wurde die psychologische Schwelle von 500 Patienten auf der Intensivstation überschritten. Der Konzertierungsausschuss wird diese Woche über mögliche neue Maßnahmen entscheiden.

Das wissenschaftliche Beratergremium Gems empfiehlt unter anderem die erneute Schließung von Diskotheken und Nachtclubs. Und Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke stellt auch schon einige Vorschläge in den Raum: „Ungeimpfte sind nicht mehr willkommen“, so die Schlagzeile von Het Nieuwsblad. Vandenbroucke plädiert nämlich unter anderem für 2G in Diskotheken und Nachtclubs.

„Eine allgemeine Impfpflicht liegt zum ersten Mal auf dem Tisch“, titelt derweil Het Laatste Nieuws. Schon zwei Gesundheitsminister sind dafür, nämlich der föderale Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke und die wallonische Kollegin Christie Morreale.

Corona: Wie wäre es mit einem Mittelweg?

„Wie können wir dieser Pandemie endlich Einhalt gebieten?“, fragt sich ernüchtert De Morgen. Dass wir auch knapp zwei Jahre nach der „Geburt“ von Covid-19 immer noch keine Antwort auf diese Frage haben, das ist einfach nur frustrierend. Klar, wir dachten, die Impfungen würden das Problem ein für allemal lösen. Das Virus hat sich aber als noch hartnäckiger erwiesen als gedacht. Jetzt müssen wir auch schon wieder über Lockdowns nachdenken, wenn auch in Belgien bislang nur theoretisch. Aber allein das schürt schon wieder gewaltiges Misstrauen. Viele Menschen haben den Eindruck, dass sie längst ihr Quäntchen beigetragen haben. Das Problem ist, dass zu viele Politiker zu oft, zu voreilig und zu vollmundig das Reich der Freiheit angekündigt haben. Im Moment verhalten sich die Verantwortlichen aber nicht wirklich besser: Eingegriffen wird erst, wenn die Lage in den Krankenhäusern wieder zu entgleisen droht. Wie wäre es mit dem Mittelweg? Wir brauchen eine nachhaltige Strategie, denn längst ist doch deutlich geworden, dass wir das Virus so schnell nicht loswerden. Diese Achterbahnfahrt zwischen einerseits Panik und andererseits dem Reich der Freiheit, die muss aufhören!

La Dernière Heure hält ihrerseits ein Plädoyer gegen die Maskenpflicht für Kinder ab neun Jahren, wie sie ja gerade im Raum steht. „Sollte diese Maßnahme beschlossen werden, dann werden meine Kinder keine Maske tragen“, giftet die Leitartiklerin. Unsere Kinder haben schon genug unter dieser Pandemie gelitten! Und bevor man sie wieder bestraft, sollte man sich erstmal auf die Ungeimpften konzentrieren: Eine Impfpflicht muss her, angefangen beim medizinischen Personal! Warum wird diese Maßnahme schon wieder auf das Frühjahr verschoben? Sich ungeimpfte Erwachsene vorzuknöpfen wäre so viel mutiger, als erneut die Kinder ins Visier zu nehmen.

Glasgow – ein enttäuschendes Ergebnis

Viele Zeitungen beschäftigen sich heute aber natürlich auch mit dem Ende der Klimaschutzkonferenz im schottischen Glasgow. Auf den Titelseiten überwiegt die Enttäuschung: „Ein Abkommen ohne wirkliche Ambition“, titelt etwa Le Soir. „Nicht Fleisch, nicht Fisch“, schreibt auch La Libre Belgique. „Die Klimakonferenz schafft es nicht, Kohle zu verbannen“, notiert De Standaard auf Seite eins. „Es tut uns leid“, so die Schlagzeile von L’Avenir. Das sind die Worte von Alok Sharma, dem Vorsitzenden der Klimaschutzkonferenz. Denn das Abkommen wurde quasi auf der Ziellinie noch abgeschwächt. Dafür gesorgt haben anscheinend insbesondere Indien und China. „Selbst der Vorsitzende sagt ‚Sorry'“, bemerkt auch Het Nieuwsblad.

Naja, immerhin hält man an dem Ziel fest, dass die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzt werden soll, bemerkt Het Nieuwsblad in seinem Kommentar. „Hurra!“, doch ist nach wie vor nicht klar, wie wir dieses Ziel erreichen sollen. Denn so viel ist sicher: Die Klimapläne, die die Staaten der Welt bislang auf den Tisch gelegt haben, werden nicht ausreichen. Hinzu kommt, dass viele sich bislang nicht an ihre ohnehin schon mageren Versprechen gehalten haben. Warum sollte sich das jetzt ändern? Und doch zeigen sich einige Klimaforscher verhaltend zufrieden. Denn immerhin wird genau das festgehalten, also dieser Graben zwischen den Versprechen einerseits und den Taten auf der anderen Seite. Und ein Abkommen ist letztlich besser als gar nichts.

Andere Zeitungen sind nicht ganz so wohlwollend. Das Resultat von Glasgow, das ist tatsächlich nicht sehr viel mehr als Blabla, meint etwa Het Belang van Limburg. Im Moment steuern wir auf eine Erderwärmung um 2,4, im schlimmsten Fall sogar 2,7 Grad. Glasgow ist nicht der Wendepunkt, sondern ein Flop. „Tout ça pour ça“, „viel Aufwand, wenig Ergebnis“, beklagt auch L’Avenir. Indien und China haben den Kohleausstieg blockiert, die entsprechende Formulierung im Abkommen in letzter Minute abgeschwächt. Trotz aller warmen Worte werden wir – Stand heute – das 1,5-Grad-Ziel verfehlen. Glasgow steht für eine verpasste Chance.

„Klimaaktivisten, bleibt am Ball!“

„Es hat nicht sollen sein“, konstatiert ihrerseits resigniert Gazet van Antwerpen. Glasgow sei die letzte Chance, um die Welt zu retten, hatte der britische Premier Boris Johnson zum Auftakt der Konferenz gesagt. Nun, hoffentlich hatte er unrecht, anderenfalls sind wir verloren. Und doch ist es nicht so, als habe Glasgow so gar nichts gebracht. So wird unter anderem die Abkehr von fossilen Brennstoffen erstmals ausdrücklich festgehalten. Klar war in Glasgow mehr drin. Aber es gab immerhin Schritte in die richtige Richtung.

Ja, der Wind dreht sich langsam. Jetzt müssen wir nur dafür sorgen, dass die Segel richtig gesetzt sind, meint Le Soir. Glasgow war immerhin eine wichtige Etappe in der Bewusstseinsbildung. Man kann schon behaupten, dass inzwischen jeder soweit davon überzeugt ist, dass was passieren muss. Man kann nur hoffen, dass dieses Umdenken nicht zu spät kommt.

„Wir sollten die Flügel nicht hängen lassen“, mahnt ihrerseits La Libre Belgique. Natürlich ist das reine Ergebnis der Klimaschutzkonferenz ernüchternd und die Enttäuschung ist greifbar. Aber all die jungen und älteren Klimaaktivisten, die in den letzten Jahren auf die Straße gegangen sind, sollten jetzt nicht die Flinte ins Korn werfen. Ihnen ist es mit zu verdanken, dass der Kampf gegen die Erderwärmung jetzt ganz oben auf der weltweiten Agenda steht. Natürlich geht das alles zu langsam. Da wird man wohl noch ein bisschen nachhelfen müssen. „Bleibt am Ball“, appelliert das Blatt an die Klimademonstranten. „Denn ihr seid auf der richtigen Seite der Geschichte“.

Roger Pint