Die Presseschau von Samstag, dem 24. April 2021

Thema Nummer eins in den Zeitungen sind natürlich die Beschlüsse des Konzertierungsausschusses. Viele Leitartikler können den vorsichtigen Kurs der Regierungen des Landes nachvollziehen. Andere zeigen sich aber auch durchaus kritisch und beklagen vor allem, dass man den Kultur- und den Eventsektor regelrecht im Stich lasse.

Terrasse in Nieuwpoort im Juni 2020 (Bild: James Arthur Gekiere/Belga)

Terrasse in Nieuwpoort im Juni 2020 (Bild: James Arthur Gekiere/Belga)

„Zurück auf die Terrasse, aber in Maßen“, titelt Het Nieuwsblad. „Terrassen: bis 22 Uhr und zu viert am Tisch“, präzisieren La Dernière Heure, La Libre Belgique und das GrenzEcho.

Die meisten Zeitungen machen heute auf mit den Beschlüssen des Konzertierungsausschusses. Die Vertreter aller Regierungen des Landes haben ja gestern die schon beschlossenen Maßnahmen genauer ausformuliert. Neue Lockerungen wurden aber nicht in Aussicht gestellt, zumindest nicht mit einem konkreten Zeitplan.

„Die Kultur wird sich noch bis Juni gedulden müssen“, bemerkt denn auch La Libre Belgique. Denn in der Tat: Veranstaltungen werden erstmal nur draußen erlaubt sein, und das mit einer maximalen Teilnehmerzahl von 50. „Die Terrassen öffnen, die Kultur schmollt“, so fasst Le Soir denn auch die Lage zusammen. „Es ist ein Outdoor-Plan mit einem fragilen Gleichgewicht“, so formuliert es L’Avenir.

Insgesamt habe sich der Konzertierungsausschuss eben für eine vorsichtige Vorgehensweise entschieden, hatte Premierminister Alexander De Croo erklärt. „Mit Mini-Schritten zurück zum normalen Leben“, schreibt denn auch De Morgen. Aber „das ist die Grundlage für einen Sommer ohne Sorgen“, zitiert Het Laatste Nieuws den Premierminister.

Zwischen Hammer und Amboss auf einem Pulverfass

Der Konzertierungsausschuss hatte doch eigentlich gar keine andere Wahl, ist De Standaard überzeugt. Der Druck, der auf den Krankenhäusern lastet, ist nämlich wider Erwarten nicht zurückgegangen. Die Masche, die wir bei den beiden ersten Wellen mit Erfolg angewandt hatte, funktioniert nicht mehr. Damals hatten einige Wochen harter Disziplin gereicht, um die Zahlen so weit abzusenken, dass sich wieder Spielräume auftaten. Diesmal war das nicht der Fall. Im Gegenteil: Die Lage auf den Intensivstationen ist nach wie vor prekär. Gestern musste der föderale Krisenstab sogar die Alarmglocke ziehen. Neue Lockerungen sind denn auch derzeit unmöglich. Die Wiederöffnung der Terrassen konnte der Konzertierungsausschuss nicht mehr zurücknehmen. Dass die Kultur jetzt erstmal wieder warten muss, das ist schlimm für die Betroffenen. In dieser Krise hat das medizinische Personal aber Vorrang.

Denn wir sitzen auf einem Pulverfass, glaubt auch Het Belang van Limburg. Die aktuelle Lage erlaubt es einfach nicht, die Zügel schleifen zu lassen. Genau das hatten aber einige Regierungen gefordert. Sie kriegen Druck von ihrer Basis. Auf dem Terrain wächst die Ungeduld. Das bekommen insbesondere auch die Bürgermeister zu spüren, die ja besonders nah an den Menschen sind. „Wir sitzen auf einem Vulkan, der kurz vor dem Ausbruch steht“, hört man vielerorts. Die Regierung war also zwischen Hammer und Amboss. Auf der einen Seite hatte Premierminister Alexander De Croo keine andere Wahl, als die Schrauben etwas zu lockern. Dabei war die Besorgnis in seiner Stimme aber durchaus hörbar. Denn auf der anderen Seite warnt das Krisenzentrum vor „italienischen Zuständen“, die jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr undenkbar seien. Jetzt wird es also darum gehen, wie verantwortungsvoll wir alle mit den Lockerungen umgehen werden.

Nachvollziehbare Strategie oder doch ein mieses Spiel?

