Die Presseschau von Montag, dem 18. Januar 2021

Die jüngsten Ausbrüche der britischen Variante des Coronavirus sorgen heute für alarmierte Schlagzeilen auf vielen Titelseiten. Im Fokus stehen die verschiedenen Optionen, um die Epidemiewelle zu bremsen, darunter die notwendige Nachschärfung von Reisebeschränkungen. Denn: Auch um der Corona-Müdigkeit entgegenzutreten bedarf es nun endlich starker Taten.

Seniorenheim "De Groene Verte" in Houthulst

Das Seniorenheim "De Groene Verte" in Houthulst (Bild: Kurt Desplenter/belga)

„Die britische Variante verbreitet sich rasend schnell“, titelt Het Laatste Nieuws. „Schon zwei Schulen wurden geschlossen wegen der britischen Variante“, so die Aufmachergeschichte von Het Nieuwsblad. „Die Unruhe nimmt zu nach schweren Ausbrüchen der britischen Variante“, schreibt Het Belang van Limburg auf Seite eins.

Im Moment zieht vor allem die Gemeinde Houthulst in Westflandern alle Blicke auf sich. Dort wurde die britische Variante des Coronavirus in einem Alten- und Pflegeheim nachgewiesen. Über 100 Menschen sind infiziert. Und sie haben sich anscheinend in Nullkommanix angesteckt. Ebenfalls wegen der britischen Variante wurden in der Provinz Antwerpen zwei Schulen geschlossen. 2.000 Familien müssen für zehn Tage in Quarantäne.

„Die britische Variante steht unter verstärkter Beobachtung“, notiert derweil De Morgen. Man muss eine Sicht auf die britische Mutation bekommen, deswegen sollen Ausbrüche mit der Variante jetzt statistisch gesondert erfasst werden.

Und „für Reisende werden die Daumenschrauben weiter angezogen“, schreibt De Standaard. „Hauptsache, die Grenzen bleiben offen“, zitiert das Blatt den DG-Ministerpräsidenten Oliver Paasch. Wenn man Tests und Quarantäne auch für eine Aufenthaltsdauer im Ausland von weniger als 24 Stunden vorschreibe, dann werde normaler Grenzgänger-Verkehr unmöglich, warnt Paasch. Gesundheitsexperten empfehlen aber insbesondere auch, dass die Behörden Reisewarnungen für nicht notwendige Reisen aussprechen, um eine neue Reisewelle zu Karneval zu verhindern.

Besser zu spät als nie

„Wir wollen doch nicht etwa eine Wiederholung der Ereignisse von 2020?“, meint sinngemäß Het Belang van Limburg. Die Karnevalsferien kommen näher. Und wieder gibt es Leute, die meinen, dass sie das Land verlassen müssen. Dabei wissen wir längst, dass wir nach jeder Ferienperiode einen hohen Preis dafür zahlen. Das beste Beispiel war genau vor einem Jahr. Die Grenzen zu schließen, das sei politisch heikel, heißt es immer.

Aber, was ist die Alternative? In Frankreich dürfen die Menschen ab 18:00 Uhr nicht mehr auf die Straße. Von nicht-notwendigen Auslandsreisen einfach nur „dringend abzuraten“, das ist jedenfalls keine Lösung. Und auch verpflichtete Tests und Quarantäne schreckt niemanden ab. Und so laufen wir Gefahr, dass wir unsere „guten Zahlen“ am Ende doch einbüßen.

Die jüngsten Ausbrüche zeigen, dass es wohl zu spät ist, um den Vormarsch der britischen Variante noch zu stoppen, meint leicht resigniert De Morgen. Aber, es ist nicht, weil eine Reaktion spät kommt, dass sie dafür nutzlos wäre. Deswegen ist es absolut nötig, dass die Regierungen des Landes möglichst schnell zusammenkommen, um die Reisebeschränkungen nachzuschärfen.

Und auch die letzte Option, also eine zeitweilige Schließung der Grenzen, darf nicht mehr tabu sein. Wenn man eine effiziente Kontaktpersonennachverfolgung organisieren will, dann geht das nämlich wesentlich besser, wenn man den Zustrom von neuen Menschen mit Risikokontakten eindämmt. Und hier geht es auch um Fairness: Sehr viele Bürger tun ihr Bestes, um die Regeln zu befolgen. Für die ist es ein Schlag ins Gesicht, wenn die Zahl der Neuansteckungen steigt wegen einer Safari in Südafrika oder einer wilden Party in Dubai.

Wir werden immer unnachsichtiger und neidischer

„Und wir alle dürfen die Zeche zahlen“, wettert Het Laatste Nieuws. Spätestens am Freitag wird der Konzertierungsausschuss die Schrauben wieder ein bisschen anziehen. Und das ist der Preis für die zahnlose Politik in Sachen Auslandsreisen. Man darf nicht zu zweit in den Supermarkt, wohl darf man mit zehn Leuten in Dubai Party machen. Und sollten am Freitag neue Reisebeschränkungen kommen, dann darf man sich fragen, warum die Behörden das nicht früher beschlossen haben. Man muss ja nicht gleich die Grenzen schließen. Es hätte bestimmt noch viele andere Möglichkeiten gegeben, um die Menschen am Reisen zu hindern.

„Wir werden immer unnachsichtiger“, kann Het Nieuwsblad nur feststellen. Beispiel: Vom Online-Parteitag der OpenVLD gab es ein Foto von Parteichef Egbert Lachaert und Premier Alexander De Croo – beide brav auf Abstand. Dahinter war eine Band zu sehen. Virologen sahen da kein Problem, und doch gab es einen Proteststurm im Internet. Das ist symptomatisch. Wir gönnen niemandem mehr ein bisschen Spaß.

Immer mehr Menschen schwärzen ungeniert ihre Nachbarn an, wenn sie den Eindruck haben, da findet eine Lockdown-Party statt. Wenn wir bei einer Wanderung eine Gruppe von fünf Personen sehen, statt der erlaubten vier, dann müssen wir uns am Riemen reißen, um nicht mit einem anklagenden Finger auf sie zu zeigen. Und dann sprechen wir noch nicht von den Schimpfworten, die Auslandsreisenden hinterhergeschickt werden. Ja, wir werden immer mürrischer und neidischer. Dabei stellt sich doch die Frage: Wer hat noch nicht schon heimlich gesündigt?

Weniger Worte und mehr Taten

„Wo ist unser Kampfgeist geblieben?“, fragt sich ihrerseits La Dernière Heure. Beim ersten Lockdown haben viele noch reagiert nach dem Motto „Augen zu und durch“. Diesmal herrscht Dauerdepression. Gut, nicht alle Regeln sind wirklich logisch.

Wie erklärt man einem Frisör, dass er keine Kunden empfangen kann, wenn er sich doch bei einem Physiotherapeuten durchkneten lassen kann? Wie ist zu erklären, dass wir uns zwar nicht zu mehreren an einen Tisch setzen dürfen, aber wohl im vollbesetzten Flugzeug nach Dubai fliegen und dort feiern können?

Und warum wird von Urlaubsreisen in den Karnevalsferien immer noch lediglich „dringend abgeraten“? Man weiß doch, dass es viele mit der anschließenden Quarantäne nicht so genau nehmen. Wir sollten uns kollektiv noch einmal einen Ruck geben!

Motivation ist das A und O, glaubt Gazet van Antwerpen. Die meisten Menschen sind sich durchaus dessen bewusst, dass Lockerungen nicht für morgen sind. Die meisten plädieren auch für eine effiziente Kontrolle an den Grenzen, um den Import neuer Ansteckungen zu verhindern. Und entsprechend haben viele immer weniger Verständnis für die nicht enden wollenden Diskussionen darüber.