Vorsicht, Verantwortung, Vertrauen in die Vakzine, so fasst es auch das GrenzEcho zusammen. Die Strategie der kleinen Schritte, für die sich der Konzertierungsausschuss entschieden hat, macht Sinn, meint das Blatt. Denn es wäre ein Fehler, jetzt sämtliche Zügel loszulassen. Immerhin kommt das Impfen jetzt nach einigen Startschwierigkeiten gut voran. Und ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass die Impfkampagne Wirkung zeigt. Der Appell des Konzertierungsausschusses, sich impfen zu lassen, ist denn auch ein Appell nicht nur an die Solidarität, sondern auch an die Vernunft. Die Perspektive auf die Rückkehr in ein fast normales Leben nimmt den Ungeduldigen, die ja teilweise sogar den zivilen Ungehorsam proben wollen, den Wind aus den Segeln.

Einige Blätter sind derweil nicht ganz so wohlwollend. Hier wird ein ganz mieses Spiel gespielt, meint etwa sinngemäß La Dernière Heure. Beim letzten Konzertierungsausschuss am 14. April hatte Premierminister Alexander De Croo angekündigt, dass es bei der nächsten Sitzung am 23. April in erster Linie um die Kultur gehen werde. Aber Pustekuchen! Stattdessen gab es wieder eine kalte Dusche für die Kulturschaffenden und Eventveranstalter. Wieder wird die Branche vertröstet. Jetzt soll in drei Wochen entschieden werden, wie die Sommermonate aussehen sollen. So wird der Eindruck vermittelt, dass mit Blick auf die Sommerfestivals doch noch nicht alles verloren ist. Wobei jeder ahnt, dass sich das wohl auch wieder als Fata Morgana erweisen wird. Kann man diesen Menschen in Gottes Namen nicht endlich mal eine wirkliche Perspektive geben?

Die vergessene Kultur

„Hört auf, den Menschen etwas zu versprechen, das ihr nicht halten könnt!“, giftet auch Le Soir. Warum stellen Politiker immer noch tagelang Entscheidungen in Aussicht, die dann doch nicht kommen? Klar: Niemand stellt ernsthaft infrage, dass der Konzertierungsausschuss angesichts der besorgniserregenden Meldungen aus den Krankenhäusern Vorsicht walten lassen muss. Aber das wusste man eigentlich auch schon vor einigen Tagen. Und doch haben die Kulturminister aus dem Norden und aus dem Süden des Landes im Vorfeld der Sitzung Druck aufgebaut, sich sogar demonstrativ hinter einen Lockerungsfahrplan gestellt, den die Branche selbst ausgearbeitet hatte. Gestern war davon rein gar nichts mehr zu hören. Es ist dieses Kommunikations-Jo-Jo, das am Ende noch den letzten Rest der Akzeptanz töten wird.

Seit Beginn der Pandemie wurde die Kultur vergessen, ignoriert, im Stich gelassen, geopfert, meint auch anklagend La Libre Belgique. Wer hat sich denn auf der föderalen Ebene mal für die Kultur eingesetzt? Niemand! In anderen Ländern versucht man zumindest, die Kultur mit kleinen Schritten wieder hochzufahren. In Belgien liegt die Branche demgegenüber am Boden. Schade! Denn Kultur, das ist Leben. Ohne Kultur laufen wir Gefahr, lediglich noch freudlos zu überleben oder auf kleiner Flamme zu sterben.

Optimismus nicht verboten

„Wie wäre es mal mit ein bisschen Optimismus?“, scheint aber Het Laatste Nieuws einzuwenden. Klar: Nach jedem Konzertierungsausschuss gibt es viele enttäuschte Sektoren, gibt es aber auch Experten, die vor einem neuen Schub in den Corona-Zahlen warnen. Aber wer mal versucht, das Ganze mit etwas Distanz zu betrachten, der sieht auch positive Entwicklungen. Erste, vielleicht wichtigste Erkenntnis: Diese Dritte Welle tötet längst nicht mehr so viele Menschen wie die beiden ersten Wellen. Hinzu kommt: 70 Prozent der Über-65-Jährigen haben inzwischen mindestens eine Impfdosis bekommen. Das eine erklärt womöglich größtenteils das andere. Schon bald jedenfalls könnten die Über-50-Jährigen an die Reihe kommen. Und wer jetzt angesichts der Öffnung der Terrassen gleich wieder Horrorvisionen hat: Machen wir uns nichts weis, die Terrassen sind de facto längst offen, man muss sich nur die Menschenmengen in den Parks anschauen. Das alles nur, um zu sagen: Optimismus ist in diesen Tagen nicht verboten.

Roger Pint