Insgesamt sollte das Rauschen im Blätterwald mal etwas leiser werden. Im Moment wird auf Teufel komm‘ raus kommuniziert. Ein bisschen weniger Worte, ein bisschen mehr Taten, das beruhigt. Und motiviert…

Roger Pint

5 Kommentare
  1. Lutz-René Jusczyk

    Welcher vernünftige Mensch reist in den diesjährigen Karnevalsferien zur Safari nach Südafrika oder zu einer Party nach Dubai?
    Was spricht dagegen, wenn man im Hinblick auf exotische Destinationen außerhalb der EU ein temporäres Reiseverbot verhängt?
    Etwas ganz anderes ist der kleine Grenzverkehr: Wenn Leute eben über die Grenze fahren, um Lebensmittel einzukaufen oder die eigenen Eltern zu besuchen, dürften Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen marginal sein.
    Warum sollte das Risiko, sich in Aachen oder Maastricht anzustecken, größer sein als bspw. in Antwerpen, wo sich die neue B.1.1.7-Virus-Variante nachweislich ausbreitet?
    Es wundert mich, dass die Zeitungsredakteure derart undifferenziert über das Thema schreiben und niemand von ihnen mal ein paar Vorschläge macht, wie Risikogruppen besser geschützt werden können.
    Wo bleiben die innovativen Ideen zur Bewältigung der Pandemie?

  2. Marcel Scholzen eimerscheid

    Wenn ich mich drei Tage in Prüm aufhalte, muss ich mich testen lassen. Wenn ich drei Tage in Antwerpen aufhalte, muss ich mich nicht testen lassen. Was kann man daraus schlussfolgern : Prüm ist gefährlicher als Antwerpen in den Augen des Gesetzgebers. Eine Annahme, die jeder vernünftig denkende Mensch als verrückt bezeichnen würde, denn sie entbehrt jeder Grundlage. Ich habe den Eindruck, dass die politischen Entscheidungsträger vor lauter Ratlosigkeit nicht wissen was sie tun.

    Nicht der Aufenthaltsort ist das Entscheidende sondern das persönliche Verhalten und geeignete Schutzausrüstung.

    Es ist gut, dass nun Impfungen zur Verfügung stehen, um endlich zur Normalität zurückzukehren.

  3. Lutz-René Jusczyk

    Herr Scholzen-Eimerscheid, besser kann man es meines Erachtens kaum auf den Punkt bringen.

  4. Maria van Straelen

    Herr Jusczyk, die Destinationen (Südafrika und Dubai) sind im wörtlichen Sinne ziemlich weit hergeholt. wenn Sie Belgien (ausserhalb der DG) ein bisschen besser kennen würden, wüssten Sie, dass halb Belgien in den Karnevalsferien in Skiurlaub in die Alpen fährt und mangels guter Skikünste vor allem dem Apres-Ski frönt. Ischgl schon vergessen ? Nicht Dubai. DAS ist die gegenwärtige Situation. Die Menschen der DG sehen nur sich, für Belgien sind die Grenzen Zaventem und Charleroi mit Abstand die wichtigsten. Und wenn nicht jeder einen Bodyguard vom Staat mitbekommt, der checked wo man hinfährt kann man auch über Köpfchen und Bildchen weiter nach Köln fahren und dort in den Flieger steigen.

  5. Lutz-René Jusczyk

    Frau van Straelen: Das war während der Weihnachtsferien zutreffend, ist es aber inzwischen nicht mehr, da europaweit alle Skigebiete geschlossen sind. Selbst die Schweiz befindet sich nunmehr in einem Lockdown.
    Wer gegenwärtig einen Vergnügungsurlaub machen will, muss schon ein Ziel außerhalb der EU auswählen.
    Es spricht nichts dagegen, derartige Reisen zu verbieten, den kleinen Grenzverkehr in unmittelbar benachbarte Länder jedoch unangetastet zu lassen.
    Wir sehen hier aber einmal mehr, wie wichtig eine europäische Koordination ist.